Gesundheit
Schlafen im Schlaflabor – ein Selbstversuch

Wie schläft es sich umgeben von Hightech? Ein Selbstversuch in Kilchberg.

Sibylle Saxer
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Hightech im Schlaflabor: Liliane Weber befestigt die nötigen Sensoren und Messgeräte an Journalistin Sibylle Saxer.

Hightech im Schlaflabor: Liliane Weber befestigt die nötigen Sensoren und Messgeräte an Journalistin Sibylle Saxer.

Michael Trost

Als ich im Schlaflabor in Kilchberg eintreffe, bin ich der Überzeugung, alles zu wissen über mein Schlafverhalten. Ich bin ein Murmeltier. Liege ich einmal im Bett, lese ich im besten Fall einige Seiten. Dann fallen mir die Augen zu. Werde ich nicht gestört, erwache ich am anderen Morgen mehr oder weniger in der Position, in der ich eingeschlafen bin.

Das könne gar nicht sein, hat mir Susanne Jesse schon beim Vorgespräch gesagt. Sie ist die technische Leiterin des Schlafzentrums Zürichsee, einer gemeinsamen Einrichtung des See-Spitals und des Sanatoriums Kilchberg. Seit gut einem Jahr betreibt dieses ein Schlaflabor. Dort wird der Schlaf jener unter die Lupe genommen, die das Schlafen verlernt haben.

Das ist zum Glück nicht mein Problem. Bin ich tagsüber müde, hat das in der Regel den Grund, dass ich zu spät ins Bett gegangen bin. Oder mich das kranke Kind geweckt hat. «Aber auch wenn Sie das Gefühl haben, die ganze Nacht hindurch tief und fest zu schlafen, durchlaufen Sie verschiedene Schlafzyklen», hat mir Susanne Jesse im Vorfeld erklärt. Nur eine kurze Zeit davon seien Tiefschlaf – 15 bis 20 Prozent pro Nacht seien normal. Und dass jemand sich die ganze Nacht nicht bewege, könne nicht sein. «Dann hätten Sie Druckstellen.»

Verkabelt von Kopf bis Fuss

Dies alles geht mir durch den Kopf, während ich das Eintrittsformular ausfülle. Schon bald habe ich jedoch keine Zeit mehr nachzudenken. Denn nun betritt Liliane Weber das Zimmer. Für die bevorstehende Polysomnografie verkabelt sie mich nun buchstäblich von Kopf bis Fuss. Am Kopf, am Kinn, am Bauch, an Händen und Beinen fixiert sie mit Klebeband Elektroden und Messgeräte. Sie werden meine Herzfrequenz, Hirnströme und Atmung, aber auch die Muskelspannung – der Beine genauso wie des Kinns – sowie die Bewegungen meiner Augen messen. Eine aufs Bett gerichtete Infrarotkamera wird mich zudem filmen.

Weil ich verkabelt werde, bevor die Messgeräte eingeschaltet werden, habe ich Zeit, mich an die Hightech-Umgebung zu gewöhnen. Da ich in der Bewegungsfreiheit nicht eingeschränkt bin, gelingt mir das recht gut. Dank kabelloser Datenübertragung ist der Gang zur Toilette beispielsweise ohne Weiteres möglich. Gewöhnungsbedürftig ist allerdings der Gedanke, dass jemand im Nebenzimmer die ganze Nacht die Aufzeichnungen beobachten wird.

Als Seiteneinschläferin stören mich die Messgeräte vor Bauch und Brust anfangs nicht sonderlich. Ich höre von fern, wie die Kirche Kilchberg auf dem Berg eine volle Stunde schlägt. Müde wie ich bin, schlafe ich alsbald ein. Kurz darauf schrecke ich auf, habe den Eindruck, aus einer Tiefschlafphase aufzutauchen. Sind es die Messgeräte, die mich geweckt haben, weil sie im Weg waren, als ich mich auf den Bauch drehen wollte? Oder die neuerlich schlagenden Kirchenglocken? Oder die sich anbahnende Erkältung, die mir ein klammes Gefühl beschert und das Atmen erschwert?

Tiefer geschlafen als gedacht

Immerhin – einmal bin ich abgetaucht, obwohl ich nicht damit gerechnet hatte, im Schlaflabor überhaupt einzuschlafen. Doch den Rest der Nacht drehe ich mich wegen der Erkältung ruhelos hin und her. Weil mir dabei die Messgeräte in den Weg kommen, habe ich Mühe, wieder einzuschlafen. Daher achte ich viel mehr als zu Hause auf die Umgebungsgeräusche. Kurz: Ich habe den Eindruck, dass ich ab Mitternacht bis kurz nach 6 Uhr kein Auge mehr schliesse.

