Uetikon am See

Sie ist Dolmetscherin und Komikerin und setzt sich für Flüchtlinge und Toleranz ein: «Integration heisst, seine Schätze zu teilen»

Zarina Tadjibaeva ist Dolmetscherin und Schauspielerin. Zurzeit steht sie mit einer Komödie auf der Bühne. In ihrem Soloprogramm beleuchtet sie erfreuliche und negative Seiten ihres Berufs.

Zarina Tadjibaeva ist Dolmetscherin und Schauspielerin. Zurzeit steht sie mit einer Komödie auf der Bühne. In ihrem Soloprogramm beleuchtet sie erfreuliche und negative Seiten ihres Berufs.

Als Dolmetscherin müsse sie neutral sein, sagt Zarina Tadjibaeva. Umso mehr hat sie als Komikerin auf der Bühne zu sagen. Vorhang auf für eine gebürtige Tadschikin, die sich für Flüchtlinge und Toleranz einsetzt.

Ihr Programm «Verschtehsch» dreht sich um zwei Dolmetscherinnen und ihre absurden Erlebnisse. Was hat Sie veranlasst, aus Ihrem Beruf eine Komödie zu machen?

Zarina Tadjibaeva: Die Idee kam mir, als ich einer rassistischen Behördenvertreterin begegnete. Sie war sehr unhöflich und schrie einen Flüchtling aus Afghanistan an. Sie brüllte: Das kann man wohl bei euch machen, bei uns in der Schweiz nicht! Diese ganze Aggression zu übersetzen, war schlimm für mich. Ich steckte in einem Dilemma: Würde ich mich einmischen, erhielte ich keine Aufträge mehr. Hätte ich eine solche Szene jedoch auf der Strasse gesehen, wäre ich ganz sicher dazwischengegangen.

Niemand würde es merken, wenn Sie sich als Dolmetscherin auf eine Seite schlagen würden.

Ich nehme meinen Beruf sehr ernst. Ich habe mir abgewöhnt, wohlwollend zu übersetzen. Klar berühren mich gewisse Begegnungen innerlich. Aber ich darf mich nicht auf meine Emotionen verlassen. Ich muss sie ausblenden, sonst stosse ich an meine Grenzen.

Denken Sie an einen bestimmten Fall?

Einmal musste ich die Aussagen eines zehnjährigen afghanischen Mädchens übersetzen. Seine Eltern mussten wegen häuslicher Gewalt verklagt werden. Zum Schluss fragte die Richterin, was sie sich für ihr Leben wünsche. Das Mädchen antwortete: «Ich wünsche mir, dass ich nie wieder zurück zu meinen Eltern muss.» Als ich aus dem Gerichtsgebäude kam, habe ich nur noch geweint.

Es klingt nicht so, als ob Ihr Beruf Stoff für eine Komödie böte.

Es gibt traurige Geschichten in meinem Beruf, aber es gibt auch absurde und sogar lustige. Die Menschen sind so mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, dass sie nicht gerne zuhören würden, wenn ich ihnen traurige Sachen erzählte. Wenn die Menschen aber lachen können, dann öffnen sie ihr Herz. Das ist der Punkt, an dem ich ihnen die scharfen, die tragischen Seiten meines Berufs serviere. Aber mit dem nächsten Witz hole ich sie aus diesem Loch wieder raus. Ich will die Menschen zum Nachdenken bringen.

Welches ist das schönste Kompliment, das Sie bisher für Ihr Stück erhalten haben?

Jemand hat nach einer Aufführung zu mir gesagt: Nächstes Mal werde ich vorsichtiger sein, wenn ich mit traumatisierten Personen spreche. Es hat mich gefreut, dass ich jemandem, der anders denkt, meine Sicht auf die Flüchtlingspolitik zeigen konnte.

Wie denken Sie über den Umgang der Schweiz mit Flüchtlingen?

Es gibt in der Flüchtlingspolitik nicht schwarz und weiss. Die Schweiz macht viele Sachen sehr gut, andere nicht. Problematisch ist meiner Meinung nach, wie man mit den vorläufig Aufgenommenen mit Status F umgeht. Für sie ist es äusserst schwierig, eine Arbeit oder eine Wohnung zu finden, und sie dürfen nicht reisen. Man gibt ihnen das Recht, hier zu sein, aber verhindert die Integration. Es gibt Leute, die 15 Jahre lang mit diesem Status leben.

