Zürichsee

Schiffsunglück von 1928: Drei Angehörige gefunden – von einem Opfer ist weiterhin nichts bekannt

Erika Dörsam, Franz Keisers Nichte, hat noch viele Fotos ihres Onkels.

Beim Schiffsunglück von 1928 vor der Ufenau sind drei Menschen gestorben, einer überlebte. Nachdem Forscher das Wrack gefunden hatten, stellten sie Nachforschungen an. Jetzt haben sich drei Nachkommen der Opfer gemeldet – und erzählen bewegende Geschichten rund um die damalige Besatzung.

Fast vergessen war das Unglück, aber nun kommen wieder Erinnerungen und Emotionen hoch, fast ein Jahrhundert später. Der folgenschwere Unfall ereignete sich am 17. November 1928: Ein Ledischiff, beladen mit Kies und Sand, versank an dem Tag vor der Ufenau, bevor es sein Ziel in Pfäffikon SZ erreichte. Drei Männer starben, ein vierter überlebte mit viel Glück. In einer dramatischen Rettungsaktion konnten ihn Helfer aus dem Wasser ziehen.

Über 90 Jahre später schlägt Frieda Haumüller-Jordi diese Zeitung auf. Vor kurzem las sie an dieser Stelle, wie Taucher das Wrack gefunden und erforscht haben und wie sie das versunkene Ledischiff anhand eines Zeitungsberichts dem Unglück von 1928 zuordnen konnten. Die «Zürichsee-Zeitung» hatte damals unmittelbar nach dem Vorfall darüber berichtet – mitsamt den Namen der Verunglückten und des Überlebenden.

Frieda Haumüller-Jordi erschaudert. «Richtig tschuderet hät’s mi», sagt die 81-Jährige aus Schöfflisdorf im Zürcher Unterland. Denn sie hat sofort den Namen eines der Ertrunkenen erkannt: Friedrich Jordi, das war ihr Onkel. Gekannt hatte sie ihn nicht. Aber ihr Vater, Jordis Bruder, habe oft von ihm gesprochen, sagt sie. «Mein Ätti erzählte immer wieder, wie der Fritz in jungem Alter bei einem Schiffsunglück im Zürichsee ertrunken ist.» Mehr über das Leben des im Alter von 31 Jahren Verstorbenen weiss sie aber nicht.

Auch Joe Niederberger aus Wilen bei Wollerau traut seinen Augen nicht, als er den Artikel liest. Er stösst darin auf den Namen seines Grossvaters, Josef Niederberger. Dieser ertrank, 21-jährig, im Sturm – kurz vor seiner Hochzeit. Er hatte einen unehelichen Sohn, Joe Niederbergers Vater, der zum Zeitpunkt des Unglücks erst wenige Monate alt war.

Josef junior wuchs bei den Grosseltern auf und arbeitete später wie sein ertrunkener Vater für das Kies- und Baggerunternehmen Kibag. Ansonsten weiss Joe Niederberger wenig über den Unfall und seinen Grossvater. «In der Familie wurde nie viel über das Schiffsunglück gesprochen», sagt der 64-Jährige. «Ich wusste bisher nicht einmal, dass dabei auch andere Männer ums Leben gekommen waren.»

Der Kapitän überlebte das Unglück

Deutlich mehr erzählen kann hingegen Erika Dörsam aus Horgen. Auch sie hat den Bericht über das Wrack vor der Ufenau gelesen. Und auch sie war überrascht, als sie auf einen bekannten Namen stiess: Franz Kaiser. Er war der einzige Überlebende und hiess richtig Franz Keiser. In der Nachricht von damals war sein Namen falsch geschrieben worden. Er war der Onkel von Erika Dörsam. Und sie weiss Bescheid über sein Schicksal nach dem Unglück.

In ihrem Zuhause in Horgen öffnet die 77-Jährige ein Fotoalbum und zeigt Bilder. Darunter ist ein Familienfoto mit Franz Keiser, seinen Eltern und den vier Geschwistern. Sie wuchsen in dem Haus auf, in dem Erika Dörsam heute wohnt. «Deshalb habe ich hier noch so viele Dokumente», sagt die Horgnerin.

Franz Keiser (l.) arbeitete bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs auf dem See.

Franz Keiser (l.) arbeitete bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs auf dem See.

Unter anderem existiert eine handschriftliche Kurzbiografie des Schiffskapitäns. Verfasst hat sie eine seiner mittlerweile verstorbenen Schwestern, die Tante von Erika Dörsam.

Sie hat festgehalten, wie ihr älterer Bruder in Horgen aufwuchs und später wie sein Vater ein motorisiertes Ledischiff auf dem Zürichsee fuhr. Als er heiratete, zog er nach Nuolen, wo er mit seiner Frau und den beiden Kindern im Haus der Schwiegereltern wohnte.

