Persönlich

Sie ist jung und braucht das Du

Der Gast muss ein cooler Kumpel sein, kein König. (Symbolbild)

Schon die Lichterkette mit den farbigen Glühbirnen vor dem Eingang verrät es: Dieses Restaurant ist hip. Die Einrichtung und Dekoration ist darauf ausgelegt, beiläufig und nicht modern zu wirken. Alte Holztische, frische Blümchen. Und unterschiedliche Teller, als wäre man privat bei jemandem zuhause, der selten so viele Gäste empfängt und darum noch die Teller der Grossmutter ausgeliehen hat. Man könnte vom Charme eines grösseren Wohnzimmers sprechen. Es ist gemütlich, hip zwar, aber durchaus heimelig; eine dieser Gaststätten, die noch nicht zum systemgastronomischen Futtertrog verkommen ist. Mensch statt Maschine, lächelndes Antlitz statt leuchtende Anzeige.

Das libanesische Bier – in Zürich sind wir schliesslich Kosmopoliten – ist süffig. Es hat zwar wenig Geschmack, aber so kann geschmacklich auch wenig schiefgehen. Nur das weisse Bierschäumchen, es streckt sich bis oberhalb des Flaschenrands in die Höhe, trübt den Genuss aus Sicht der Augen.

Das Essen geht los, Häppchen hier, Häppchen da, mampf-mampf. «Alles gut bei Euch? Haben alle noch zu trinken?», fragt die Bedienung in einer zuvorkommenden Art, die freundlich wirkt. Ich will nicht mit einem simplen, womöglich brüskierenden «Nein» antworten. Zudem ist das Bierfläschchen bald leer und ein zweites liegt durchaus drin. «Kommen Sie in fünf Minuten wieder, dann ist das Fläschchen leer», sage ich. Vielleicht ist das salopp. Aber zugleich auch direkt, ehrlich, informativ und ertragssteigernd. Bevor ich diesem Gedanken näher nachgehen kann, schiesst die Dame brüsk zurück: «Ich komme gerne nochmals, solange Du mir nicht wieder Sie sagst; ich bin noch nicht so alt.» Ich bin perplex. Aber so kann sie sein, die hippe Stadtzürcher Gastfreundschaft. Der Gast muss ein cooler Kumpel sein, kein König.

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