SONNTAGSGESPRÄCH
Schauspieler Rolf Sommer: «Inzwischen finde ich Schlieren grossartig»

Der Schauspieler Rolf Sommer schaffte seinen grossen Durchbruch mit der Hauptrolle im Musical «Die Schweizermacher». Seine neue Heimat Schlieren, wo er sich mit Freunden eine Wohnung teilt, erlebt er als zweites Brooklyn.

Nicole Button
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Beim Kaffeetrinken mit Freunden kann Rolf Sommer am besten entspannen – wie hier auf dem Balkon seiner Schlieremer WG. Nicole Button

Beim Kaffeetrinken mit Freunden kann Rolf Sommer am besten entspannen – wie hier auf dem Balkon seiner Schlieremer WG. Nicole Button

Herr Sommer, vom Balkon Ihrer Altbauwohnung aus hat man eine nette Aussicht auf Schlieren und auf die umliegenden Hügel. Dort drüben steigt gerade ein Flugzeug auf.

Rolf Sommer: Herrlich, nicht wahr? Wir haben hier praktisch keinen Fluglärm und können die Flugzeuge dennoch beim Abheben beobachten und von fernen Reisezielen träumen.

Das wird nicht der Hauptgrund gewesen sein, weshalb Sie hier in Schlieren mit Choreograf Jonathan Huor und mit Filmemacher Oliver Brand eine Wohngemeinschaft gegründet haben?

Nein. Ich und meine beiden WG-Mitbewohner vergleichen Schlieren gerne mit dem New Yorker Stadtteil Brooklyn. Auch das war früher eine versiffte Gegend. Dann zogen die Künstler nach Brooklyn, und heute kann man sich die Mieten dort kaum mehr leisten. Wir wollten vor zwei Jahren die gleiche Entwicklung für Schlieren in Gang setzen (lacht). Nein, Spass beiseite: Wir sind wegen dieser Wohnung ins Limmattal gezogen. Sie ist gross genug für uns drei, wir haben nette Nachbarn, im Garten können wir grillieren.

Sie finden Ihre WG so toll, dass Sie derzeit nebst neun weiteren Wohngemeinschaften um den Titel der M-Budget-WG 2012 kämpfen (siehe Kasten).

Ja, wir sind schlicht und einfach die coolste WG – unabhängig davon, ob wir den Titel gewinnen oder nicht. Wir sind drei Männer im gleichen Alter, alle freischaffende Künstler. Das verbindet. Oliver und Jonathan sind inzwischen meine besten Freunde und meine zweite Familie.

Im Wettbewerb von M-Budget tritt Ihre WG unter dem Namen «Trio Infernale» an. Geschehen in dieser Wohnung manchmal verrückte Dinge?

Jaja (lacht und zögert)... Ich habe eigentlich keine Ahnung, wie der Name entstanden ist. Aber es herrscht tatsächlich eine lustige, kreative Atmosphäre, wenn wir zu Hause sind. Dann werden Freunde eingeladen, Feste gefeiert oder mitten in der Nacht die Wände im WC rot gestrichen. Es gibt allerdings immer auch wieder Phasen, in denen es ganz ruhig und normal ist in der Wohnung.

Wohl auch deshalb, weil Künstler beruflich oft viel unterwegs sind. Leben Sie persönlich gerne aus dem Koffer oder ist Ihnen ein fixes Zuhause wichtig?

Mein Beruf bietet keinen geregelten Tagesablauf, und mit jedem neuen Projekt muss man sich völlig neu organisieren. Als Gegenpol zu diesem unsicheren Leben ist mir unser familiäres Zusammenleben hier zu Hause umso wichtiger. Ich habe das Glück, dass ich es trotz meines Berufs ausgiebig geniessen kann: Ich hatte in den letzten Jahren vor allem Engagements in der Schweiz und musste relativ selten auswärts schlafen.

Sie sind im Kanton Uri aufgewachsen, lebten danach in den Städten Bern, München, Zürich – und jetzt im etwas weniger urbanen Schlieren. Zieht es Sie wieder aufs Land zurück?

Überhaupt nicht, im Gegenteil: Je länger ich auf dieser Welt bin, desto urbaner werde ich. In den letzten drei Monaten wohnte ich vorübergehend im deutschen Bad Hersfeld, wo ich die Rolle des armen Schneiders Mottel im Musical Anatevka spielte. Es war schön, nach der Zeit in diesem kleinen Städtchen wieder in die Region Zürich zurückzukommen.

Was stört Sie am Landleben?

