Geroldswil
Sie gewannen fünf Rennen auf WM-Stufe: Benzin in den Adern haben die Brüder Güdel immer noch

Die neue Serie «Was macht eigentlich …?» widmet sich ehemaligen Sportgrössen der Region. Den Auftakt machen die Geroldswiler Seitenwagen-Vizeweltmeister aus dem Jahr 1997, Charly und Paul Güdel.

Ruedi Burkart
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Charly und Paul Güdel sind heute im Unterhalt von Liegenschaften und Hauswartungen tätig.

Charly und Paul Güdel sind heute im Unterhalt von Liegenschaften und Hauswartungen tätig.

Ruedi Burkart Bild: zvg

Wir schreiben das Jahr 1990. Die DDR ist seit ein paar Monaten Geschichte, Handys kosten über 1000 Franken und die Schweizer Fussballnationalmannschaft hat wieder einmal eine Endrunde verpasst. In Spanien passiert derweil Geschichtsträchtiges. Im ersten Lauf der Seitenwagen-Weltmeisterschaft der Saison 1990 rasen die Geroldswiler Brüder Paul und Charly Güdel auf den sechsten Rang. «Es war ein guter Tag», sagt der damalige «Plampi», der heute 58-jährige Beifahrer Charly Güdel, rückblickend.

Sein um zwei Jahre älterer Bruder Paul pilotierte die Maschine bei der Premiere auf WM-Stufe, und das änderte sich in den acht Jahren, in denen die beiden Limmattaler Schweizer Motorsportgeschichte geschrieben haben, nie. «Charly war der bessere Passagier, ich konnte dafür besser fahren. Die Rollen waren relativ schnell verteilt», meint Paul Güdel und schmunzelt.

Sie gewannen fünf Rennen auf WM-Stufe

Übertrieben ist diese Selbsteinschätzung nicht. Insgesamt fünf WM-Läufe haben die Güdels in ihrer Karriere gewonnen, 1997 kamen sie in der Gesamtwertung auf den zweiten Schlussrang. In ihrem letzten Jahr gelang ihnen noch ein vierter Platz in der WM-Gesamtwertung. Doch dann war fertig.

Es gab auf die Saison 1999 verschiedene Änderungen. Beispielsweise wurde von Zweitaktmotoren auf Viertakter umgestiegen. Das war uns zu viel Aufwand.

(Quelle: Charly Güdel)

Die beiden beendeten ihre imposante Karriere und kümmerten sich vermehrt um ihre Familien und das gemeinsame Pneu- und Auspuff-Geschäft in der Fahrweid.Heute kaum vorstellbar, aber Mitte der 1990er-Jahre selbstverständlich: Seitenwagen-Rennen wurden auch im Schweizer Fernsehen live übertragen, Piloten wie der siebenfache Weltmeister Rolf Biland mit seinem «Plampi» Kurt Waltisperg waren Volkshelden.

 Pilot Paul und Beifahrer Charly Güdel 1996 auf der Rennstrecke.

Pilot Paul und Beifahrer Charly Güdel 1996 auf der Rennstrecke.

Ruedi Burkart Bild: zvg

Auch die Güdels profitierten vom jahrelangen Höhenflug der helvetischen Töfffahrer. «Wir waren in der richtigen Zeit aktiv», sagt Paul Güdel. «Reich wurden wir zwar nicht. Aber dank guten Sponsorenverträgen und den Preisgeldern haben wir auch nicht drauflegen müssen.» Heute interessiert sich die breite Öffentlichkeit nicht mehr für die Seitenwagen-Rennen, die es immer noch gibt. Die Namen der damaligen Helden, die kennen die älteren Sportfans indes immer noch.

Unterschiedlich, aber dennoch gleich

Nach einem fünfjährigen Intermezzo bei den vierrädrigen Quad-Motorrädern – solo, also ohne Beifahrer – beendeten die beiden Limmattaler 2005 ihre sportlichen Karrieren. «Wir sind aber immer noch aktiv», sagt Charly Güdel lachend, «jedoch auf tieferem Niveau.» Beide sind Mitglieder im Golfclub Unterengstringen, zudem biken sie mit ihren Familien immer wieder.

Schnee mögen beide nicht so richtig. Dass Paul jüngst aus warmen Gefilden aus dem Urlaub zurückkehrte und Charly mit seiner Familie aktuell in Thailand weilt, erstaunt darum weniger. Und weil der jüngere der beiden Brüder immer noch vom Motorsportvirus befallen ist, wird er sich zusammen mit Sohn und Tochter am Wochenende vom 21. und 22. März den Saisonauftakt des Moto-GP in Buriram vor Ort anschauen. «Wenn wir schon dort in der Nähe sind, warum nicht?», so Charly Güdel vor der Abreise gen Osten.

Ihr gesamtes Sportler- und Berufsleben haben die beiden Brüder gemeinsam verbracht. Wie schafft man es, während fast vier Jahrzehnten immer einer Meinung zu sein? «Na ja, also immer sind wir schon nicht einer Meinung. Aber wenn es etwas zu diskutieren gab, dann haben wir noch immer eine gemeinsame Lösung gefunden», sagt Paul Güdel. Sein Bruder ergänzt: «Wir haben einen komplett verschiedenen Charakter. Das ist wohl das Geheimnis. Wir ergänzen uns bestens.» Im Sport und im Geschäftsalltag.

Erst Pneus und Auspuffe, jetzt Liegenschaften

Auch wenn Güdel/Güdel zu aktiven Zeiten mit Rennen fahren «ein paar Franken» verdient haben, sind sie immer mit beiden Füssen auf dem Boden geblieben. 16 Jahre lang führten sie zusammen in der Fahrweid einen Pneu- und Auspuff-Handel, seit gut zehn Jahren sind sie im Unterhalt und Hauswartungen von Liegenschaften tätig.

Dass die beiden immer noch einen gewissen Promillewert Benzin im Blut haben, zeigen nicht nur die strahlenden Augen, wenn sie nach so vielen Jahren von ihrer Karriere erzählen. Sondern auch die Tatsache, dass Paul Güdel einem Gokart-fahrenden Kollegen als Betreuer und Mechaniker zur Hand geht. Ein weiteres Indiz: Die beiden Sessel im Büro an der Geroldswiler Feldstrasse. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, die diese kommen direkt aus dem neuen Formel-1-Boliden von Ferrari.