Mein Ding: Klettern
Robert Ruckstuhl: "Ich baumelte in zehn Metern Tiefe an einem Seil, unter mir nur Dunkelheit"

Robert Ruckstuhl ist ein begeisterter Bergsteiger, der schon unzählige Gipfel bezwungen hat und seit 20 Jahren in der Kletterhalle Schlieren trainiert. Im Furkagebiet ist sogar eine Route nach ihm benannt.

Christian Tschümperlin
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Robert Ruckstuhl trainiert seit 20 Jahren in der Kletterhalle Schlieren.

Robert Ruckstuhl trainiert seit 20 Jahren in der Kletterhalle Schlieren.

Christian Tschümperlin

Robert Ruckstuhl zieht das Kletterseil durch die Schlaufe am Klettergurt. Sein Kamerad, der ihn sichert, befestigt das Seil an seinem Sicherungsgerät. Jetzt kann es losgehen. Ruckstuhl weiss, was er tut: Seit 20 Jahren schon besucht er das Kletterzentrum Schlieren, eines der grössten der Welt. 310 Routen verteilen sich auf vier Hallen. Der Dietiker steht vor einer 17 Meter hohen Wand. Zum Aufwärmen hat er sich eine für seine Verhältnisse leichte Route vorgenommen. «Erst wenn die Hände warm sind, bin ich bereit für Grösseres», sagt er.

Ruckstuhl setzt an und erreicht flink die Decke. «Klettern hält mich fit», sagt der 65-Jährige in Richtung Boden. Fit zu sein, sei gleichzeitig eine wichtige Voraussetzung beim Klettern, besonders in den Bergen. «Aber man kann nicht jeden Tag in die Berge fahren», so Ruckstuhl. Deshalb besucht er zweimal wöchentlich das Kletterzentrum, wo er auch Kletterkurse leitet und seine Erfahrung weitergibt. Der junge Mann, der ihn absicherte, gibt sich als sein Kletterschüler zu erkennen. Er lerne von «Röbi» technische Grundlagen, sagt er.

Schlafen in der Felswand

Ruckstuhl war schon früh ein Gipfelstürmer. Als Kind wanderte er mit seinen Eltern von einer SAC-Hütte zur nächsten. Mit 30 nahm ihn ein Kollege auf seine erste Klettertour mit. «Seither bin ich vom Klettern begeistert», sagt er. Seine Begeisterung trug ihn auf viele Berge. Ruckstuhl hat in den Schweizer Alpen alle 4000er bestiegen und die drei grossen Nordwände Europas: 1990 den Walkerpfeiler im Mont-Blanc-Massiv, 1999 die Eigernordwand und 2008 die Matterhorn-Nordwand.

Die schattigen Nordwände sind mit Fels und Eis durchsetzt, ohne Eispickel, Steigeisen und Sicherungsmaterial sind sie nicht zu durchsteigen. Als er die Eigernordwand erklomm, schaffte er es nicht rechtzeitig hinunter und übernachtete auf einem Felsvorsprung in der Wand. Angst habe er keine gehabt. «Ich schlief mit meinem Kameraden in einem Biwaksack und war gesichert», sagt er.

Frei wie ein Vogel

Die Begehung so hoher Gipfel nimmt viel Zeit in Anspruch. Am Walkerpfeiler kletterte Ruckstuhl, von kurzen Pausen abgesehen, 13 Stunden am Stück. Die Matterhorn-Nordwand habe er aber in der Hälfte der üblichen Zeit überwunden. Die Mühe lohnt sich für ihn. «Wenn ich auf dem Gipfel ankomme, geht die Anspannung weg. Ich fühle mich frei wie ein Vogel. Es stellt sich ein unglaubliches Glücksgefühl ein», sagt er.

Doch nicht immer verliefen die Touren glimpflich. Beim Abstieg vom Piz Bernina 1990 brach er auf dem verschneiten Bellavista-Plateau ein und fiel in eine Gletscherspalte. Er baumelte in zehn Metern Tiefe an einem Seil, unter ihm nur Dunkelheit. Zum Glück sicherte ihn sein Bergkamerad, bis die Rega eintraf. «Ich bin nie allein in den Bergen», sagt Ruckstuhl. Die Kameradschaft sei ihm sehr wichtig. Bei Touren am K2, Kilimandscharo oder Aconcagua sei er in Gruppen mit bis zu zwölf Leuten unterwegs.

Ein Andenken in der Natur hinterlassen

Ruckstuhls Kletterbegeisterung hinterlässt Spuren in der Bergwelt. So ist eine Route im Furkagebiet nach ihm benannt, die «Roru». «Gemeinsam mit einem befreundeten Bergführer habe ich drei Tage lang gebohrt und Haken gesetzt, bis die Route fertig war. 2011 wurde sie eröffnet», sagt er. Und auf dem Mount Kinley, dem kältesten Berg der Welt, liess er auf dem Gipfel ein Fähnchen seiner Nichte zurück. Später berichtete ihm ein Bergsteiger, er habe das Fähnchen dort gesehen.

Genug hat Ruckstuhl noch lange nicht. Nächsten Dezember will er den höchsten Berg der Antarktis bezwingen, den Mount Vinson. Welches Andenken er in der dortigen Natur hinterlässt, will er aber noch nicht verraten.