Spitex rechtes Limmattal
Rücktritt nach 25 Jahren: Marianne Humbel gab der ambulanten Pflege ein Gesicht

Das letzte Arbeitsjahr vor dem Ruhestand verlangte Marianne Humbel als Geschäftsleiterin der Spitex rechtes Limmattal wegen der Coronapandemie so einiges ab. Kürzlich übergab sie das Amt ihrer Nachfolgerin Ribana Giaquinta.

Sibylle Egloff
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Wechsel in der Geschäftsleitung: Ribana Giaquinta ist die Nachfolgerin von Marianne Humbel.

Wechsel in der Geschäftsleitung: Ribana Giaquinta ist die Nachfolgerin von Marianne Humbel.

Severin Bigler

Ein aufgeschlagenes Buch liegt in der Vitrine. Die Handschrift ist auf dem vergilbten Papier noch gut leserlich. «Protokollbuch 1931 bis 1962» steht auf dem Deckel. «In diesem schwarzen Heft hielt der Krankenpflegeverein der Kreisgemeinde Weiningen wichtige Beschlüsse, Versammlungen und Statuten fest», sagt Marianne Humbel und ergänzt: «Das war aber vor meiner Zeit, so lange war ich nun auch wieder nicht dabei.» Doch immerhin: Die 64-Jährige stand 25 Jahre lang im Dienst der Spitex und amtete 13 Jahre lang als Geschäftsleiterin der Spitex rechtes Limmattal. Vor kurzem trat sie in den Ruhestand und übergab die Aufgabe ihrer Nachfolgerin Ribana Giaquinta.

«Ich bin nicht unglücklich, dass ich nun einen Gang runterschalten kann», sagt Humbel. Das Coronavirus hat sie in ihrem letzten Arbeitsjahr stark gefordert. Beschäftigt hätten sie zu Beginn der Pandemie vor allem die Materialbeschaffung und die Ungewissheit. «Für das ganze Gesundheitswesen ist diese Krise eine grosse Herausforderung.» Doch Humbel kann Covid-19 auch Positives abgewinnen. «Es war eine neue Erfahrung. Ich spürte, wie gross die Solidarität und die Flexibilität im Team ist und wie schnell man sich auf neue Situationen einstellen kann.» Die Spitex rechtes Limmattal sei bisher gut durch die Pandemie gekommen, sagt die Weiningerin. «Wir sind in der glücklichen Lage, dass sich bis jetzt keine Mitarbeitende mit dem Virus angesteckt haben.»

Sie erlebte viele Veränderungen

1995 startete die diplomierte Pflegefachfrau beim Kranken- und Hauspflegeverein der Kreisgemeinde Weiningen, wie die Spitex damals noch hiess. Zuvor war Humbel 15 Jahre lang im Stadtspital Waid tätig. «Es reizte mich aber bereits damals, für die Spitex zu arbeiten. Ich sah, dass in der Pflege zu Hause viel Potenzial steckt», sagt Humbel. Als sie ein Stelleninserat in der Zeitung entdeckte, bewarb sie sich sofort. Mit ihrer Vorahnung, dass die Pflege zu Hause an Gewicht gewinnen wird, behielt sie Recht. «Die neue Gesetzgebung des Bundes ‹ambulant vor stationär› unterstreicht die Wichtigkeit der Arbeit der Spitex. Wir fanden dadurch aus dem Schattendasein heraus und konnten dem ambulanten Bereich ein Gesicht geben», sagt Humbel. In ihren 25 Dienstjahren erlebte sie aber noch ganz andere Veränderungen. So war sie etwa zugegen, als sich der Kranken- und Hauspflegeverein der Kreisgemeinde Weiningen 1997 in die Spitex der Kreisgemeinde Weiningen verwandelte, als der Verein sich 2003 mit der Spitex Oberengstringen zusammenschloss und so zur neuen Spitex rechtes Limmattal wurde oder als 2009 der Verein von Oberengstringen nach Weiningen an den heutigen Standort an der Grossächerstrasse 21 zog.

In Humbels Schaffenszeit fallen auch die Einführung der elektronischen Mitarbeiter- und Kundenplanung im Jahr 2011 und die fünf Jahre später erfolgte Digitalisierung der Pflegedokumentation. Seit diesem Zeitpunkt führen Aussendienstmitarbeitende mit Tablets Protokoll. Ein weiterer Meilenstein folgte laut Humbel im Jahr 2009. «Die Spitex rechtes Limmattal wurde dann zu einem Ausbildungsbetrieb. Dies auch, um dem Personalmangel im Pflegebereich entgegenzuwirken.» Ein Problem, das die Branche auch heute noch beschäftige und sich bis 2030 noch zuspitzen werde. «Dann erwarten wir eine grosse Pensionswelle von langjährigen Mitarbeitenden.»

