«Wenn das Wetter in der Silvesternacht so wäre wie heute, wäre es fast schon angenehm», lacht Stefanie Helfer, als wir zügig durch das kalte, aber glücklicherweise trockene Zürich laufen. Die 34-Jährige ist seit Jahren am Schlieremer Neujahrsmarathon als ehrenamtliche Helferin dabei. Heute, zwei Wochen vor dem «Weltweit ersten Marathon des Jahres 2018», wie es heisst, will sie mir von dieser Arbeit erzählen. Wir sind auf der Suche nach einem warmen Café und sind glücklich, endlich ein Lokal gefunden zu haben und in der Wärme angekommen zu sein.

Wann Helfer das erste Mal dabei war, 2008 oder 2009, weiss sie nicht mehr mit Sicherheit. Klar ist nur, dass sie auf die Frage «Was tust du an Silvester?» keine Lust mehr hatte. Als eine Kollegin sie dann fragte, ob sie nicht mitkommen wolle, um am Neujahrsmarathon zu helfen, war das eine ideale Möglichkeit, der Fragerei zu entgehen. Der Sport-Event gehört seither fest zum Silvester-Programm von Helfer.

Latexhandschuhe und Glühwein

Helfer und ihre Freundinnen stehen nun Jahr für Jahr an verschiedenen Posten und geben Acht, dass die Läuferinnen und Läufer ihre Streckenverpflegung erhalten, dass sie nicht falsch abbiegen oder dass die exakten Läufer-Zwischenzeiten aufgeschrieben werden. «Als Helferin muss man sich eigentlich nicht gross für den Abend vorbereiten». Mit der Zeit wisse man auch, was gebraucht wird. «Wir sind nun schon einige Jahre am Verpflegungsposten und kennen uns aus.»

Die Arbeit muss besonders am Anfang ziemlich schnell gehen, wie sie sagt. «Wir geben den Läufern warme Getränke, müssen dafür aber den richtigen Zeitpunkt zum Einschenken finden. Nicht zu früh, sonst sind die Getränke zu kalt, aber auch nicht zu spät, sonst sind sie zu heiss oder die Läufer schon weiter.»

Helfer und ihre Mitstreiterinnen mussten auch lernen, dass wenn die Getränke von den Sportlern mit Schwung genommen werden, es vorkommen kann, dass etwas daneben geht. Die Konsequenz sind nasse Handschuhe, was nicht wirklich toll in der Eiseskälte einer Silvesternacht ist. Die Lösung dafür sind Latexhandschuhe. «Wir ziehen sie drüber und haben nun keine Probleme mehr», erklärt Helfer lachend.

Generell sollte man warme Kleider anziehen. «Mindestens sieben Schichten tragen wir», sagt sie. Bevor es losgeht, machen sie und ihre Kollegin sich gemeinsam bereit. Sie seien immer wieder erstaunt, wie viel Kleider man doch schichten könne. «Eine Kleiderschicht nehmen wir dann meistens noch mit, denn gegen Ende, wenn die meisten Läufer schon einige Male vorbeigekommen sind und nicht mehr ganz so viele unterwegs sind, wird es so richtig kalt.» Da würden dann auch der mitgebrachte Glühwein und die Decken nicht mehr helfen.

Der Ansporn, um zu helfen

Der Kälte trotzen die Freiwilligen aber dennoch Jahr für Jahr. «Es ist toll, von so vielen Leuten Neujahrswünsche zu bekommen und auch sonst sind die Begegnungen an dem Abend mit Leuten, die einen manchmal sogar vom letzten Jahr her kennen, immer ziemlich schön.»

Als vor einigen Jahren eine junge Marathonläuferin an den Stand kam, wirkte diese «ziemlich abgekämpft», wie Helfer sich erinnert. «Daraufhin sagte sie uns aber, wir seien so toll, weswegen sie den Marathon nun doch fertig laufen werde.» An solche Erinnerungen denke man gerne zurück und sie sind Ansporn dafür, immer wieder mitzumachen, so Helfer.

