Erica Brühlmann-Jecklin
Seit 36 Jahren - Von ihr lernte eine halbe Million die Anatomie

Erica Brühlmann-Jecklins Anatomie-Arbeitsbuch begleitet seit Jahren zahlreiche Medizinstudierende und angehende Pflegende. Das medizinische Standardwerk erscheint schon in der 15. Auflage.

Sophie Rüesch
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Seit der Ersterscheinung ist das Arbeitsbuch Anatomie eine feste Konstante in Erica Brühlmann-Jecklins Leben.

Seit der Ersterscheinung ist das Arbeitsbuch Anatomie eine feste Konstante in Erica Brühlmann-Jecklins Leben.

Alex Spichale

Sie hat eine halbe Million angehende Pflegende und Medizinstudierende durch ihre Lehrzeit begleitet: Erica Brühlmann-Jecklin, die Psychotherapeutin, Schriftstellerin, Liedermacherin, Gründerin der Gesellschaft für Muskelkranke Schweiz und aktuelle Stadtpräsidentengattin. Dass sie auch die Urheberin eines medizinischen Standardwerks ist, geht bei all dem irgendwie fast unter. Dabei ist ihre Arbeit am «Arbeitsbuch Anatomie» seit seiner Ersterscheinung vor 36 Jahren eine feste Konstante im Leben der umtriebigen 67-Jährigen.

«Jung und mittellos» waren die Brühlmann-Jecklins damals, Ende der 1970er-Jahre, als die frisch ausgebildete Krankenpflege-Lehrerin zwischen den Geburten der beiden Kinder ihre Arbeitsmaterialen in ein Buch verwandelte. Sie selbst wäre nie auf die Idee gekommen. Doch als sie eine Anatomie-Klasse an der Krankenpflegeschule in Zürich an einen Arzt abgab, bat dieser um die Hellraumprojektor-Folien seiner Vorgängerin – und war von deren strukturierter Lehrweise derart angetan, dass er ihr nahelegte, sich mit den Unterlagen bei einem Lehrmittelverlag zu bewerben.

Neuartige Didaktik

Verlieren könne sie ja dabei nichts, habe sie sich nach Rücksprache mit ihrem Mann Toni – damals noch Student – gesagt. Die Wahl fiel auf den Gustav-Fischer-Verlag in Stuttgart, der sofort Interesse an der Herangehensweise von Brühlmann-Jecklin zeigte. Sie hatte die Lerninhalte konsequent in die vier Themenblöcke Topografie («Wo liegt das Organ?»), Makroskopie («Was sehe ich von blossem Auge?»), Mikroskopie («Wie ist die Beschaffenheit des Gewebes?») und Physiologie («Wie funktionieren die verschiedenen Organe des Körpers?») aufgeteilt.

Ergänzt wurden die Ausführungen durch leicht verständliche Tabellen und Zeichnungen. Am Ende jedes Kapitels erwartete die Lernenden zudem eine Reihe von Fragen: eine Art Minitest, der ihnen zeigte, ob sie das Kapitel verstanden haben. «Heute findet man diese Didaktik in vielen Lehrmitteln. Doch damals war das ein Novum», sagt Brühlmann-Jecklin.

«Zeichnen kann ich auch selber»

Dem Vertragsabschluss stand nur noch eine Kostenfrage im Weg: Die anatomischen Zeichnungen von einem Fachmann erstellen zu lassen, war dem Verlag zu teuer. In ihrem «jugendlichen Übermut» schrieb Brühlmann-Jecklin zurück: «Zeichnen kann ich auch selber». Ein bisschen leer schlucken musste sie dann schon, als der Verlag begeistert nach ein paar Mustern in Tusch auf Pergamentpapier verlangte. Doch von solchen kleinen Hindernissen liess sie sich nicht beirren. Und sie hatte das Glück, dass der Mann einer Freundin technischer Zeichner war und sie gerne mit Materialien und Tipps ausstattete.

Kurz darauf flatterte ein versiegelter Brief ins Hause Brühlmann-Jecklin: Auch die Zeichnungen hatten überzeugt, der Vertrag war bereit zum Unterzeichnen. Von da an ging es schnell: Die erste Auflage erschien im Herbst 1980, kurz vor der Geburt von Sohn David, das Arbeitsbuch wurde im deutschsprachigen Raum zum Verkaufsschlager und in Bayern sogar bald zum offiziellen Lehrmittel in den Schwesternschulen.

Das Werk hat mehrere Verlagswechsel überstanden und auf Online-Buchportalen wird es seit Jahren mit fünf Sternen bewertet. «Ich glaube, das Buch kommt gut an, weil ich darin eine einfach verständliche Sprache verwende und trotzdem fachlich genau und korrekt bin», sagt Brühlmann-Jecklin.

Der Verkaufserfolg machte Brühlmann-Jecklin zur Millionärin

Doch mit der Ersterscheinung war ihre Arbeit noch längst nicht getan. Es folgten zahlreiche Neuauflagen – zu Beginn jährlich, mittlerweile etwa alle drei Jahre. Brühlmann-Jecklin, die sich zwischenzeitlich längst vom Pflegelehr-Beruf abgewandt hat, muss deshalb immer auf dem neusten Stand in Sachen Anatomie und Biologie sein. Die jüngste, 15. Auflage, die soeben erschienen ist, ist zum Beispiel um neue Erkenntnisse in der Pathologie ergänzt worden. Die Illustrationen wurden mittlerweile digitalisiert.

Der Verkaufserfolg hat aus Brühlmann-Jecklin auch eine Millionärin gemacht – über die 36 Jahre betrachtet, seit denen das Buch im Umlauf ist. Pro verkauftem Exemplar verdient sie heute rund vier Franken, früher waren es drei. Verkauft wurde das Arbeitsbuch seit 1980 fast eine halbe Million Mal, wobei Bibliotheks- und nach dem Studium weitergegebene Exemplare auf noch viel höhere Leserzahlen schliessen lässt. «Ich subventioniere mit den Einkünften aus den Buchverkäufen meine Kunst quer», sagt Brühlmann-Jecklin.

Bei all dem Erfolg und den guten Rückmeldungen muss sie sich übrigens auch damit abfinden, mal einer angehenden Pflegerin als Ventil für den Lernstress zu dienen. «De huere Jecklin!», habe eine Schülerin vor der Anatomieprüfung einmal in ihrer Gegenwart geschimpft. Was sie nicht wusste: «Die Jecklin» stand direkt vor ihr.