Ein Vollzeitpensum ist für Pflegende kaum möglich

Die Attraktivität des Pflegeberufs leide aufgrund der steigenden Belastung, sagt Humbel. «Wir haben keinen Bürojob, bei dem wir die Arbeit kurz zur Seite legen können. Wir arbeiten mit Menschen, das erfordert Präsenz und Aufmerksamkeit vom Dienstantritt bis zum Feierabend.» Auch wenn man seine Tätigkeit liebe, sei der Leistungsdruck stark, weiss Humbel. «Wenn man selbst gesund bleiben will, kann man neben den zusätzlichen Belastungen im privaten Alltag kein Vollzeitpensum stemmen. Das schlägt sich wiederum negativ im Lohn nieder.» Humbel wünscht sich, dass diesbezüglich ein Umdenken stattfindet und der Lohn sowie die Arbeitsbedingungen verbessert werden, damit der Beruf beliebter wird.

Wir haben keinen Bürojob, bei dem wir die Arbeit kurz zur Seite legen können. Wir arbeiten mit Menschen, das erfordert Präsenz und Aufmerksamkeit vom Dienstantritt bis zum Feierabend.

(Quelle: Marianne Humbel, langjährige Geschäftsleiterin Spitex rechtes Limmattal)

Nicht nur die Arbeitsbedingungen, sondern auch die Kunden der Spitex haben sich in den vergangenen 25 Jahren verändert. «Es gibt komplexere Krankheitsbilder, die verschiedene Fachgebiete betreffen. Infusions- und komplexe Wundtherapien beim selben Kunden sind beispielsweise keine Seltenheit. Das erfordert Personal mit unterschiedlichen Fachkompetenzen», sagt Humbel. Während früher vornehmlich ältere Personen im Alltag unterstützt oder palliativ begleitet worden seien, nutze heutzutage eine altersdurchmischte Kundschaft das Angebot.

Auch wenn sie die 65 Mitarbeitenden der Spitex rechtes Limmattal vermissen wird, freut sich Humbel auf den Ruhestand. «Corona bremst zwar das soziale Leben aus, für das ich nun mehr Zeit hätte. Nichtsdestotrotz bin ich froh, dass ich ab jetzt das Leben mit einer mehrheitlich leeren Agenda geniessen kann.» Es falle ihr aber auch leicht loszulassen, da sie die Spitex rechtes Limmattal in gute Hände habe geben können. «Ribana Giaquinta wird die Geschäftsleitung kompetent weiterführen. Wir haben zwei Wochen lang zusammengearbeitet. Sie bringt viel Erfahrung mit», sagt Humbel.

Die neue Geschäftsleiterin hat indes gut gestartet. «Marianne Humbel hat die Übergabe hervorragend vorbereitet, daher kann ich nun problemlos loslegen», sagt Ribana Giaquinta. Die diplomierte Pflegefachfrau wohnt in Uitikon und arbeitete zehn Jahre für die öffentliche und private Spitex in diversen Gemeinden im Kanton Zürich. Zu ihren beruflichen Stationen gehörten auch das Unispital Zürich und das Inselspital Bern. «Ich freue mich auf die neue Aufgabe», sagt die gebürtige Dietikerin mit sizilianischen Wurzeln. Ihr oberstes Ziel ist, «die Pandemie bestmöglich zu überstehen im Hinblick auf die Kunden, die Mitarbeitenden und das Unternehmen.»

Die Personalrekrutierung und die Förderung eines attraktiven Arbeitsplatzes trotz mehr Arbeitsaufwand und Belastung wird aktuell wohl die grösste Herausforderung für mich sein.

(Quelle: Ribana Giaquinta, neue Geschäftsleiterin Spitex rechtes Limmattal)

Die 41-Jährige weiss, dass eine schwierige Zeit auf sie zukommen wird. «Doch ich habe mir bereits viele Gedanken und Strategien gemacht und bin zuversichtlich, dass wir die Krise weiterhin gut meistern werden.» Wichtig ist Giaquinta auch, dass die Spitex rechtes Limmattal konkurrenzfähig bleibt. «Das bedeutet, dass wir stets auf die individuellen Bedürfnisse unserer Kunden eingehen können und es ihnen ermöglichen, ihr Leben so lange wie möglich selbstständig zu Hause zu verbringen.»

Die Zusammenarbeit mit dem Spital Limmattal, von dem die meisten Patienten an die Spitex überwiesen werden, will sie ebenso weiterhin gut pflegen. «Das Spital muss während der Pandemie handlungsfähig und frei für Coronapatienten bleiben, deshalb übernehmen wir so viele Personen wie möglich», sagt Giaquinta. «Die Personalrekrutierung und die Förderung eines attraktiven Arbeitsplatzes trotz mehr Arbeitsaufwand und Belastung wird aktuell wohl die grösste Herausforderung für mich sein.»