Die Kinder im Oberengstringer Kindergarten rutschen ungeduldig und erwartungsvoll auf ihrem Holzbänkli hin und her. In der Hand halten sie schwarze Turnschläppli. «Alle Schmetterlinge hinsitzen», sagt die Kindergärtnerin und übergibt die Kinder der Rhythmiklehrerin Barbara Eckinger. Händchenhaltend gehen sie mit ihr vom Kindergarten zur Schule Gubrist. Sie gehören zu einer der vier Klassen, die Eckinger heute zum ersten Mal in den Musik- und Bewegungsraum führt.
Die Mädchen und Buben müssen sich noch an die neue Herausforderung gewöhnen: Hier fliegt ein Turnschläppli weg, da hüpft ein Kind aus der Reihe. Eckinger blickt immer wieder zurück, damit sie alle acht Kinder im Auge behält. Die 64-jährige Stadtzürcherin unterrichtet bereits seit 40 Jahren an der Primarschule in Oberengstringen. Mit ihrem Beruf verbindet Eckinger zwei Passionen: «Ich wollte Lehrerin werden und Tanzen war meine Leidenschaft. Als ich Rhythmiklehrerin wurde, konnte ich die Pädagogik mit der Gymnastik kombinieren.»
Lange war Rhythmik ein offizielles Schulfach für die Kinder, doch 2011 wurde es aus dem Lehrplan gestrichen und durch Psychomotorik ersetzt. Letzteres wird als Ergänzung bei Bedarf eingesetzt.


Schulen wie Oberengstringen, die Rhythmik nach wie vor in ihrem regulären Stundenplan haben wollen, müssen den Unterricht aus ihrer Gemeindekasse berappen. Auch wenn über ihr Fach in den vergangenen Jahren immer wieder debattiert wurde, hat Eckinger ihre Berufswahl nicht bereut: «Ich habe das Glück, dass ich einen kreativen Beruf habe.» Deshalb sei es ihr nie langweilig geworden. Im Gegenteil: Sie selbst habe Vieles von den Kindern mitbekommen. «Ich lernte, mit allem Möglichen umzugehen. Zudem formuliere ich meine Forderungen nun klarer und probiere gleichzeitig, immer offen zu bleiben und wieder eine Chance zu geben», sagt Eckinger.

Auf die anderen und die Musik achten

Die Kinder sind mittlerweile im Schulhaus angekommen. Als Erstes folgt eine Einführung für die Neuankömmlinge: «Hier müsst ihr ganz leise sein, die Schüler sind jetzt am Lernen», und «Die Schuhe könnt ihr da hinstellen». Es dauert nicht lange, da stehen alle Schuhe in Reih und Glied unter der Bank und die Kinder betreten den Raum. «Ah, das ist ja die Turnhalle», sagt ein gewiefter Knabe, als er den Linoleumboden sieht. «Nein, das ist der Rhythmikraum», sagt Eckinger.
Sie wird später erklären, dass es in der Rhythmik darum geht, zu lernen, aufeinander und auf die Musik zu achten und sich entsprechend auszudrücken. Die Regeln – Aufstrecken, bevor man spricht und nicht auf dem Klavier spielen – wird Eckinger während der Lektion noch einige Male wiederholen müssen.

Das Kavierspielen bleibt vorerst tabu

Nachdem das Wichtigste geklärt ist, dürfen die Kinder vom Bänkli aufstehen. Das tun sie nur zu gerne. Einem Knaben im Trainingsanzug mit Camouflagemuster ist es beim Sitzen langweilig geworden. Kaum schaut Frau Eckinger nicht, zielt sein Finger auf die weisse Klaviertastatur. Nun können er und seine Gspänli zum Takt der Musik im Zimmer hüpfen, laufen, rennen und gehen. Das gefällt ihm schon besser. Anfangs bestimmen die Kinder, was sie machen, und Eckinger begleitet sie mit passender Klaviermusik. Später sollen sie sich entsprechend zur Musik bewegen. Dabei wirke die Musik sowohl stimulierend als auch ordnend. «Über die Sinne nimmt das Kind etwas auf und passt sich an», sagt Eckinger.


Bei dieser Übung zeigt sich auch die Vorliebe der Kinder: Ein Knabe mit braunen Locken würde am liebsten immer rennen. Sobald er die Gelegenheit hat, umrundet er die Gruppe mit schnellen Schritten. Der Knabe im Camouflage-Look ist immer jemandem auf den Fersen und die Mädchen gehen am liebsten im Gleichschritt nebeneinander her. «Die Kinder können mit Musik und Bewegung im kleinen Rahmen etwas lernen, was sie im Grossen überfordert», sagt Eckinger. Tatsächlich klappt das Hören auf die Musik bereits ziemlich gut: Den Takt des Hopserhüpfens finden die Kinder auf Anhieb heraus. Bis sie jedoch verstanden haben, dass sie bei den hohen Tönen auf Zehenspitzen gehen sollen, brauchen sie wohl noch einige Lektionen.
Doch nicht nur die Kinder freuen sich über die überschaubare Gruppe: Auch die Kindergärtnerinnen seien froh, wenn sie eine Weile Zeit haben, sich nur um die Hälfte der Klasse zu kümmern, sagt Eckinger. Ob die Rhythmikkurse in Oberengstringen jedoch nach ihrer Pensionierung weitergeführt werden, ist noch offen. Sicher ist, dass die Kinder während ihrer ersten Rhythmiklektion bereits voller Elan dabei sind. Als Eckinger fragt, was als Nächstes ansteht, schnellen gleich einige Hände in die Höhe und der lockige Junge ruft: «Rennen». Dabei ist er bereits in den Startlöchern für seine letzte Runde über den Linoleumboden.