«Als Kind war ich mit meinem Vater oft auf dem gefrorenen Marmoriweiher Schlittschuhlaufen», sagt Sibylle Baumann. Während sie – Jahrzehnte später – an einem Nachmittag im Februar an dem Weiher in Dietikon entlang schlendert, erzählt sie von sich selbst. Das ist für die Dietikerin eher ungewöhnlich. Normalerweise erzählt sie nämlich von gewieften Geistern aus Japan, von rätselratenden Sultanen oder von Adlern, die nicht fliegen wollen.

«Ich überlege mir immer, welche Umgebung zu meinen Geschichten passt», sagt Baumann. Darum hat sie den Marmoriweiher als Schauplatz unseres Gesprächs ausgewählt. «Hier erkenne ich das Dietikon aus meiner Kindheit wieder», so die 48-Jährige, die heute mit ihrem Partner in der Stadt Zürich lebt. Dort hat sich Baumann als professionelle Geschichtenerzählerin einen Namen gemacht. Am 16. Februar wird sie das erste Mal überhaupt in Dietikon auf einer Bühne stehen, wenn sie im Theater Potztuusig unter dem Titel «Der verkaufte Traum» auf Mundart Märchen aus dem Morgenland erzählt.

Wir setzen uns auf eine Bank. Sofort fangen einige Enten an zu schwadern und nähern sich uns. Es scheint, als wollten sie zuhören. «Jeder Erzählung gebe ich meine persönliche Note», sagt Baumann. Auch ihrer eigenen.

Erzählen ist ihre Berufung

Geschichten wurden ihr als Kind keine erzählt, beginnt sie sodann. «Darum mache ich es heute wohl so gerne.» Auch beruflich schlug sie einen anderen Weg ein. Nach einer Lehre als medizinische Praxisassistentin bildete sie sich zur Kosmetikerin weiter und eröffnete ihren eigenen Salon. Heute lebt Baumann ganz vom Erzählen. «Eine Berufung», sagt sie. Der Weg gabelte sich vor 13 Jahren: Baumann hörte einer Erzählerin zu – und verliebte sich ins Geschichtenerzählen.

Die Dietiker Geschichtenerzählerin Sibylle Baumann erzählt die Geschichte «Der Traumdeuter» aus ihrem Programm «Der verkaufte Traum».

Die Dietiker Geschichtenerzählerin Sibylle Baumann erzählt die Geschichte «Der Traumdeuter» aus ihrem Programm «Der verkaufte Traum». Gehört hat Baumann die Geschichte von einer anderen Erzählerin, worauf sie ihr noch eine persönliche Note gab.

Dazu kam die Leidenschaft für das Sammeln von Überlieferungen aus aller Welt. Baumann stöbert dafür etwa in Brockenhäusern und im Internet. Besonders Rätsel- und Geistergeschichten sowie sinnlich erotische Erzählungen haben es ihr angetan. Sagen seien hingegen nicht ihr Ding. «Ich bin eine Städterin», sagt sie bestimmt. Neue Geschichten suchen muss sie heute eigentlich nicht mehr. Ihr Repertoire umfasst bereits deren 200. Rotkäppchen oder Schneewittchen finden sich nicht darin. «Die wurden zur Genüge erzählt. Es gibt zauberhafte Geschichten, die niemand kennt.»

Fortwährende Gültigkeit

Etwa ein afrikanischer Mythos, der davon handelt, warum Steine nicht sterben aber Menschen schon. «Die Geschichte kann Kindern erklären, warum es den Tod gibt», so Baumann. Auch Erwachsene täten gut daran, sich ab und an in Geschichten zu verlieren, sagt sie und blickt in die Ferne. «Vielleicht erkennen sie eine Weisheit darin.» Umso bedenklicher sei, dass die Erzählkultur in der Schweiz praktisch in Vergessenheit geraten sei. Darum organisiert Baumann seit 2015 jährlich die urbane Geschichtenoase; bei dem mehrtägigen Festival im alten botanischen Garten der Stadt Zürich treten nationale und internationale Erzähler auf.

Um zu beschreiben, was passiert, wenn sie öffentlich auftritt, beschwört Baumann ein Bild hinauf: «Ich erschaffe eine Landschaft. Dahindurch lege ich einen Weg für mein Publikum.» Auch sie müsse diesen Weg mehrfach begehen – buchstäblich: «Zur Vorbereitung spaziere ich herum und rede mit mir selbst.» Das Erzählen sei wie ein Film, der in ihr ablaufe. Den möchte sie möglichst lebhaft vermitteln. «Ich will so erzählen, dass sich mein Publikum mitten in der Geschichte wähnt», sagt sie und blinzelt in die Sonne. Während wir zurück Richtung Stadtzentrum schlendern, wird mir klar: Den Geschichtenschreibern geht es diesbezüglich nicht anders.