Zürichsee

Schiffsunglück von 1928: Forscher suchen Nachkommen der Opfer

Vor 90 Jahren ist vor der Ufenau im Zürichsee ein Schiff gesunken. Taucher haben das Wrack untersucht und stellen Nachforschungen an.

Dramatisches spielte sich am Samstag, 17. November 1928, vor der Ufenau ab. Kurz nach 14 Uhr entdeckten Beobachter von Pfäffikon SZ aus ein Transportschiff, das in Seenot geraten war. Die Besatzung kämpfte gegen den starken Südweststurm, gegen den Regen und die Wellen an – die Lage schien hoffnungslos. Schnell war eine Rettungsmannschaft zusammengestellt: «Es begaben sich ein Motorboot mit fünf Mann und zwei Ruderboote mit zusammen drei Mann in See», schrieb die «Zürichsee-Zeitung» zwei Tage später in ihrer Montagsausgabe. Doch: «Während die Rettungsaktion im Gange war, versank das Schiff.»

Den Rettern bot sich ein schreckliches Bild. Ruder und Bretter trieben herum, die Steuerhütte des Ledischiffs war weggerissen worden und ritt auf den Wellen, zwei Ölfässer schwammen obenauf und ausgelaufenes Öl breitete sich aus. Von der Mannschaft: keine Spur. Doch da, plötzlich vernahmen die Retter Schreie. Ein Mann klammerte sich mit letzter Kraft an einen Stein vor der Ufenau. Die Helfer konnten ihn bergen. Franz Kaiser hiess der Überlebende. Der 27-Jährige war der Schiffsführer und stammte aus Nuolen SZ.

Drei Männer, drei Schicksale

Die übrige Besatzung ertrank. Die «Zürichsee-Zeitung» publizierte die Namen der Männer, wie es damals üblich war. Da war Ernst Baumann, Schlosser von Winterthur, geboren 1894, verheiratet, Vater zweier Kinder. Da war Friedrich Jordi, ebenfalls Schlosser, er stammte aus Huttwil im Kanton Bern, geboren 1897, ledig. Und schliesslich Josef Niederberger, geboren 1907, Maschinist, von Dallenwil im Kanton Nidwalden, «er stand vor der Verheiratung». Obwohl sich ihre Heimatorte weit weg befanden, hatten die drei Männer in schwyzerischen Pfäffikon gewohnt. Sie arbeiteten für die dortige Steinfabrik Zürichsee, die am besagten Unglückstag nicht nur drei ihrer Arbeiter, sondern auch das Motorledischiff Nummer 4 im Wert von 40'000 Franken verlor.

Das Schiff hätte gegen Mittag vom Steinbruch in Nuolen her in Pfäffikon einlaufen sollen. Die Mannschaft war bereits in Sorge aufgebrochen, weil ihr das Wetter nicht geheuer schien. Wie der Überlebende erzählte, belud die Besatzung deshalb das Schiff nicht so stark mit Kies und Sand, wie es zulässig gewesen wäre.

Doch damit konnten sie ihr Schicksal nicht abwenden. Die Ladung ruht nun 13 Meter tief im Zürichsee, zusammen mit dem Wrack, das kieloben liegt. Entdeckt hat es Christoph Schwarzenbach, Mitglied im Seerettungsdienst Horgen. Er hatte eigentlich ein anderes versunkenes Schiff vor der Ufenau gesucht und stiess dabei auf dieses Wrack.

Zwar war dieses unter Tauchern bereits bekannt, die genaue Lage war aber in Vergessenheit geraten. Und da die Sicht im See meist schlecht ist, sind versunkene Schiffe ohne genaue Koordinaten schwierig zu finden.

Nun ist das Wrack vor der Ufenau umfassend untersucht worden. Mitglieder der Swiss Archeo Divers, eines Vereins aus Hobby-Unterwasserachäologen, sowie des Tauchclubs Zürichsee und des Tauchclubs Glaukos aus Kilchberg gingen dem Geheimnis des Wracks auf den Grund. Anhand von Ladung, Lage und Bautyp konnten die Taucher das Schiff rasch der Unglücksmeldung von 1928 zuordnen.

Noch mehr Licht ins Dunkel bringen

Doch das allein genügt den Hobby-Forschern nicht. «Wir möchten den Opfern des Unglücks ein Gesicht geben», sagt Taucher Benno Schüpfer. Es gehe darum, sie als Person zu würdigen und ihre Geschichte zu erzählen. So gebe es viele offene Fragen, zum Beispiel: «Wie kommt einer aus Nidwalden dazu, als Maschinist auf einem Ledischiff am Zürichsee anzuheuern, wo er dann den Tod findet?» Schüpfer hat sich auf die Suche nach den Nachkommen der Ertrunkenen gemacht. Bei der Gemeinde Freienbach, zu der Pfäffikon gehört, hat sich der Männedörfler ihre Totenscheine besorgt. Sodann hat er die Heimatgemeinden der Opfer, also Winterthur, Huttwil und Dallenwil, angeschrieben und die Totenscheine beigelegt – in der Hoffnung, so die Kontaktdaten der Nachfahren in Erfahrung zu bringen. Der Datenschutz ist aber in Bezug auf lebende Personen ungleich strenger als bei Verstorbenen, deshalb ist Schüpfer bisher nicht weitergekommen. Er versucht nun, eine kantonale Sonderbewilligung zu erhalten, damit ihm die kommunalen Ämter weiterhelfen dürfen.

Gleichzeitig hofft er, dass sich Nachkommen von sich aus bei ihm melden, wenn sie von seinem Vorhaben in der Zeitung lesen. Dann liesse sich vielleicht etwas Licht ins Dunkel bringen. Sicher ist vorerst nur: Die ertrunkenen Männer liegen nicht mehr auf dem Seegrund. Sie wurden einige Tage nach dem Unglück geborgen und beerdigt.

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