Karg und nur mit wenigen Blättern behangen wankte die berühmte Schlieremer Buche im Wind. Es ist offensichtlich, dass der Baum nicht gesund ist. Was zahlreiche Baumfreunde schon seit längerem vermuteten, wurde heute Vormittag zur Gewissheit. In einer Medienmitteilung schrieb der Stadtrat, dass er die Buche fällen lassen werde. Die Überlebenschancen des Anfang 2018 unter grossen Medieninteresse versetzten Baumes seien äusserst gering. In den kommenden Wochen soll die Fällung stattfinden.

Von Beginn weg sei geplant gewesen, dass der Zustand des Baums im Spätfrühling beurteilt und über die weiteren Massnahmen befunden werde, sagt der Schlieremer Bauvorstand Stefano Kunz (CVP) auf Anfrage dieser Zeitung. «Im Zuge dieser Überprüfung stellten wir fest, dass die Buche abstirbt. Verschiedene Spezialisten bestätigten unseren Befund und rieten uns aus Sicherheitsgründen zur Fällung.» Einige Äste seien bereits abgebrochen und zu Boden gefallen. Zusehends werde der Baum damit zur Gefahr.

Im Februar vergangenen Jahres wurde die Buche in einer spektakulären Aktion um rund 170 Meter versetzt. An ihrem angestammten Platz im heutigen Zentrumskreisel konnte sie nicht bleiben, da sie dem neuen Stadtplatz und der Haltestelle der Limmattalbahn im Weg stand. Bereits damals entschied sich der Stadtrat für eine Fällung. Aus der Bevölkerung kam jedoch ein Sturm der Entrüstung ob dieses Vorhabens. Weit über das Lilmmattal hinaus sorgte die Buche für Schlagzeilen.

4600 Unterschriften gesammelt

Die Schwestern Susanne Porchet und Liliane Hagen sammelten gemeinsam mit zahlreichen Helfern der IG Rotbuche rund 4600 Unterschriften. Damit sollte der Stadtrat dazu aufgefordert werden, eine andere Lösung zu suchen. Dies tat er. Dank des Baumverpflanzungsspezialisten BMB Group kam die Verpflanzung in letzter Sekunde zustande.

Welcher Untergattung von Buchen der Baum genau angehört, führt seit Jahren zu Diskussionen. Für die Baumschützerinnen Porchet und Hagen war von Beginn weg klar, dass es sich um eine Blutbuche handelt, während die Stadt von einer Rotbuche sprach. Letztere Einordnung wurde von diversen konsultierten Spezialisten unterstützt, bis nun die Grünunterhalt-Verantwortliche der Stadt den Baum als Blutbuche bezeichnet. «Die Meinungen gehen diesbezüglich stark auseinander. Genau so war es auch bei den Einschätzungen, was der Baum genau braucht und was nicht», sagt Kunz. Während die einen dafür plädierten, die Buche beinahe täglich zu wässern, pochten andere auf andere Methoden der Pflege.

Daher lasse sich nur schwer sagen, was genau zum Sterben der Buche geführt hat. «Mit der Versetzung eines derart alten Baumes betraten wir schweizweit Neuland und uns war klar, dass wir mit dem Absterben rechnen mussten», so Kunz. Fakt ist, dass der Wurzelballen zu wenig Wasser aufnehmen konnte. «Hätte man der Buche bei der Versetzung einen grösseren Wurzelballen mitgegeben, wäre dies wohl kein Problem gewesen», sagt Kunz. «Aufgrund des maximal möglichen Gewichts, den der Baum beim Transport aufweisen durfte, war dies jedoch gar nicht machbar.»

Weiter hätte die Pflege in den ersten Monaten intensiver sein können. «Unsere Mitarbeitenden behandelten den Baum wie vorgesehen auf der Basis von visuellen Kontrollen. Nun wissen wir: Das reichte nicht», sagt Kunz. Im vergangenen Sommer stellte die Stadt fest, dass es um den Baum nicht gut bestellt ist und sie ergriff Massnahmen. Nebst dem, dass intensiver bewässert und der Stamm als Schutz vor Sonnenbrand weiss bemalt wurde, liess man auch den Boden bepflanzen und stellte weisse Plachen auf, um die Wärme fernzuhalten. Darüber hinaus wurden Sensoren im Boden installiert, um die Feuchtigkeit zu messen und entsprechend zu wässern. «Diese intensive Pflege wäre wohl von Beginn weg notwendig gewesen.»

Pflege kostete 8000 Franken

Nicht nur die Versetzung und deren Folgen setzten dem Baum zu. Auch äussere Umstände nagten an ihm. Er habe unter dem langen und heissen Sommer 2018 enorm gelitten, sagt Kunz weiter.

Ob der rund 100 Tonnen schwere Baum die Verlegung überleben würde, zeige sich nach drei bis fünf Jahren, sagten die Verantwortlichen im Vorfeld zur Umpflanzung. «Wir fragten uns, ob wir noch ein bis zwei Jahre mit der Fällung warten sollen. Doch ist bereits heute eindeutig, dass der Baum nicht überleben wird», so Kunz.

Nicht nur der personelle Aufwand vonseiten der Experten der BMB Group, der Stadt und der Limmattalbahn AG war gross. Auch finanziell wurde viel investiert. Die Kosten der Verpflanzung, die sich auf 160'000 Franken beliefen, übernahm das Verpflanzungsunternehmen zur Hälfte selber, konnte dabei aber auf Spenden von Privaten zählen. Die restlichen 80'000 Franken teilten sich die Stadt Schlieren und die Limmattalbahn AG zu gleichen Teilen auf. Für die Pflege allein habe die Stadt bislang 8000 Franken für externe Leistungen ausgegeben. Dazu kämen noch Arbeiten des Stadtpersonals, so Kunz. Es sei schwierig abzuschätzen, welche Investitionen hätten getätigt werden müssen, um die Überlebenschancen zu verbessern. Zahlungen im fünfstelligen Bereich hätte der Unterhalt bei einer Spezialfirma gekostet, wie aus einer Offerte hervorging.

Nun kommt die grüne Mitte

Was nach der Fällung mit dem Holz gemacht wird, sei noch offen. Abklärungen dazu würden derzeit laufen. Auch wolle man für einen Ersatz sorgen. «Wir wissen, dass sich der emotionale Wert dieses Baumes nicht wiederbringen lässt», so Kunz. «Doch mit dem Masterplan zur Erweiterung des Stadtparks, den der Stadtrat demnächst verabschieden wird, werden zahlreiche Massnahmen für die grüne Mitte Schlierens festgelegt.»

Heute wurden Liliane Hagen und Susanne Porchet persönlich vom Stadtrat über die Neuigkeiten informiert. Auf Anfrage sagt Hagen, dass man einen sehr guten Austausch gehabt habe. «In den kommenden Tagen werden wir im Namen der IG Blutbuche mit einer Stellungnahme an die Öffentlichkeit treten», so Porchet.

Kaum ein anderes Thema liess die Emotionen der Limmattaler derart hochkochen wie das Schicksal der Buche. Neben hitzigen Kommentaren und kritischen Plakaten ging es aber auch ans Eingemachte. Der heutige Stadtpräsident und damalige Bauvorstand Markus Bärtschiger (SP) erhielt gar eine Morddrohung wegen der möglichen Fällung. «Wir werden sicher sehr emotionale und kritische Rückmeldungen aus der Bevölkerung erhalten. Einerseits von Gegnern der Fällung und andererseits von Kritikern dieser Aktion», ist sich Kunz sicher.