Nichts. Meine Eltern leben immer noch im Kanton Uri. Ich besuche sie sehr gerne und finde die Berglandschaft toll.

Aber?

Aber ich kann meinen eigenen Rhythmus in der Stadt besser leben als auf dem Land. Mein Arbeitstag als Schauspieler beginnt oft dann, wenn die anderen Feierabend haben. Deshalb finde ich es schön, wenn in den Strassen und Lokalen auch nach Mitternacht noch Betrieb ist. In Zürich geniesse ich zudem das riesige kulturelle Angebot und die Möglichkeit, meine Freunde spontan treffen zu können. Es passiert immer etwas in dieser Stadt: Clubs gehen auf und schliessen wieder. Überall hat es Baustellen, und innert kürzester Zeit wächst ein Prime Tower in die Höhe. Diese Dynamik passt mir total.

Sie schwärmen von Ihrem früheren Wohnort Zürich. Wie gefällt Ihnen die Stadt Schlieren?

Zuerst war ich etwas skeptisch, aber inzwischen finde ich es hier grossartig. Die öV-Verbindungen sind sehr gut, in kürzester Zeit ist man an der Limmat, in der Badi oder in der Natur.

Schlieren hat Sie positiv überrascht?

Ja, absolut. Es war eine Überraschung für mich, dass Schlieren ein eigenständiges Städtchen ist. Als ich noch in Zürich wohnte, gab es für mich absolut keinen Grund, hier rauszufahren. Ich hielt Schlieren für einen hässlichen Vorort – und entdeckte erst bei der Wohnungsbesichtigung, dass zumindest das Zentrum total herzig ist.

Und trotz der Idylle müssen Sie nicht auf Ihre geliebten Baustellen verzichten.

Genau, ich finde es spannend, wie Schlieren und Altstetten durch die vielen Bauprojekte entlang der Bahnlinie ans Zürcher Stadtzentrum anwachsen. In ein paar Jahren werden uns alle um unsere Schlieremer Wohnung beneiden. Allerdings sind die neuen Grossüberbauungen nicht ausschliesslich schön. Man merkt, dass Wohnungsnot herrscht und gewisse Leute viel Geld verdienen, indem sie neue Wohnungen billig bauen.

Haben Sie schon Bekanntschaften in der Stadt gemacht?

Ja. Als ich beim Musical «Die Schweizermacher» als Kantonspolizist Moritz Fischer auf der Bühne stand, besuchte das Schlieremer Gemeindeparlament eine Vorstellung. Die Parlamentarier schrieben mir später einen Brief, in dem sie die Show lobten und ihre Freude darüber ausdrückten, dass ich in Schlieren wohne. Ich fühlte mich echt geehrt. So etwas hatte ich zuvor noch nie erlebt (lacht).

Mit der kulturellen Seite Schlierens sind Sie auch schon in Kontakt gekommen?

Ja, während des Schlierefäschts 2011 waren wir quasi mittendrin. Den Festumzug konnten wir von unserem Balkon aus mitverfolgen, die ersten Würstchen gab es gleich um die Ecke. Bis um vier Uhr morgens konnte man von hier aus den Sound der Bars hören. Gestört hat uns das überhaupt nicht – im Gegenteil. Wir gingen sogar richtig in den Ausgang in Schlieren, und ich besuchte eine Vorstellung der «Kleinen Niederdorfoper».

Wie hat Ihnen die Show der Schlieremer Laiendarsteller gefallen?

Irrsinnig gut. Die Darsteller spielten mit Inbrunst und brachten mich zum Lachen. Chapeau! Einen von ihnen kenne ich übrigens von einem Musical-Projekt für Jugendliche, bei dem ich vor zwei Jahren unterrichtete: Davide Autiero, ein junger Mann mit italienischen Wurzeln, der in meinen Augen ein schauspielerisches Naturtalent ist.

Am 23.August läuft der Schweizer Film «Das Missen Massaker» an. Dort glänzen Sie in einer Nebenrolle.

Naja (lacht). Ich spiele den äusserst schwulen Moderator der Miss-Züri-Wahl und trage ein funkelndes und glitzerndes Outfit mit Schuhen, in denen man sich spiegeln kann – eine winzige Rolle, aber trotzdem wertvoll für mich: Ich startete meine Laufbahn als Musical-Darsteller, rutschte später zusätzlich in die Theaterschiene und möchte künftig auch vermehrt bei Filmen mitwirken. Momentan sind einzelne Drehtage bereits ein Erfolg für mich und tragen dazu bei, dass man mich in der Branche wahrnimmt.

