«Sie sind manchmal sehr eifersüchtig, das wird sich bald legen», sagt Rolf Wegmüller in Richtung seiner beiden bellenden Hunde. Quamar ist beige und Quentin schwarz-weiss. Die beiden lauten Bolonka Svetna brechen die Ruhe in der Wohnung des CVP-Politikers, wo stets ruhige, klassische Musik im Hintergrund läuft. Alles ist fein säuberlich an seinem Platz, helle Töne dominieren und in Vitrinen sind zahlreiche ägyptische Artefakte aus Wegmüllers grosser Sammlung untergebracht. Am Montag gibt er sein Amt als Gemeinderatspräsident ab. Damit endet nicht nur Wegmüllers Jahr als höchster Schlieremer, er zieht sich gar ganz aus der Politik zurück. Mit ihm tritt ein Paradiesvogel von der Politbühne ab, der mit seiner unverblümten Art manche erfreute und andere irritierte.

Sie sitzen seit 2006 im Schlieremer Gemeinderat. Welches Vermächtnis hinterlassen Sie der Stadt?

Rolf Wegmüller: Mir wurde mehrmals gesagt, dass ich Farbe und Freude in die Politik gebracht habe. Das finde ich ein schönes Kompliment. Ich habe stets auf einen friedlichen und respektvollen Umgang im Gemeinderat bestanden. Zudem wollte ich mit meinen Sprüchen und Wortspielen eine gewisse Lockerheit in den Ratsbetrieb bringen, ohne die Geschäfte ins Lächerliche zu ziehen.

Und politisch?

Politik ist ja nie die Leistung eines Einzelnen. Aber ich habe mich vehement gegen den Bau einer Stadthalle auf dem Kulturplatz im Zentrum eingesetzt, was das Stimmvolk vor rund einem Jahr auch so sah. Es ist wichtig, dass wir solche Dödel-Anlässe, die wohl in einer solchen Halle durchgeführt worden wären, von Schlieren fernhalten. So etwas brauchen wir nicht.

Als der Gemeinderat Sie vor einem Jahr zu seinem Präsidenten wählte, erhielten Sie nur 21 von möglichen 33 Stimmen. Verglichen mit den Resultaten anderer Gemeinderatspräsidenten früherer Jahre, ist dies ein schlechtes Resultat. Waren Sie pikiert?

Ich war masslos enttäuscht. Besonders als ich im Anschluss an die konstituierende Sitzung erfuhr, weshalb mich so viele Gemeinderatskollegen nicht wählten, dachte ich, ich sei im falschen Film. Ein Parlamentarier erklärte mir den Hintergrund für die Stimmenenthaltung.

Der da wäre?

Die Sache ist gegessen und ich möchte sie in der Zeitung nicht aufwärmen. Aber es war schon seltsam, dass man mir auf diese Weise eins auswischen wollte. Später entschuldigte sich ein Gemeinderat für das Verhalten seiner Fraktion.

Ist dies einer der Gründe, warum Sie sich nun aus der Politik zurückziehen?

Möglicherweise ein kleiner. Für diesen Entscheid fiel viel stärker ins Gewicht, dass mein Feuer für die Politik ein wenig erloschen ist. Sie macht mir nicht mehr so viel Spass wie früher. Die Budgetdebatte im Dezember beispielsweise dauerte rund fünf Stunden und war ein absoluter Knorz. Darauf habe ich keine Lust mehr.

Dabei wollten Sie 2014 als Sprengkandidat in den Schlieremer Stadtrat gewählt werden.

Ich hätte sehr, sehr gerne ein Exekutivamt bekleidet. Damals war ich Feuer und Flamme für die städtische Politik. Ich wollte mich in Vorlagen hineinknien, war kämpferisch in der damaligen Geschäfts- und Rechnungsprüfungskommission. Heute ist dies überhaupt nicht mehr so.

Die ersten paar Wochen Ihrer Amtszeit als Gemeinderatspräsident verliefen ruhig, bis Sie sich in die Wahlen ums Schlieremer Stadtpräsidium einmischten. In einem offenen Brief riefen Sie dazu auf, Manuela Stiefel (FDP) zu wählen, obwohl sich diese im zweiten Wahlgang gar nicht mehr zur Verfügung stellte. Erhielten Sie dafür viel Schelte?