Dort arbeitete er für die Kibag und belieferte unter anderem die Steinfabrik Zürichsee in Pfäffikon. Dem Unglück von 1928 räumt die Biografin viel Raum ein. «Der See sah wild aus und die Wellen schlugen mit unheimlicher Macht an den Schiffsrumpf», schreibt die Schwester über den Schicksalstag. Da der transportiere Sand nass und schwer war, hätten die Seitenwände nur wenige Dezimeter über dem Wasser gelegen. Die Wellen schwappten so über den Rand und das Boot sackte immer tiefer ab.

«Die drei mitfahrenden Maschinisten bekamen es mit der Angst zu tun», schreibt die Autorin weiter. «Mein Bruder forderte sie auf, das Schiff zu verlassen, um ans Ufer zu schwimmen.»

Franz Keiser habe das Schiff bis zum Schluss steuern wollen, wie es sich für einen Kapitän gezieme. Schliesslich musste er dennoch von Bord gehen und erlebte im Wasser Schreckliches mit: Der Sog des untergehenden Schiffs zog seine drei wegschwimmenden Kameraden in die Tiefe.

Später steuerte Keiser im Horgner Bergwerk Käpfnach eine Lokomotive.

Später steuerte Keiser im Horgner Bergwerk Käpfnach eine Lokomotive.

Er hingegen konnte zu einem Felsen mit einem Eisenkreuz schwimmen, an das er sich klammerte, bis er das Bewusstsein verlor. Als ihn die Retter von Pfäffikon her erreichten, mussten sie erst seine steifgefrorenen Finger vom Metall lösen. An Land gelang es dann den Ärzten, Keiser zu reanimieren.

Ein zweites Unglück im Bergwerk

Schlimme Albträume plagten ihn in den Nächten danach, immer wieder hatte er die Kameraden im Todeskampf vor Augen. Trotzdem setzte er – wenn auch traumatisiert – seine Arbeit auf dem See fort, bis der Zweite Weltkrieg ausbrach. Da dann das Öl knapp wurde, musste die Schifffahrt auf dem Zürichsee zeitweise eingestellt werden. Keiser hatte keine Arbeit mehr und heuerte im Bergwerk Käpfnach in Horgen an. Dieses war, ebenfalls im Zuge des Kriegs, wieder geöffnet worden, weil Heizmaterial fehlte.

Da Keiser dank seiner Arbeit auf dem Ledischiff mit Motoren vertraut war, fuhr er im Bergwerk die kleine Lokomotive, welche die mit Kohle gefüllten Loren aus dem Stollen zog. Diese Arbeit wurde ihm am 14. Januar 1946, 17 Jahre nach dem Schiffsunglück, zum Verhängnis. Als er an jenem Tag in den Stollen fuhr, lösten sich einige der Wagen aus den Verbindungshaken. Ein Kollege, der im hinteren Teil mitfuhr, rief ihm dies zu. Daraufhin streckte Keiser seinen Kopf aus der Lokomotive – und prallte in voller Fahrt in einen Stützbalken. Er müsse wohl das Genick gebrochen oder schwere Kopfverletzungen davongetragen haben, vermutet Erika Dörsam, die damals ein kleines Kind war. Genau steht es im Bericht ihrer Tante nicht.

Der Grabstein befindet sich heute im Bergwerk.

Der Grabstein befindet sich heute im Bergwerk.

Keiser starb noch auf der Unfallstelle. Ein Stich, der ihn während der Fahrt in der Lokomotive zeigt, ziert seinen Grabstein. Dieser stand zuerst in Nuolen und befindet sich heute in einem Stollen des Bergwerks, das ein Jahr nach Keisers Tod geschlossen wurde. «Es ist kaum zu glauben, wie viel Pech er in seinem Leben hatte», sagt Erika Dörsam. «Erst das Unglück mit dem Ledischiff, dann jenes im Bergwerk.»

Betroffen von dieser Geschichte zeigt sich auch Benno Schüpfer. Er ist einer der Taucher des Vereins Swiss Archeo Divers, die das Wrack untersucht haben. Der Männedörfler hat sich auf die Spur der Nachkommen gemacht und sich sogleich mit Erika Dörsam getroffen, als sich diese bei ihm gemeldet hat. Die Kurzbiografie hat er richtiggehend verschlungen. «Ich habe Gänsehaut bekommen, als ich sie gelesen habe», sagt er.

Über eine Person ist nichts bekannt

Schüpfer ist überrascht, dass sich aufgrund des Zeitungsartikels gleich drei Nachfahren gemeldet haben. «Zumindest einem konnten wir ein Gesicht geben, indem wir seine Geschichte erzählen», sagt er. Und zu zwei Ertrunkenen hat er immerhin einige Hinweise erhalten.

Nur über eine Person weiss Schüpfer noch immer wenig: über Ernst Baumann, Schlosser von Winterthur, geboren 1894. Er war, wie der damaligen Unfallmeldung zu entnehmen war, verheiratet und Vater zweier Kinder. Wie die beiden anderen Ertrunkenen wohnte er in Pfäffikon SZ. Schüpfer sucht weiter nach seinen Nachkommen, bei Behörden und Ämtern. Und er hofft auf weitere entscheidende Hinweise von Lesern dieser Zeitung.

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