Urdorf/Uitikon
Schweizer wollen nur die besten Christbäume – hier kommen sie her

Zwölf Jahre lang wachsen die Christbäume, bis Willi Mathys sie umsägt und sie in den Limmattaler Stuben landen. Wir haben den Christbaum-Meister bei der Ernte begleitet.

David Egger
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Christbaumernte mit der Agroservice
17 Bilder
Willi Mathys schaut sich um: Welchen Baum soll er als nächstes umsägen?
Dieses Exemplar ist schön, es kann geerntet werden.
Willi Mathys setzt mit der Säge an...
..und innert Sekunden fällt der Baum um.
Die Breite der Jahrringe unterscheidet sich stark.
Nach dem Schneiden werden die Christbäume zum mobilen Maschinenpark getragen.
Diese Maschine verpackt die Christbäume in weisse Netze...
Dafür müssen die Christbäume durch diesen roten Ring hindurch.
Das muss genau passen, damit es klappt.
Und wenn die Maschine den Christbaum nicht von selbst reinzieht, ist Manneskraft gefragt.
Hanspeter Huber trägt einen verpackten Christbaum zum Anhänger.
Geteilte Last ist halbe Last.
Den kleinen Traktor im Vordergrund nennen die Agroservice-Mitarbeiter den "Heugümper".
Ein Hilfsarbeiter befestigt kleine Stecken auf den Christbäumen, damit die Vögel im Frühling nicht auf den Baumspitz sitzen können. Denn dadurch würde der Baumspitz umknicken.
Die Agroservice beliefert auch die Migros. Mit Christbäumen "aus der Region".
Geschäftsinhaber Willi Mathys wurde schon zweimal für den schönsten Christbaum der Schweiz ausgezeichnet.

Christbaumernte mit der Agroservice

Mit strengem Blick und zügigem Schritt geht Willi Mathys durch sein Christbaumfeld in Uitikon. Sein Atem kondensiert unter der dicken Nebeldecke und die Motorsäge rattert im Leeren vor sich hin.

Und dann, Zugriff: Mathys beugt sich, hebt mit einem Arm die untersten Zweige auf die Seite – die Motorsäge geht auf Hochtouren. Innert Sekunden fällt die Ernte von zwölf Jahren Arbeit um. Mathys sägt die untersten Zweige weg.

Die Breite der Jahrringe im Stamm der Nordmannstanne unterscheidet sich stark. «Vor ein paar Jahren waren die Bäume hier gar nicht mehr schön, nachdem zwei Jahre in Folge Hagelstürme über das Feld zogen», sagt Mathys. «Aber jetzt sind sie wunderschön geworden.»
Anders ausgedrückt: Die Bäume schaffen es in die oberste der drei Kategorien Topklasse, Erstklasse und Standardklasse. Ein Baum, der es in keine dieser Klassen schafft, kann je nachdem noch als Lieferant für schöne Christbaum-Zweige dienen. «Man kann nicht jeden Baum verkaufen. Denn die Schweizer sind sich Superbäume gewohnt», sagt Mathys. Und fügt lachend an: «Also eigentlich haben wir Produzenten sie daran gewöhnt.»

Von Dänemark ins Limmattal

Um möglichst schöne Bäume heranzuziehen, beschafft sich Mathys die gut dreijährigen frischen Bäumchen aus Dänemark und pflanzt sie dann in einem seiner Christbaumfelder in Urdorf, Birmensdorf oder Uitikon. «Die Dänen haben die besten Samen und am meisten Erfahrung. Zudem sind ihre Böden sehr sandig. Dadurch erhalten die Bäume ein sehr feines Wurzelwerk. Das begünstigt ein schönes Wachstum», so Mathys. Doch mit dänischen Setzlingen ist es noch nicht getan. Das ganze Jahr über gibt es Arbeit.

Während Mathys die Bäume umsägt, bereitet zum Beispiel ein polnischer Saisonnier Bäume fürs nächste Jahr vor: Mit Draht befestigt er kleine Stecken an der Baumspitze, damit es sich die Vögel im nächsten Frühling nicht auf den Baumspitzen bequem machen. Dadurch würde der Baumspitz umknicken, die schöne Form wäre dahin. Das Jahr hindurch müssen die Zweige geschnitten, die Bäume gedüngt und das Gras zwischen den Bäumen gepflegt werden. Zudem gilt es vor der Ernte all die Spitzen jener Bäume zu markieren, die in dieser Saison zum schneiden bereit sind. «Wir stecken sehr viel Arbeit in die Bäume. Der Christbaumverkauf ist mehr als nur ein Geschäft. Die eigene Produktion macht die Freude daran aus», sagt Mathys. «Wenn wir einen Fehler machen, bringen wir den auch Jahre später nicht mehr weg. So lernt man, immer besser mit den Baumkulturen umzugehen. Das fasziniert mich an dieser Arbeit», sagt Hanspeter Huber, der Geschäftspartner von Mathys.

Schönster Christbaum der Schweiz

Ihre gemeinsame Firma Agroservice ist verantwortlich für hundert Hektaren Landwirtschaftsland im Limmattal. Von Christbäumen und Blumen über Erdbeeren bis zu Weizen und Raps bauen sie so ziemlich alles an. Doch die Christbäume sind speziell: 2014 und 2015 wurde Mathys von der IG Suisse Christbaum für den schönsten Christbaum der Schweiz ausgezeichnet. Obwohl – allzulange ist er noch nicht im Geschäft: 2001 hat er seine Firma Agroservice gegründet, und 2003 ist sie von einer kleinen Scheune an den südlichen Dorfrand gezügelt. Dort hat die Firma eine grosse Scheune gebaut. Darin stehen jetzt immer wieder grosse Anhänger, die palettenweise mit Christbäumen bepackt sind, die das Label «Aus der Region» tragen – die Migros ist der grösste Kunde von Mathys und Huber.

Ihre Christbäume verkaufen sie zudem an total 13 Plätzen in drei Kantonen. Ein Teil davon ist importiert: «Wir haben noch nicht die Kapazität, um den ganzen Bedarf abzudecken. Daher importieren wir auch Topklasse-Bäume aus Dänemark. Gerade in dieser Qualitätsklasse ist der Bedarf besonders hoch», sagt Mathys.

So wählt Experte Huber den eigenen Christbaum aus

Bevor die Bäume auf den Verkaufsplätzen landen, müssen sie verpackt werden. Auf dem Feld in Uitikon schieben zwei Mitarbeiter der Agroservice daher die Bäume durch einen dicken roten Metallring, der sie wie ein hungriger Schlund verschluckt und in ein feines weisses Netz einhüllt. Gezogen wird die Verpackungsmaschine vom kleinsten Traktor des Agroservice-Fuhrparks. «Heugümper» nennen ihn die Mitarbeiter.

Und wie wählen die Experten ihren eigenen Christbaum für zuhause aus? Hanspeter Huber befolgt nur eine Regel: «Meine Kinder wählen den Baum aus.» Huber verrät auch den wichtigsten Tipp: «Wenn man den Baum bei Minustemperaturen nach Hause nimmt, sollte er nicht direkt in die Stube gebracht werden. Man sollte ihn zuerst für einen Tag in die Garage stellen, damit er sich etwas aufwärmen kann.» Die allerletzen Bäume werden Mathys und Huber an Heiligabend um 18 Uhr verkaufen. Sollten noch geschnittene Bäume übrig sein, bringen sie sie dem Tierpark Langenberg, als Futter für die Elche.