Das stimmt nicht, wie mich Susanne Jesse am anderen Morgen nach der morgendlichen Entkabelung und einer erfrischenden Dusche aufklärt. Zwar stellt sie beim Blick auf die Aufzeichnungen fest, dass ich Mühe hatte, in Tiefschlafphasen zu fallen. Und dass sich diese nicht stabil gehalten haben. «Es hat wenig gebraucht, um eine Weckreaktion auszulösen», bestätigt die technische Leiterin des Schlaflabors meinen eigenen Eindruck. Doch entgegen meiner Wahrnehmung habe ich in dieser Nacht ganz normal fünf Schlafzyklen durchlaufen, in dreien davon bin ich in Tiefschlaf gefallen, nicht nur in einem.

Zwar verlasse ich das Schlaflabor nicht so beschwingt wie jemand, der unter Schlafapnoe leidet und im Schlaflabor dank einer Maske zum ersten Mal seit langem wieder durchgeschlafen hat. Doch offenbar ist mein Schlaf auch in jenen Nächten tiefer und gesünder, die ich als schlaflos erlebe.

«Wenn der Mensch nicht schläft, dann stirbt er»

Warum schläft der Mensch?

Alexander Turk*: Das wissen wir bis heute nicht genau. Was wir wissen, ist: Wenn der Mensch nicht schläft, stirbt er. Schlaf ist ein Zustand der relativen körperlichen Ruhe mit einer Blockierung von Aussenreizen. Schlaf dient der Erholung. Schlaf ist aber auch wichtig für das Immunsystem. Mangelnder Schlaf wirkt sich negativ aufs Immunsystem aus. Eine dritte wichtige Funktion des Schlafs ist eine fürs Lernen. Im Schlaf passiert eine Art Reinigung unseres Gehirns. Das Wesentliche wird vom Unwesentlichen getrennt. Wie das Hotelzimmer unserer letzten Ferien ausgesehen hat, ist im Moment vielleicht wichtig, später jedoch nicht mehr.

Würden Sie sagen, dass wir Schlaf erst wahrnehmen, wenn wir ein Problem damit haben?

So könnte man es ausdrücken.

Ab wann sprechen Sie von einer Schlafstörung?

Dafür gibt es keine generell gültige Definition. Eine Schlafstörung liegt dann vor, wenn eine Person den Schlaf nicht mehr als erholsam empfindet, tagsüber nicht mehr leistungsfähig ist und ein erhöhtes Schlafbedürfnis hat.

Ab wann sprechen Sie von einer chronischen Schlafstörung?

Schlaf reagiert empfindlich auf psychosomatische Störungen. Es genügt, dass eine Prüfung ansteht und jemand Prüfungsangst hat. Sobald die Prüfung vorbei ist, normalisiert sich auch der Schlaf wieder. Ist das nicht der Fall, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Vielleicht liegt zum Beispiel eine Atemstörung wie Schlafapnoe vor. Aber auch hier kann ich keine exakte Zeitspanne angeben, ab wann eine Schlafstörung chronisch ist. In der Regel gelten Schlafstörungen als chronisch, wenn sie länger als zwei bis drei Monate andauern.

Früher war es wohl überlebenswichtig, dass der Mensch nachts alert war, um sich vor drohender Gefahr in Sicherheit zu bringen.

Der Alertmodus war für den Menschen früher überlebenswichtig, das stimmt. Denn der Mensch schläft nachts, zieht sich zurück. Er war und ist bis heute wehrlos, wenn er schläft.

Heute gehört es doch zum guten Ton, dass man von sich sagt, man komme mit wenig Schlaf aus.

Ja, Schlaf gilt in unserer 24-Stunden- und 7-Tage-Gesellschaft als Beleidigung. Die Schlafdauer hat seit den 1960er-Jahren abgenommen, von durchschnittlich neun auf sieben Stunden. Das hat unter anderem mit der Verfügbarkeit von Licht zu tun.

Es heisst, moderne Medien seien Schlafräuber. Warum ist das so?

Schlaf wird neben inneren auch von äusseren Faktoren wie Licht gesteuert. Moderne Medien wie Smartphones und Fernseher, aber auch Stromsparlampen respektive deren blaue Wellenlängen, halten uns wach, ganz ähnlich wie Koffein. Normalerweise baut sich tagsüber Schlafdruck auf, und der Rhythmus passt zu jenem von Tag und Nacht. Doch der Medienkonsum vor dem Zubettgehen kann diesen Rhythmus empfindlich stören.

Ist es also nur ein Märchen, wenn jemand sagt, er sei nachtaktiv?

Nein, das ist nicht unbedingt ein Märchen. Vieles in Sachen Schlaf ist zwar konditioniert. Gerade die Kurzschläfer, die behaupten, mit vier Stunden Schlaf pro Nacht auszukommen, haben sich das antrainiert. Aber es gibt sehr wohl genetisch bestimmte Unterschiede. Wir unterscheiden die beiden Typen Lärche und Eule. Es hilft natürlich, den Beruf typgerecht zu wählen. Eine nachtaktive Eule sollte beispielsweise nicht Bäcker werden.

*Alexander Turk ist Leiter Innere Medizin
am See-Spital und verfügt über einen zusätzlichen Facharzttitel in Pneumologie.