Mit Fernseh- und Kinofilmen könnten Sie ein grösseres Publikum erreichen als bisher als Musical- und Theaterschauspieler. Reizt Sie das?

Es wäre verlogen, wenn ich sagen würde, dass mir das nichts bedeutet. Ich arbeite seit Jahren auf der Bühne, durfte bei tollen Projekten mitwirken – Rollen, die mich forderten und mich stolz machten. Aber erst als ich mit Schnauz und Perücke in der Werbung des Auskunftsdienstes 1818 auftrat, klopfte mir ein Kollege auf die Schulter und sagte: «Jetzt hast Du den Durchbruch geschafft.» Es ist erstaunlich, aber wahr: Viele Leute betrachten dich erst als richtigen Schauspieler, wenn du im Fernsehen zu sehen bist.

Und Sie geniessen diese Beachtung?

Ja, da ist schon eine gewisse Eitelkeit in mir – dieser Wunsch, beim Film zu landen und Ruhm zu erlangen. Allerdings wurde ich nicht in erster Linie Schauspieler, um berühmt zu werden. Der Beruf macht mir einfach wahnsinnig viel Spass.

In Sachen Schauspielerei sind Sie ein Spätzünder, absolvierten erst mit 25 Jahren eine Schauspiel-, Gesangs-, und Tanzausbildung in München. Was machten Sie zuvor?

Mit 19 machte ich die Matura im Kanton Uri, danach ging ich ganz brav an die Uni Bern und studierte Geschichte. Was dann folgte, bezeichne ich heute als meine «Lehr- und Wanderjahre»: Ich probierte neben dem Studium alle möglichen Jobs aus, arbeitete als Journalist, als Event-Organisator, flog als Flugbegleiter der Swissair durch die Welt. Meine Eltern wurden zunehmend nervös. Eines Tages eröffnete ich ihnen, dass ich das Studium abbrechen und die Abraxas Musical Akademie in München besuchen wollte. Die Aufnahmeprüfung hatte ich zuvor heimlich absolviert und bestanden.

Wie kamen Sie auf die Idee, zum Musical zu gehen?

Als ich im Kanton Schwyz als Laiendarsteller beim Musical «Fame» mitwirkte, kam ich erstmals in Kontakt mit professionellen Choreografen, Regisseuren und Musikern. Zuvor hatte ich jahrelang in Schul- und Gemeindetheatern gespielt, gesungen und Klavier gespielt und war Mitglied einer Band. Aber erst durch den Zuspruch der Profis aus dem «Fame»-Ensemble kam ich auf die Idee, diese Hobbys zum Beruf zu machen.

Nach der dreijährigen Musical-Ausbildung konnten Sie rasch Fuss fassen: Noch bevor Sie das Diplom in der Tasche hatten, schnappten Sie sich die Hauptrolle im Musical «Dä chli Horrorlade» im Theater am Hechtplatz.

Ein Wunder, dessen Ausmass ich erst im Laufe der Zeit begriff. Als ich mit dem Zug von München nach Zürich fuhr und hier mein Vorsingen bestritt, hatte ich noch keine Ahnung, dass ich auf direktem Weg mitten ins Herz der Schweizer Musiktheater-Szene gelangt war.

Welche Vorstellung hatten Sie damals vom Theater am Hechtplatz?

Ich dachte mir: «Ein Kleintheater in Zürich, das wäre vielleicht nicht schlecht als Einstieg.» Ich unterschätzte die Bedeutung dieses Theaters völlig und war wohl genau deshalb so entspannt und erfolgreich beim Casting. Wenn ich gewusst hätte, welche Türen mir dieser Job öffnen würde und welches Beziehungsnetz er mir verschaffen würde, wäre ich vor Nervosität gestorben und hätte die Rolle niemals bekommen.

Heute arbeiten Sie für die unterschiedlichsten Projekte: Ab September spielen Sie wieder beim Familienmusical «S’Dschungelbuech» mit und stehen für «Loriot – der Theaterabend» auf der Bühne des Theaters Rigiblick. Zudem machen Sie Werbung und sind Synchronsprecher. Ist diese Vielfalt für Sie eine Not oder eine Tugend?

