Basislager
«Salamitaktik» um das Basislager erzürnt Binz-Kreative

Mietzinserhöhung und intransparente Information sorgen für Unmut in der Kreativ-Idylle in der Binz. Wer sich die neuen Mieten nämlich nicht leisten kann, muss seinen Container Ende Mai abgeben

Sophie Rüesch
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Container im Basislager in der Binz
11 Bilder
Das Atelier der freischaffenden Künstlerin Claudia Jongbloed
Das Atelier von Sozialarbeiterin und Grafikerin Annina Spirig
Das Basislager in der Binz wird Ende Mai geräumt, um Platz für einen Neubau zu schaffen. Die Container werden nach Altstetten verlagert.
Das Gelände in der Binz muss bis Ende Mai geräumt werden
Die Ateliers an der Räffelstrasse 24
Die Foto- und Videokünstlerin Sonia Bischoff mietet seit 2009 einen Container
Die Werkstattcontainer sind besser isoliert und deshalb etwas teuerer als die normalen Container
Hier wird dereinst ein Neubau der Swiss Life stehen
Noch geniessen die Mieter und Mieterinnen die Idylle in der Binz
Sandra Buechel und Lukas Tonetto (im Bild) von der Design- und Kommunikationsagentur The Trigger haben drei Containereinheiten gemietet

Container im Basislager in der Binz

Sophie Rüesch

Morgens ist es im Basislager in der Binz noch ruhig. Während um die Containersiedlung Menschen in die umliegenden Büros strömen, pfeifen auf dem Kreativwirtschafts-Gelände erst die Vögel. Auf den sonnengefluteten Terrassen werden erste Kaffees getrunken, die langsam eintreffenden Künstler, Grafiker, Architekten und Start-up-Unternehmer begrüssen sich herzlich und halten manchmal für einen kleinen Schwatz an. Doch bald wird klar: Die Stimmung ist schlechter als der idyllische Anblick vermuten liesse. Grund dafür ist die kürzlich verkündete Mietzinserhöhung, die mit dem Umzug der Siedlung von der Binz an die Aargauerstrasse nach Altstetten einhergeht.

Dabei hat erst vor kurzem noch allem so gut ausgesehen: Nach einer langen Periode der Unsicherheit über die Zukunft des Kreativdorfs wurde im März dieses Jahres überraschend verkündet, dass der Umzug auf das neue Areal in Altstetten im Mai nun definitiv klappen würde. «Hätten Sie uns letzten Donnerstag gefragt, wären wir noch überaus positiv gestimmt gewesen», sagt Foto- und Videokünstlerin Sonia Bischoff, die seit dem Anfang des Projekts im Jahr 2009 dabei ist. Bis letzte Woche ging man auf dem Areal noch davon aus, dass die Mieten «wenn, dann moderat» steigen wurden.

«Klare Angaben haben wir nie erhalten, die Verwaltung liess aber durchscheinen, dass die Mieten höchstens zehn Prozent steigen würden», so Bischoff. Umso härter traf die Mieter der Schock, als die Fischer AG Immobilienmanagement, die die Siedlung verwaltet, am letzten Freitag eine Mietzinserhöhung um rund 33 Prozent angekündigte. Die Containermiete wird am neuen Standort rund 535 Franken kosten; bisher betrug sie 400 Franken.

Kurze Entscheidungsfrist empört

Doch damit nicht genug: Innert sechs Tagen mussten die Kreativleute sich entscheiden, ob sie unter diesen Konditionen beim Umzug dabei sein würden - viel zu wenig Zeit, um sich nach Alternativen umzuschauen. «Stossend ist, dass das Mietverhältnis über zwei Jahre hinweg auf Ungewissheit, spärlichen Informationen und Hinauszögerungen basierte, und dass wir selbst nun innert kürzester Frist reagieren müssen», so Bischoff weiter. Wer sich die neuen Mieten nicht leisten kann, muss den Container Ende Mai abgeben, wie die Verwaltung in einem Schreiben an die Mieter mitteilt.

Sandra Buechel und Lukas Tonetto, Inhaber einer Design- und Kommunikationsagentur und seit 2009 dabei, sind darüber empört. «Wir haben immer gewusst, dass es ein temporäres Projekt ist. Doch sechs Tage Entscheidungsfrist und drei Wochen Räumfrist sind viel zu wenig Zeit; daneben hat man ja auch noch Projekte zu betreuen», so Buechel.

Es ist besonders die Informationspolitik der am Umzug beteiligten Parteien, die den Mieterinnen und Mietern sauer aufstösst. «Die Kommunikation durch Stadt, Swiss Life und Verwaltung ist gelinde gesagt schlecht», sagt Tonetto. Er spricht von einer «Salamitaktik»: «Informationen gabs immer nur scheibchenweise.» Auch Thomas Wirz, Architekt und Container-Untermieter ist unzufrieden mit der aktuellen Lage: «Niemand weiss, was geht, der Zügeltermin ist unklar, und dass die Mieten am qualitativ schlechteren neuen Standort derart steigen, ist auch nicht erfreulich». Er und sein Team hätten sich unter diesen Umständen gerne nach Alternativen umgeschaut, doch «so kurzfristig ist das gar nicht möglich.»

Aus der Not eine Tugend machen

Die Swiss Life weist die Vorwürfe von intransparenter Information und unangemessenem Zeitdruck von sich: «Es war zu jedem Zeitpunkt klar, dass das Basislager in der Binz ein befristetes Projekt ist», so Dajan Roman, Mediensprecher der Swiss Life. Die Gründe für die Mietpreiserhöhung erklärt er wie folgt: «Das Grundstück in Altstetten gehört nicht Swiss Life. Die Fläche gehört der Stadt Zürich und muss von Swiss Life gemietet werden. Vor allem aber ist der Umzug des gesamten Basislagers mit beträchtlichen Kosten verbunden». Trotzdem seien sie davon «überzeugt, dass wir auch mit den neuen Mietpreisen ein sehr attraktives und in Zürich einmaliges Angebot bieten.»

An sich freuen sich die meisten Mieter und Mieterinnen auf den neuen Standort zwischen Asylunterkunft und Strichplatz in Altstetten, oder haben zumindest kein Problem damit. Trotz der unerfreulichen Nachrichten haben sich alle Befragten entschieden, umzuziehen, und sind auch weiterhin vom Projekt überzeugt. «So idyllisch wie hier in der Binz wird es natürlich nicht werden», sagt die Künstlerin Claudia Jongbloed. Annina Spirig, Sozialarbeiterin und Grafikerin, hingegen freut sich: «Diese Umgebung ist besonders interessant für sozial-kreative Projekte.»

Die erhöhten Mieten sind auch für die beiden jungen Frauen ein Problem; sie seien seit deren Bekanntgabe eifrig daran, neu zu budgetieren. «Eigentlich können wir uns die Mieten gar nicht mehr leisten. Doch aus der Not kommt auch wieder neue Kreativität», so Spirig.