Sie wollen solche Migranten unterstützen und arbeiten an einem Theaterprojekt mit. Wie muss man sich das vorstellen?

In Chur gibt es eine Theatergruppe namens Global Players, in der auch Leute mitspielen, die nur wenig Deutsch können. Ich habe ein Theaterstück zum Thema Tabus geschrieben und führe die Regie.

Um welche Tabus geht es?

In allen Ländern gibt es Tabus. Sie sind sehr unterschiedlich. In der Schweiz etwa spricht man nicht darüber, wie viel man verdient, man spricht nicht über persönlichen Kummer oder darüber, ob man gläubig ist. Weil dann die anderen sofort das Gefühl hätten, man wolle missionieren. In China ist das Tiananmen-Massaker vom 4. Juni 1989 ein Tabu, und gewisse Zahlen nennt man nicht. Es soll in diesem Theater aber nicht nur um gesellschaftliche Tabus gehen, sondern auch um verschiedene Meinungen.

Um welche Meinungen?

Die Rolle der Frauen zum Beispiel. In Tadschikistan ist das Jungfernhäutchen eine enorm wichtige Sache. Ob es intakt ist oder nicht, ist entscheidend für die Zukunft des Mädchens. Eine grosse Frage ist auch, ob die Frauen Hidschab, ein Kopftuch, tragen müssen.

Was halten Sie von der Diskussion über den Hidschab in der Schweiz?

In muslimischen Ländern kämpfen viele Frauen darum, die Haare zeigen zu dürfen. Es ist absurd, dass sich hier in der Schweiz Personen, die kein Kopftuch tragen, dafür einsetzen, dass muslimische Frauen den Hidschab tragen dürfen. Der Hidschab ist ein Zeichen der Unterdrückung der Frauen. Das Problem ist, dass die Frauen damit aufwachsen und mit der Meinung, dass der Hidschab sie vor den Männern schützt.

Im Theaterstück geht es also um verschiedene Meinungen und Tabus. Wie soll das den Migranten helfen?

In vielen Kulturkreisen ist man Teil einer Gruppe, es gibt nur das «wir». Im Westen ist es anders, da zählt das «ich». Viele Migranten müssen lernen, so zu sein, wie sie sind, und trotzdem Teil der Gemeinschaft sein. Ich will, dass sie sich als Gemeinschaft fühlen, sonst entsteht Rassismus.

Die Migranten sind rassistisch?

Ja, gewisse, die schon länger da sind, beschimpfen die Neuen. Das widert mich an. Wenn ein Migrant rassistisch ist gegenüber anderen, dann ist das ein Zeichen, dass er selbst noch nicht richtig angekommen ist. Denn er verleugnet seine Identität. Dabei heisst Integration doch nicht, dass man die eigene Festplatte löschen muss, vielmehr soll man seine Schätze teilen. Viele Migranten müssen ausserdem lernen, dass sie hier keine Bittsteller oder Opfer sind wie in ihren Herkunftsländern, sondern Teil des Staates.

Sie sind selbst Migrantin. Wie hat es Sie in den Kanton Zürich verschlagen?

Ich hatte schon als Mädchen das Gefühl, vom Storch an die falsche Adresse geliefert worden zu sein. In Tadschikistan gibt es die traditionelle Vorstellung, dass ein Mädchen angepasst sein und auf die Erwachsenen und seinen Mann hören muss. Dagegen rebellierte ich. Mit 20 Jahren wanderte ich nach Deutschland aus. Ich habe die Freiheit so genossen. In der deutschen Sprache konnte ich zum ersten Mal ausdrücken, was ich fühle und denke.

Heute sind Sie in Uetikon am See zu Hause.

Ich will nie wieder woanders als am Zürichsee wohnen. Oft gehe ich an den Hafen, und dann denke ich mir, der Maler Hodler hat das genau so gemalt, wie es aussieht. Der See ist wunderschön. Und wenn ich ins Wallis oder nach Graubünden fahre, dann erinnert mich die Landschaft an Tadschikistan.

Waren Sie je wieder in Ihrer Heimat?

Ich habe noch Kontakt zu meiner Mutter, aber ich bin nicht oft dort. Ich liebe das Land, aber nicht die Verhaltensweisen dieser Menschen dort. Es bereitet mir Herzschmerzen, wie fest sie in den Traditionen verhaftet sind.

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