Beides. Einerseits kann ich auf diese Weise von meinem Beruf leben, ohne auf der Suche nach Jobs durch die ganze Welt tingeln zu müssen. Andererseits macht mir die Genre übergreifende Arbeit aber auch grossen Spass und ich freue mich, dass ich in all diesen Bereichen angestellt werde. Das hat sicher auch mit meiner Musical-Ausbildung zu tun, die extrem vielfältig war: Sprechen, Singen, Tanzen, Schauspielern – alles war dabei.

Hat Ihre Hauptrolle in «Die Schweizermacher», die Sie 2010 bis 2011 spielten, dazu geführt, dass Sie heute besser von der Schauspielerei leben können?

Längerfristig gesehen hat mir die Rolle als Moritz Fischer sicher etwas gebracht. Ich erhalte mehr Angebote als früher, was mich wahnsinnig freut. Überrannt werde ich allerdings nicht, und es gibt keinen Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Es geht weiter wie immer: Bewerben und rudern. Plötzlich hat man fünf Jobs gleichzeitig und weiss nicht, wie man alles unter einen Hut bringt. Und dann gibt es wieder Monate, in denen praktisch nichts läuft.

Wir haben über Ihre neue Heimat Schlieren gesprochen. Welche ist Ihre berufliche Heimat?

Im Theater am Hechtplatz fühle ich mich zu Hause. Ich habe dort bereits an sechs Produktionen mitgewirkt und würde das Team – Intendant Dominik Flaschka, die Techniker, die Leute an der Kasse – als meine Theaterfamilie bezeichnen. Ich hoffe, dass ich nach drei Jahren Unterbruch dort bald wieder arbeiten kann.

Was macht den Zauber dieser Institution aus?

Seit über 50 Jahren stehen grosse Schweizer Künstler auf der Bühne dieses kleinen Theaters: Ces Keiser und Margrit Läubli, Emil, Franz Hohler oder Joachim Rittmeyer. Es ist eine Ehre, sich als Schauspieler in diese Tradition der Mundart-Unterhaltung einreihen zu dürfen.

Einige berühmte Schweizer Schauspieler haben eine ganz bestimmte Paraderolle, wie beispielsweise Emil als naiver Bünzli. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Ich habe in den letzten zehn Jahren die unterschiedlichsten Rollen in unterschiedlichen Stücken gespielt – aber sie haben tatsächlich viel gemeinsam. Ob Mottel in «Anatevka», Hanspeter in «Ewigi Liebi» oder Moritz Fischer in «Die Schweizermacher»: Sie alle sind komödiantische, etwas naive Sympathieträger. Ein bisschen verschupft, ein bisschen hinter dem Mond. Ich habe noch nie den grossen Helden gemimt.

Oder den Bösewicht?

Immerhin verkörpere ich jetzt Shir Khan – den bösen Tiger aus dem Dschungelbuch (lacht). Nein, im Ernst: Ich finde die Schiene, auf der ich bisher gefahren bin, toll, denn diese Figuren bringen das Publikum zum Lachen. Aber ich fände es schon auch spannend, einmal aus diesem Schema auszubrechen.

Lassen Sie sich deshalb den Bart wachsen, um grimmiger auszusehen?

Nein, den musste ich mir für meine Rolle als jüdischen Schneider Mottel wachsen lassen. Es wäre mühsam gewesen, vor jedem Auftritt einen künstlichen Bart anzukleben.

Inwiefern hat Ihre Paraderolle als witziger Naivling mit Ihrer eigenen Persönlichkeit zu tun?

Selbstverständlich gibt es gewisse Ähnlichkeiten. Es ist die Aufgabe eines Schauspielers, zwischen seiner Persönlichkeit und seinen Rollen einen Zusammenhang herzustellen. Wer nur spielt, wirkt auf der Bühne nicht authentisch. Aber die Persönlichkeit eines Menschen hat immer mehrere Seiten gleichzeitig. Deshalb kann ein Schauspieler verschiedene Rollen gut spielen.

Welche neuen Projekte stehen bei Ihnen demnächst an?

Im Moment ist alles noch ein bisschen vage, die Verträge sind noch nicht unter Dach und Fach. Doch so viel sei verraten: Es kommt sehr viel auf mich zu, und ich erwarte insbesondere ein spannendes Jahr 2013.

Wo erholen Sie sich an Ihrem Wohnort vom Jobstress?

Ich gehe ab und zu in die Limmat oder im Freibad schwimmen oder gehe im Wald joggen. Was ich in Schlieren vermisse, ist ein schönes Szene-Café, wo man auch unter der Woche nach 8 Uhr morgens noch ausgiebig frühstücken kann. Denn beim Kaffeetrinken mit Freunden kann ich wunderbar entspannen.