Dietikon
Revierförster: «Die gröbsten Narben sind gut verheilt»

Revierförster Felix Holenstein zeigt, wie sich der Wald vom Sturm im Juli 2011 erholt hat. Die Natur ist förmlich explodiert. «Die gröbsten Narben sind bereits gut verheilt, die Natur hat sie schön kaschiert».

Katja Landolt
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Ein vorwitziger Lindenspross reckt sein belaubtes Köpfchen oben aus dem Wildtierschutz. Im Frühling gesetzt, ist er bereits über einen Meter in die Höhe geschossen.

Er ist ein Symbol, der Spross. Ein Zeichen dafür, dass auf den vom Sturm zerfetzten Waldstellen im Dietiker Röhrenmoos das Leben zurückgekehrt ist. «Die gröbsten Narben sind bereits gut verheilt, die Natur hat sie schön kaschiert», sagt Revierförster Felix Holenstein. Kein Wunder:

Wo Licht hinfällt, da reagiert die Natur, da spriesst und gedeiht alles. Deshalb ist für Holenstein trotz des emotionalen und finanziellen Schadens auch klar: «Für die Natur ist der Sturm eine Chance.»

Innert Minuten zu Kleinholz

Rückblick: Vor 15 Monaten, in der Nacht auf den 13. Juli 2011, tobte ein Sturm quer durch die Schweiz. Im Gebiet Röhrenmoos wütete er so schlimm wie einst Lothar.

Meterhoch türmten sich die Baumstämme nach den Aufräumarbeiten an den Wegrändern. Rund 4000 Kubikmeter Holz, das Doppelte des jährlichen Zuwachses des Dietiker Waldes, wurden innert Minuten zu Kleinholz geschlagen. Die Arbeit von 100 Jahren war innert einer Viertelstunde dahin.

Noch heute liegt ein Teil der Stämme zum Abtransport bereit. Sie werden zu Energieholz geschnetzelt. Daneben gibt es Haufen von Ästen und Rindenteilen. Die bleiben. Bis in 20 Jahren werde das Material zu Humus, so Holenstein. Und wo ein Schaden zurückbleibt, sind auch Folgeschäden nicht weit.

An einigen Bäumen sind nachträglich Äste abgebrochen, manche wurden dürr. «Die Bäume stehen nun plötzlich nicht mehr geschützt inmitten von anderen Bäumen, sondern sind völlig exponiert», sagt Holenstein. Das mögen einige nicht verkraften, ihnen fehlt die Stütze, der Schutz, der Schatten. «Die Buche beispielsweise kann sich ob zu viel Licht verbrennen, sie verliert die Rinde.»

Chance für Lichtbaugewächse

Rund 1500 Pflanzen hat Holen-steins Team als Ergänzung gesetzt, um den Wald wieder zu beleben. «Wir haben hauptsächlich Pflanzen gesetzt, die viel Licht brauchen, und die in einem bestehenden Wald kaum eine Chance hätten.» In den türkisfarbenen Wildschützen aus Plastik stecken nun also Lerchen, Eichen, Elsbeeren oder eben Linden.

Was sich in den nächsten Jahrzehnten durchsetzen und zu einem richtigen Baum heranwachsen wird, wird sich zeigen. Holenstein freut sich: «Das gibt einen schönen, vielseitigen Wald.»

Für die Wildtiere sei der Sturm übrigens kein Problem gewesen, sagt Holenstein. Im Gegenteil: «Sie können sich in den frischen, halbhohen Gewächsen wunderbar verstecken.»

Er sei schon verschiedene Male von Spaziergängern darauf angesprochen worden, es habe seit dem Sturm weniger Rehe im Wald. «Das stimmt nicht, man sieht sie nur einfach nicht.»

Und tatsächlich: Bei der Fahrt durch den Wald bremst Holenstein plötzlich ab und zeigt ins Dickicht. Da stehen zwei Rehböcke an Blätter mümmelnd, auf den ersten Blick kaum zu sehen. Nach einigen Momenten gibt sich einer die Ehre und tritt aus dem Gebüsch hervor, guckt aufmerksam auf den Weg hinunter.