Tag der Arbeit
Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart will Parteien abschaffen

In seiner Rede zum Tag der Arbeit machte Hanspeter Müller-Drossaart einen provokativen Vorschlag: Er fordert die Abschaffung nationaler Parteien. Nur noch Menschen mit «persönlichen Haltungen und Bekenntnissen» sollten gewählt werden.

Bettina Hamilton-Irvine
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Viel Volk auf dem Dietiker Kirchplatz
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Applaus von grossen und kleinen Genossen
Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart will Parteien abschaffen
Der Präsident der SP Limmattal Rolf Steiner gibt sich kämpferisch
Die Markthalle ist bis auf den letzten Platz besetzt
Das Quartett Caravane sorgt für musikalische Unterhaltung
Aufmerksame Zuhörer und Zuhörerinnen

Viel Volk auf dem Dietiker Kirchplatz

AZ

Dass er mit einigen seiner Aussagen anzuecken gedachte, machte der Dietiker Schauspieler und Kabarettist Hanspeter Müller-Drossaart gleich in der Einleitung zu seiner 1.-Mai-Rede auf dem Dietiker Kirchplatz klar. «Falls meine Überlegungen Ihnen zu provokativ entgegenkommen sollten», meinte er, «nehmen Sie es bitte nicht als Kränkung Ihres Weltbildes, sondern als wohlgemeint gewürzte Anregung meinerseits.»

Mitleid für die katholische Kirche

Was er versprochen hatte, hielt der Träger des Dietiker Kulturpreises 2009. Einige seiner Seitenhiebe, wie jener gegen die SVP, der mit Zwischenapplaus quittiert wurde, tarnte er als Witz: So versicherte er dem zahlreich erschienenen Publikum, er werde die «Teufel-Malerei» einer speziellen Partei überlassen, die «zwar schweizerfähnlig, weiss-grün dahersünnelet, aber umso schwärzere Schreckgespenster an die helvetischen Wände kleckert».

Doch machte der Schauspieler, der zuletzt als «Dällebach Kari» im gleichnamigen Musical auf der Bühne stand, auch unmissverständlich klar, dass es ihm durchaus ernst war mit seinen Aussagen. Sein Angriff auf die katholische Kirche beispielsweise, deren dogmatischem Programm er mittlerweile wenig abgewinnen könne «ausser Mitleid», hatte sich gewaschen. So prangerte er die «hartnäckig rückständige» Einstellung in Sachen Empfängnisverhütung an, den «diffamierenden Umgang» mit gleichgeschlechtlicher Liebe und den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt. Dies seien nur ein paar Beispiele, so Müller-Drossaart, um zu belegen «wie umfangreich hier eine Institution, die sich die Würde des Menschen aufs Banner geschrieben hat, im Begriffe steht, den Anschluss an die aktuelle Zeit zu verlieren».

Doch auch die Politiker bekamen ihr Fett weg. Müller-Drossaart, der selber keiner Partei angehört, seine Gesinnung jedoch zuletzt mit seinem Engagement gegen die Ausschaffungsinitiative verdeutlichte, erklärte, die gewählten Volksvertreter seien oft hauptsächlich mit «machttaktischen Parteispielen» beschäftigt. Dabei bleibe oft kein Raum mehr, «eine nachhaltige inhaltliche Politik für das Allgemeinwohl» zu betreiben. Wer wähle, so der seit 2002 in Dietikon wohnhafte Schauspieler, habe keine Wahl: Man erhalte nicht nur die Person, sondern auch noch deren politische Programmierung - «als Bonus-Geschenk sozusagen».

Das Leben feiern

Deshalb wage er den provokativen Vorschlag, sagte Müller-Drossaart, die Parteien abzuschaffen und nur noch Menschen mit persönlichen Haltungen und Bekenntnissen zu wählen: «Mich interessiert nicht, wie links oder rechts jemand steht, sondern wie sie und er handelt.» Die aktuellen «Zerrüttungen, Leerräume und aggressiven Rundumschläge» der Parteien gäben seinem Vorschlag ausreichend Futter.

Doch Müller-Drossaart zeigte sich nicht nur angriffig, sondern ermunterte das Publikum auch, sich zu engagieren und «für eine dynamische Schweiz, die den Aufwand nicht scheut, sich als Teil eines grossen Ganzen zu verstehen» und die die eigenen Werte selbstbewusst immer wieder hinterfrage. «Investieren Sie weiterhin mutig in Tugenden wie Klugheit, Gerechtigkeit und Mass, Toleranz, Gleichwertigkeit und Gleichwürdigkeit aller Menschen», appellierte Müller-Drossaart zum Schluss: «Es lohnt sich.» Schliesslich gelte es, das Leben zu feiern und seiner Zerbrechlichkeit gemeinsam Sorge zu tragen.