Über Umwege erfuhr ich, dass mein Brief in bürgerlichen Kreisen nicht gut angekommen ist. Ich muss aber betonen, dass ich den Beitrag nicht in meiner Funktion als Parlamentspräsident verfasst habe, sondern als die Privatperson Rolf Wegmüller. Als diese habe ich mich stark für Stiefel eingesetzt. Sehen Sie, als Parlamentspräsident darf man weder Vorstösse einreichen noch mitunterzeichnen.

War das schwierig für Sie?

Ja. Aus politischer Sicht wird man als Parlamentspräsident mundtot gemacht.

Was haben Sie nun vor im Leben nach der Politik?

Ich will mich in vier Jahren, 26 Tagen, 13 Stunden und zehn Minuten frühpensionieren lassen (lacht). Darauf freue ich mich schon sehr. Dann werde ich sicher wieder vermehrt als Statist auf der Opernbühne zu sehen sein. Zudem ist es mir ein Anliegen, dass Menschen so lange wie möglich zu Hause leben können. Dafür werde ich mich auch einsetzen.

Sie sind auch bekannt als Sammler von Artefakten aus dem alten Ägypten und haben auch schon in Schlieren ausgestellt. Werden Sie auch dieses Hobby intensivieren?

Ganz sicher. Es gibt zahlreiche betagte Bekannte, deren Sammlung nach ihrem Tod in alle Himmelsrichtungen verteilt werden könnten. Dies, weil die Erben wohl rasch Geld machen möchten. Ich setze es mir zum Ziel, solche Sammlungen zusammenzuhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dies tue ich auch mit meinen eigenen Stücken. Im Archäologischen Institut der Universität Zürich, im Kulturama Zürich sowie im Völkerkundemuseum in St. Gallen sind Leihgaben von uns zu sehen. Im Antikenmuseum in Basel stammt ein grosser Teil der privaten Leihgabe von uns.

Mit welchen Herausforderungen wird sich die Schlieremer Politik in der Zukunft herumschlagen?

Schlieren braucht irgendwo eine Stadthalle, denn den Salmen nutzen wir nicht mehr, die Aula des Reitmen-Schulhauses ist wenig geeignet und in der ehemaligen NZZ-Druckerei sei die Akustik schlecht. Letztere wäre mein persönlicher Favorit gewesen. Zweitens hat Schlieren sehr hohe Schulden und daher wenig Spielraum, um Investitionen zu tätigen. Drittens stellt das Bevölkerungswachstum noch immer eine grosse Herausforderung dar. Stehe ich morgens am Bahnhof Schlieren und blicke auf das Geistlich-Areal, wird mir beinahe schlecht.

Warum?

Die bauliche Dichte in diesem Neubau-Quartier ist zu gross. Steht der eine auf dem Balkon, sieht er dem anderen in die Küche hinein, um es überspitzt zu formulieren. Ich habe das Gefühl, es entsteht eine anonyme Gesellschaft. Solche Mega-Projekte sollten gar nicht erst bewilligt werden. Die Vereine Schlierens könnten die neuen Einwohner rekrutieren und sie so in die Stadt integrieren. Dazu müssten die Vereine aber besser unterstützt werden. Auch das Schlierefäscht diesen Sommer wird dazu beitragen, dass die Stadt zusammenwächst.

In Ihrer Antrittsrede vor einem Jahr schlugen Sie dem Gemeinderat vor, möglichst viele Vorstösse durch persönliche Gesprächen mit Exekutiv-Mitgliedern zu ersetzen. Dies, weil die Bearbeitung von Vorstössen teuer ist. Hat dies geklappt?

Ich denke ja. In diesem Jahr, als es allmählich auf die Kantonsratswahlen zuging, wurden aber schon einige Vorstösse eingereicht, die wohl wenig sinnvoll waren. Das ist nun mal Politik.

Welchen Ratschlag würden Sie Ihrem Nachfolger Walter Jucker von der SP geben?

Er sollte achtsam sein. Irgendwo las ich kürzlich, dass der Nationalrat ein Haifisch-Becken sei. Ein solches ist auch unser Gemeindeparlament. Dies meine ich nicht mal negativ. Es ist einfach so.

Sie sind für Ihre lockeren Sprüche und Wortspiele während der Ratssitzungen bekannt. Welches war Ihr liebstes Wortspiel?

Es war wohl jenes, das ich im Zusammenhang mit meinem Geschäft aus dem Jahr 2007 betreffend öffentlicher Toiletten gebraucht habe. Als Scherz schlug ich vor, man könne Toiletten bei der Firma ToiToi mieten und wünschte dem Stadtrat bei der Lösung dieses Problems toitoitoi. Viele konnten sich ein Lachen nicht verkneifen.