Geschätzte deutsche Mitbürgerinnen und Mitbürger! Entschuldigt bitte diese Anrede.

Schliesslich seid ihr von Gesetzes wegen keine Bürger, sondern Fremde, wie euch euer Ausländerausweis offiziell bescheinigt. Bürger ist man hier ja erst, wenn man das Bürgerrecht erhalten hat. Vorher ist man einfach, ohne Bürger zu sein.

Als Arbeitskräfte und Steuerzahler seid ihr uns sowieso herzlich willkommen. Doch euch deutschen Mitmenschen zeigen viele von uns Schweizern gern die kalte Schulter.

Wir suchen förmlich nach Dingen, über die wir uns euretwegen aufregen können. Wenn ihr Hochdeutsch sprecht, finden wir euch unsympathisch, wenn ihr es mit Schweizerdeutsch probiert, finden wir es peinlich. Ihr könnt es uns einfach nicht recht machen.

Dabei könnten wir so viel von eurer direkten Art lernen. Sagen, was Sache ist, nicht um den heissen Brei herumreden, was sowieso nicht geht, denn Brei haben wir hier nicht, dafür Müesli.

Ich erinnere mich an eine Medienkonferenz in Zürich mit dem Zürcher Regierungsrat Ernst Stocker und seinem baden-württembergischen Amtskollegen.

Wir Schweizer Journalisten sassen wie Staffage um den Tisch, als der Korrespondent der ARD den deutschen Politiker mit spitzen Fragen über Infrastrukturfinanzierung bombardierte. Erst nach einer Weile trauten sich einige von uns, Herrn Stocker die eine oder andere langweilige Frage zu stellen. Wir waren wie paralysiert vom Kampfgeist des deutschen Kollegen.

Ja, wir haben manchmal ein bisschen Angst vor euch, weil ihr vieles gut könnt, an dem wir nagen. Dabei sollten wir glücklich darüber sein, dass uns Deutschland unentwegt seine besten Leute schickt.

Mit Wissen und Praxis versehen, ausgebildet auf Kosten des deutschen Steuerzahlers zur freien Verfügung für die hiesige Wirtschaft, den Staat und die Wissenschaft.

Der Chef des Zürcher Amtes für Arbeit und Wirtschaft, Bruno Sauter, hatte bei der Präsentation eines Einwanderungsberichts vergangenes Jahr eine ganz gloriose Idee. Man sollte von Leuten wie euch quasi eine Eintrittsgebühr verlangen, dafür, dass ihr zum Beispiel unser Kanalisationssystem mitbenutzt, ohne dass eure Grosseltern dessen Bau vor Jahrzehnten mitfinanziert haben. Ich war gespannt, ob unsere Spitäler künftig den deutschen Universitäten Ablösesummen für Ärzte und Krankenpfleger bezahlen müssen, Transfergelder, wie beim Fussball. Die wären vermutlich so hoch, dass wir dafür noch manche Kanalisation in die Landschaft stellen könnten.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Freude habe ich an euch, liebe Deutsche. Nicht an den paar, die mich nerven, die finden sich auch unter meinen Landsleuten. Nein, ich meine diejenigen unter euch, die mein Leben bereichert haben. Auch dann, wenn sie nur für einen kurzen Moment meinen Weg gekreuzt haben.

Zum Beispiel Sie, liebe Krankenpflegerin aus dem Ruhrpott, die mich vergangenes Jahr so herzlich nach der Operation im Aufwachraum mit Cola und träfen Sprüchen über die widersinnigen Spitalabläufe versorgt haben. Sie haben mich derart zum Lachen gebracht, dass ich froh war, nicht am Bauch operiert worden zu sein.

Danke, liebe Architekten, Radiologinnen, Kellner, Artdirectors, Maskenbildnerinnen, Ingenieure, Bankerinnen, Professoren und Tramchauffeurinnen. Danke, dass euretwegen zwischen den Reihen von Dönerläden nun endlich der eine oder andere Currywurststand aufgemacht hat. Damit bereichert ihr unsere eintönige Fast-Food-Landschaft, wenn auch etwas schweinisch.

Überhaupt, ihr seid zwar wahrlich keine kulinarischen Götter, aber seit ich in Zürichs Supermärkten Schupfnudeln und Maultaschen kaufen kann, bin ich irgendwie glücklicher als vorher. Und auf die Sache mit dem Brot hat mich neulich ein Bekannter aufmerksam gemacht: Dank euch bekommt man hier nun diese schweren dunklen Brote, die vor Ballaststoffen nur so strotzen – eine regelrechte Ballastrevolution habt ihr damit ausgelöst, wenn ihr mir den Kalauer bitte verzeihen mögt.

Ich weiss auch nicht, warum alle so tun, als ob ihr erst seit gestern hier wärt. Zuwanderer aus dem deutschen Raum hat es immer gegeben. Die ersten kamen vor bald mal 1800 Jahren und nannten sich später Eidgenossen. Wagner, dem die Zürcher Kulturinstitutionen unlängst ein ganzes Festspielprogramm gewidmet haben, war deutsch durch und durch. Und im Treibhaus der Villa Wesendonck hat er nicht nur seine Qualitäten als Komponist, sondern auch diejenigen als Liebhaber unter Beweis gestellt – was mich bereits zum nächsten Thema bringt.

Denn ihr junge Singles aus dem Norden, die ihr AHV-zahlend unsere überalterte Gesellschaft auffrischt und so manchem Zürcher und mancher Zürcherin das eine oder andere Liebesabenteuer beschert habt. Ihr habt das Klischee Lügen gestraft, dass nur Südländer gut im Bett sind. Mit Vorsprung durch Technik habt ihr uns überzeugt, dass deutsche Gründlichkeit auch ihre leidenschaftlichen Facetten hat.

Etwas, liebe Deutsche , betrübt mich aber. Nachdem ihr während Jahren in Scharen nach Zürich gepilgert seid, kehren nun viele von euch zurück. Der Zustrom hat abgenommen. Kamen 2008 noch über 14 000 von euch, waren es 2012 weniger als 8000. Reicht ja immer noch, sagt sich da die Speerspitze des Kampfes gegen euch, die Winterthurer SVP-Nationalrätin Natalie Rickli. Doch oh weh, statt etwa 3000 Auswanderer hatten wir letztes Jahr 4645. So viele von euch sagten sich 2012: «Nett wars hier», dann nehmen sie die gesparten Franken und leisten damit die Anzahlung für eine Eigentumswohnung in Berlin oder kaufen sich ein Fertigbauhaus im Sauerland. Zusammen mit der ausbezahlten Pensionskasse reicht das für ein kleines Stück vom grossen Glück.

All die Jahre habt ihr uns immer erzählt, wie unglaublich toll es hier sei, mit dem See, den Bergen in der Nähe, dem guten Gehalt – doch dann dreht ihr uns ganz einfach den Rücken zu und begebt euch in die Heimat, aus der ihr einst geflohen seid. Also ob es dort besser wäre als hier. Nur, weil ihr mittlerweile Kinder habt und hierzulande keinen Krippenplatz findet.

Wenigstens gebt ihr uns damit einen weiteren Grund, über euch zu lästern: Eure Undankbarkeit. Ja, da haben die Zürcher euch so lange ertragen, haben sich von euch in Cafés bedienen, in Spitälern behandeln und in Callcentern ihre Handys erklären lassen. Und dann geht ihr einfach und habt auch noch die Frechheit, eine Lücke zu hinterlassen. Das Schlimmste daran: Wenn ihr weg seid, über wen sollen wir denn noch schimpfen?