Limmattal
Schulsilvester: Die einen setzten auf Schwärmer, die anderen auf Pfannendeckel

Vor einigen Jahren wurde der Schulsilvester abgeschafft. Der Brauch stiess seit jeher bei vielen Erwachsenen auf Ablehnung. Bei Generationen von Schülern erfreute er sich hingegen grösster Beliebtheit.

Sandro Zimmerli
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Lärmende Schulkinder sieht man heute kaum noch auf Zürichs Strassen.

Lärmende Schulkinder sieht man heute kaum noch auf Zürichs Strassen.

Keystone

Fertig Schule, willkommen Weihnachtsferien – heute ist der letzte Schultag des Jahres. Vielerorts im Limmattal und im ganzen Kanton Zürich wird dieses Ereignis mit Jahresabschlussfesten begangen. Bis vor ein paar Jahren war das noch anders. Am Schulsilvester zogen die Schüler lärmend durch die Strassen, ehe der zunehmende Vandalismus dem Treiben in vielen Gemeinden ein Ende setzte.

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass der Schulsilvester seit jeher den Zorn der Erwachsenen auf sich zog, bei den Schülern sich dafür äusserster Beliebtheit erfreute. Erstmals beschrieben wurde der Brauch 1775. Damals trieben sich frühmorgens am 31. Dezember Jugendliche auf den Strassen Zürichs herum, spielten Streiche und lärmten. Der Pfarrer soll alles andere als erfreut gewesen sein. Das heidnische Treiben, wie er es nannte, war ihm ein Dorn im Auge und sollte schleunigst verboten werden.

Skandalöses Gebaren eindämmen

Auch 100 Jahre später war der Schulsilvester nicht überall wohlgelitten. Auf Anregung des damaligen Schulpräsidenten wurde 1879 in Schlieren beschlossen, «darauf hinzuwirken, das allzu skandalöse Gebaren der Jugend am Schulsylvester etwas einzudämmen». Ob dies gelang, ist nicht überliefert. Sicher ist hingegen, dass der Schulsilvester mit der Einführung der Weihnachtsferien im Kanton Zürich 1899 vom nun schulfreien 31. Dezember auf den 23. Dezember und später auf den letzten Schultag des Jahres verlegt wurde.

Dem nächtlichen Treiben tat der Datumswechsel keinen Abbruch. Mit Pfannendeckeln und Kuhglocken erzeugten die Schüler schon in den frühen Morgenstunden einen höllischen Lärm. Dabei trieben sie auch einigen Unfug. «Viele Hausbesitzer müssen ihre Gartentürlein auf des Nachbars Grundstück suchen», schrieb Karl Heid im Dietiker Neujahrsblatt 1967. In jenen Jahren kam es offenbar in Mode, eine ganze Reihe von durchlöcherten Büchsen mit einer Schnur ans Fahrrad zu binden und so noch mehr Lärm zu erzeugen. «Die Wirkung ist erstaunlich und das Vergnügen des betreffenden Fahrers unbegrenzt», so Heid.

Der «Silvester» im Leiterwagen

Eine Reaktion liess nicht lange auf sich warten. Aufgrund von Klagen aus der Bevölkerung sah sich die Dietiker Schulpflege gezwungen, den Beginn des Schulsilvesters auf sechs Uhr anzusetzen – aus Rücksicht auf kranke und ruhebedürftige Leute, wie es damals hiess. Der Versuch eines Lehrers, singend mit den Schülern von Haus zu Haus zu ziehen, blieb erfolglos. Die Jugendlichen trieben lieber weiterhin Schabernack.

Und auch mit dem Beginn des Schulsilvesters nahm man es nicht immer so genau. Denn derjenige, der als letzter zur Klasse stiess, war der «Silvester». Mancherorts bedeutete das, dass er, in Nachthemd und Zipfelmütze gekleidet, auf einem Leiterwagen durchs Dorf gezogen wurde. Eine Schmach, die niemand erleben wollte.

Heimliche Zigaretten

Für Generation von Schülern ist der Schulsilvester untrennbar mit dem heimlichen Zigarettenrauchen verbunden. Dass dies nicht allen gut bekam, konnte auch Heid beobachten:«Selbstverständlich wird auch geraucht wie ein Bürstenbinder und manches Gesichtlein lehnt später bleich an einem Gartenhag.»

Auch in Schlieren durfte die Zigarette nicht fehlen, wenn sich die älteren Schüler vor den Mädchen mit ihren Taten brüsteten, wie sich Peter Holthausen im Jahrheft von 2004 erinnerte. «Entweder man liess zu Hause ein paar mitlaufen oder erstand drei ‹Virginia bleu› für zehn Rappen am Bahnhofautomaten.» Ähnlich ging man beim Feuerwerk vor. «Grössere Schüler brachten Schwärmer mit, die sie sich vom 1. August aufgespart hatten, ohne dass die Eltern etwas gemerkt hatten», so Holthausen.

Massnahmen ohne Erfolg

Auch in Schlieren stiess der Schulsilvester nicht überall auf Freude. Mitte der 1980er-Jahre begannen Schulpfleger deshalb etwa ab fünf Uhr auf der Strasse zu patrouillieren. Für die Oberstufenschüler überlegte man sich derweil andere Massnahmen. Mit Pfannendeckeln bewaffnet waren sie schon lange nicht mehr auf den Strassen unterwegs. Immer wieder kam es zu teilweise gravierenden Sachbeschädigungen.

So kam es, dass man den Oberstufenschülern frühmorgens Spielfilme zeigte, die das Fernsehen noch nicht zeigen durfte. Auch ein Ball am Vorabend des Schulsilvesters gehörte zu den Massnahmen. All das rettete den Brauch nicht vor seinem Ende. Vielen bleibt er dennoch in guter Erinnerung.

Schulsilvester

Ein Zürcher Altjahresbrauch

Rund um den Jahreswechsel kennt man in Zürich einige Bräuche. Viele von ihnen sind schon sehr alt und haben sich – oft in abgewandelter Form – bis heute gehalten. Dazu gehört auch der Schulsilvester, der 1775 erstmals beschrieben wurde. Seine Wurzeln liegen wohl in vorchristlicher Zeit. Mit viel Lärm sollen in den langen Nächten und dunklen Nächte die Dämonen vertrieben und ferngehalten werden. Zudem war der Schulsilvester früher auch ein Bettelbrauch. Es war üblich, dass die Schulkinder auf ihren Umzügen vom örtlichen Gewerbe bewirtet wurden.