Mit 23 zu 6 Stimmen hatte sich das Schlieremer Gemeindeparlament im November 2017 für den Architekturwettbewerb eines neuen Stadtsaals ausgesprochen. Das Volk will es nun aber anders. Mit 58,1 Prozent sagte es gestern deutlich Nein zu der Vorlage, die wegen ihrer geringen finanziellen Höhe — es ging um einen Kredit über 890'000 Franken — gar nicht vors Volk hätte müssen. 13 Parlamentarier erwirkten mit einem Behördenreferendum aber den Urnengang von gestern, mit dem Ziel, der Bevölkerung den Puls zu fühlen.

Kreativität ist nun gefragt

«Es ist eine bittere Pille, die wir da schlucken müssen», sagt Finanzvorsteherin Manuela Stiefel (FDP) kurz nach Bekanntgabe des Resultats. Schliesslich setzt man sich seit 13 Jahren für einen Saal auf dem Kulturplatz, mitten im Herzen von Schlieren, ein. Es ist das letzte Stück Land, das im Besitz der Stadt ist. Nur dort lässt sich noch ein solches Projekt verwirklichen. Dank der künftigen Haltestelle der Limmattalbahn wäre es zudem perfekt an den öV angebunden. «Das Volk bekannte sich aber deutlich und unmissverständlich gegen einen Saal», so Stiefel weiter. Damit sei nun ein kompletter Neustart vonnöten. «Wir müssen kreativ sein und Alternativen suchen.» Für Stiefel ist aber auch klar, dass der jetzige Bestand nicht ausreicht. So weist die Aula des neuen Schulhauses nur gerade 200 Plätze aus. «Für eine Stadt mit 18'500 Bewohnern genügt das nicht.» Schlieren fehle etwas, das Zentrum sei noch nicht komplett, so Stiefel weiter.

Überrascht und etwas konsterniert zeigt sich auch Marco Lucchinetti, Präsident des Vereins Pro Stadtsaal Schlieren. «In dieser Deutlichkeit hätte ich die Ablehnung für diese historische Chance nicht erwartet.» Er findet es schade, dass die Mitte von Schlieren kein neues Herz bekommt. Das Resultat sei allerdings schwer zu interpretieren, da sich die Gegner nicht öffentlich gezeigt hätten. «Bei unseren Strassenaktionen ist aber aufgefallen, dass die Leute teils überfordert waren mit der Vorlage.» Viele hätten nicht realisiert, dass es bei der Abstimmung um kein Ja zu einem Saal ging, sondern vorerst nur um ein Ja zum Architekturwettbewerb, um die gestalterischen und baulichen Möglichkeiten abzuholen. «Auch die Ausstattung des Saals, die Finanzierung oder die Erschliessung waren noch kein Thema.» Dennoch hätten viele konkrete Befürchtungen geäussert, und man habe viel Aufklärungsarbeit leisten müssen. Für Lucchinetti ist das Thema Stadtsaal aber noch nicht vom Tisch. «Das Parlament ist jetzt neu gewählt und wir werden sehen, was es vom Stadtzentrum hält.»

In der "NZZ"-Druckerei einmieten?

SP-Gemeinderat Walter Jucker reagiert gelassen: «Das ist halt Demokratie.» Er gehörte zu den 13 Parlamentariern, welche die Vorlage vors Volk bringen wollten. «Ich glaube, dass das Parlament oft anders tickt als das Volk.» Für ihn muss die Stadt die eingesparten 890'000 Franken nun «in die Jugend und die Senioren» investieren.

Als Vertreter der Wirtschaft reagiert der Schlieremer Kantonsrat Andreas Geistlich (FDP) überrrascht — und bedauert: «Es ist eine vertane Chance.» Mit dem Saal hätte man viel Gutes anfangen können, beispielsweise Kongresse und Messen durchführen. Als Alternative biete sich die ehemalige NZZ-Druckerei mit 800 Plätzen an. Aber sie sei ein «Schlauch», akustisch schlecht und mit einem «Industrieschick» versehen, der nicht immer passend sei.