Natürlich gebe es auch immer wieder Momente, in denen man sich schwört, das letzte Mal dabei gewesen zu sein. «Einmal hatte ich Fieber und bin bei einem Streckenposten irgendwo im Nirgendwo auf dem Campingstuhl eingeschlafen. Da fragt man sich schon: ‹Was tu ich hier?›.»

Und wenn in den frühen Morgenstunden alles vorbei sei, freue man sich auf das Bett. «Wenn man müde wird und alles nass und kalt ist, will man nur noch nach Hause». Die schönen
Momente würden aber ganz klar überwiegen.

Besondere Helfer-Events

Roger Kaufmann, der Präsident des Vereins vom Neujahrsmarathon, ist froh um seine Helfer, ohne die so ein Anlass kaum möglich wäre. «Wir müssen schon jedes Jahr sehr innovativ sein bei der Helfersuche», meint Kaufmann. Mit rund 50 Helfern seien sie sehr schlank aufgestellt. Das ist deshalb möglich, weil die Marathonstrecke fast gänzlich auf Spazierwegen verlaufe. Das reduziere die Helferzahl enorm. «Dieses Jahr haben wir fast alle Helfer gefunden», wie er sagt. Die einzigen, die noch fehlen, sind zwei der vier Spitzen- und Schlussbiker. Das sind diejenigen, die die Strecke zuvorderst und am Ende abfahren, damit auch niemand verloren geht.

Seit der Einführung der «Aktion 1+1» vor etwa vier Jahren, habe sich auch die Suche nach Freiwilligen etwas entspannt; Läufer, die einen Helfer mitbringen, starten kostenlos. «Das lohnt sich zwar finanziell nicht, bringt uns aber etwa 10 bis 15 Helfer und die sind nun mal wichtig», erklärt Kaufmann. Auch gibt es mittlerweile einen «Helfer-Stamm» von Menschen, die immer wieder kommen. «Das ist etwas, das wir als Verein auch pflegen und das uns ein wichtiges Anliegen ist», so Kaufmann.

Im Frühling oder Sommer lädt der Neujahrsmarathon immer zu einem grossen Helferfest ein. «Weil wir vom OK ebenfalls ehrenamtlich arbeiten, steht uns für dieses Fest jeweils ein schönes Budget zur Verfügung.» Das kommt schlussendlich wieder dem Marathon zugute. Denn zufriedene Helfer garantieren einen tollen Event und kommen auch bei den Sportlern gut an. «Wir erhalten immer tolles Feedback von Läuferinnen und Läufern, wenn wir Fotos unserer Helferfeste auf Facebook teilen», meint Kaufmann.

Die Events sind auch ein Highlight für Stefanie Helfer. «Das OK organisiert immer wieder sehr tolle Anlässe, bei denen man dann endlich auch mal alle anderen zu Gesicht bekommt. Oft sieht man ja gar nicht, wer da alles ebenfalls eine Nacht lang auf einem Streckenposten in der Silvesternacht sitzt».

Selbst eine Sportlerin

Helfer, die mit dem Laufsport vor dem Neujahrsmarathon wenig bis gar nichts am Hut hatte, hat mittlerweile selbst begonnen zu laufen. Dadurch, dass sie bei einem Reitverein im Vorstand ist, hat sie eine Ahnung, wie schwierig es ist, Helfer für Events zu finden. «Ich weiss, was im Hintergrund eines solchen Events ungefähr abläuft. Und weil ich mittlerweile im Jahr an etwa sieben Läufen teilnehme, aber dort nie helfe, sehe ich in meinem Engagement am Neujahrsmarathon eine gute Möglichkeit, um meinen sozialen Beitrag in der Läuferszene zu leisten.»

Als wir uns verabschieden schneit es ganz fein. Hoffen wir für Stefanie Helfer und die andern ehrenamtlichen Helfer, dass dies in der Silvesternacht nicht der Fall sein wird.