Elektrizitätswerke

Renaturierung in Dietikon kommt an: Biber und Eisvogel sind schon eingezogen

Auf einem Rundgang durch die Dietiker Auen entlang der Limmat zeigt sich, dass die Renaturierung durch die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) bereits Früchte trägt.

Ein Gänsesäger fliegt waghalsig über die Wasseroberfläche. Stockenten und Lach-Möwen tummeln sich auf einer Sandbank. Immer wieder ertönt das Trommeln eines Buntspechts aus dem Wald. Tobias Liechti steht unter dem Vogelbeobachtungsstand am Ende des Limmatuferwegs in Dietikon. Er blickt durch einen Feldstecher. «Die Prallhänge, die vom Wasser erodiert werden, sind für Eisvögel super. Dort richten sie sich ihre Bruthöhlen ein», sagt Liechti und zeigt auf die Böschung auf der gegenüberliegenden Limmatuferseite. Auch wenn er immer wieder die Rufe des Vogels mit dem prächtigen Gefieder vernimmt, bekommt er an diesem Morgen keinen zu Gesicht.

Liechti betreut im Auftrag des Kantons die Schutzgebiete der Dietiker und Geroldswiler Auen. Zusätzlich kümmerte er sich während den Bauarbeiten am Kraftwerk der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) in Dietikon um die ökologische Baubegleitung. Die zweijährige Bauzeit endete im Februar. Anlässlich der Konzessionserneuerung für weitere 60 Jahre sanierten die EKZ das bestehende Hauptkraftwerk und bauten ein neues Dottierkraftwerk. Das ganze Projekt kostete 39 Millionen Franken. 4 Millionen Franken davon wendeten die EKZ für die Renaturierung des Konzessionsgebiets auf. Dazu gehört auch die Dietiker Auenlandschaft durch die Liechti an diesem Morgen spaziert. Auf dem Rundgang präsentiert er die ökologischen Ersatzmassnahmen, die im Zuge der Bauarbeiten umgesetzt wurden.

Flachwasserzonen für kleine Fische

Nur einige Schritte vom Wehr entfernt, lenkt Liechti den Blick auf das gegenüberliegende Ufer. Eine Baumkrone ragt leicht aus dem Wasser. «Das sind Rauhbäume. Der Stamm wird eingegraben und mit Steinen beschwert. Die Krone dient den Fischen als Versteck und als Lebensraum für ihre Nährtiere», sagt Liechti. Eine ähnliche Funktion übernehmen die Steinbuhnen etwas weiter flussabwärts. «Das sind senkrecht oder schräg zur Fliessrichtung stehende kleine Dämme, welche die Strömung in die Mitte des Flusslaufs lenken und einen Wirbel erzeugen», erklärt Liechti. Dadurch lagere sich Sand ab und schaffe eine Flachwasserzone. «Vor allem für junge Fische ist das ideal, denn an diesen seichten Stellen ist das Wasser wärmer. Das unterstützt ihr Wachstum.» Doch nicht nur für Fische sind Sedimentablagerungen im Fluss hilfreich. «Auch Flusslibellen profitieren davon, ihre Larven leben nämlich im Sand», sagt Liechti. Mit diesem naturnahen Wasserbau könne man viel bewirken, auch wenn die Limmat nach wie vor künstlich kanalisiert verlaufe.

Liechti hatte während des Renaturierungsprozesses zu beurteilten, welche Ersatzmassnahmen im EKZ-Konzessionsgebiet sinnvoll und gleichzeitig auch umsetzbar sind. Dazu musste er die Zielarten, also die Tiere und Pflanzen, die von der Aufwertung profitieren, definieren. «Dazu berücksichtigte ich das natürliche Vorkommen, die rote Liste der gefährdeten Tiere und Pflanzenarten sowie deren nationale Bedeutung», erklärt der Forstingenieur. Zu den Zielarten gehören unter anderem die Libellenart Grüne Flussjungfer, die Nase, der Biber oder der Eisvogel.

Für Letzteren hat sich der Entscheid, den Limmatuferweg ab dem neu erstellten Vogelbeobachtungsstand aufzuheben, bereits ausgezahlt. «Das Betretungsverbot verschafft den Tieren die nötige Ruhe, ich beobachte seither viel mehr Eisvögel am Limmatufer», sagt Liechti. Spaziergänger, Jogger und Hündeler werden umgeleitet und können entlang des Unterwasserkanals bis zur Fachwerkbrücke bei der Reppischmündung laufen. Er habe das Gefühl, dass die Bevölkerung diese Massnahme akzeptiere, weil die Aufwertung der Natur gut sichtbar sei.

Seitengewässer soll Teichmuschel und Bitterling anziehen

Der neu geschaffene Seitenarm der Limmat fliesst beim Vogelbeobachtungsstand in den Auenwald. «Der alte Limmatlauf wurde dafür ausgebuddelt und ein paar Bäume mussten weichen», sagt Liechti. Das Ziel sei, dass sich hier der Bitterling ansiedelt. «Der kleine Fisch laicht in Teichmuscheln. Im Gegenzug klebt die Muschel ihre Larven an den Bitterling und der verteilt sie im ganzen Gewässer. Das ist eine schöne Symbiose», sagt Liechti. Die Muscheln fänden im Schlick des Seitengewässers ideale Lebensbedingungen.

Der Auenwald kommt aber auch den Vögeln zugute. «Die Buntspechte sind am Balzen. Vorher habe ich sogar einen Kleinspecht gehört, er ist selten und eigentlich nur in Auenwäldern anzutreffen», sagt Liechti. «Dies, weil er nicht so viel Kraft im Schnabel hat, wie etwa der Buntspecht und deshalb zum Beispiel weiches Weidenholz benötigt. Und das wächst nun mal in Auenwäldern.» Auch Fledermäuse wurden bedacht. «Weil in den gefällten Bäumen wohl auch ein paar ihrer Höhlen lagen, haben wir nun Fledermauskästen aufgehängt», sagt Liechti.

Im Auenwald schimpfen zwei Graureiher. Sie streiten sich um einen Horst, der auf einer rund 20 Meter hohen Pappel thront. «Hier lebt die einzige Graureiher-Kolonie im Zürcher Limmattal. Die nächste befindet sich in Wettingen», sagt Liechti und läuft auf das Flussdelta zu, wo die Reppisch, der Unterwasserkanal, die Limmat und deren Seitenarm sich vereinen. «Diese Stelle ist ökologisch sehr wertvoll, weil verschiedene Temperaturen, Strömungen und Nährstoffe zusammenfliessen. Für Fische hält das Delta diverse Rückzugs- und Futtermöglichkeiten bereit.» Im Sommer sehe es hier aus wie in einem Aquarium.

Beliebt ist das Delta aber auch bei Nagetieren. «Dort hat ein Biber einen Ast gefällt», sagt Liechti und blickt mit dem Feldstecher durch den Holzsichtschutz. Er zeigt auf eine Stelle, an der Holzschnitzel um einen Ast im Gras liegen. «Dank einer Biberfamilie, die in den Geroldswiler Auen lebt, hat die Weiterbesiedlung der Zürcher Limmat und der Reppisch in den letzten Jahren so richtig Fahrt aufgenommen», sagt Liechti. Er freue sich, dass der Biber sich im neu renaturierten Gebiet bereits wohlfühle und die vom Menschen geschaffenen Massnahmen akzeptiert habe. «Ich bin schon gespannt, wer als nächstes in den Dietiker und Geroldswiler Auen einziehen wird.»

Autor

Sibylle Egloff

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