Apnoetauchen

Rekordtaucherin Julia Tobler: «Man muss zu Wasser werden»

Julia Tobler ist die beste Freitaucherin der Schweiz. Vor kurzem erst hat die Zürcherin sogar den Landesrekord gebrochen. Ihre Bestmarke liegt bei 55 Metern Tiefe.

Das Element Wasser verbindet Julia Tobler mit Freiheit, Schwerelosigkeit und Kraft. Das Meer fühle sich an wie ein zu Hause. Die Farbe des Wassers widerspiegelt sich nicht nur in den grossen, glasklaren Augen der 26-jährigen Zürcherin. Der Stein des Schildkrötenanhängers an ihrer Halskette leuchtet in derselben. Ein Seestern, eine Muschel und eine weitere Schildkröte zieren ihre Ohren. In ihrem braunen Haar schimmern einzelne goldene Strähnen. Sie verraten, dass Tobler erst vor kurzem aus dem Süden zurückgekehrt sein muss. In Ägypten hat die Apnoetaucherin die vergangenen drei Monate trainiert.

Im Dezember hat sie dort bei einem Wettkampf den Schweizer Rekord in der Tieftauchdisziplin mit konstantem Gewicht gebrochen. Bei dieser Sportart versucht die Taucherin mit nur einem Atemzug, in die vor dem Tauchgang festgelegte Tiefe und wieder zurück zu tauchen. Zur Überwindung des Anzugauftriebs werden bei Toblers Disziplin Gewichte an einem Gurt um die Hüften getragen. Die Taucherin muss diese aus eigener Kraft wieder zur Oberfläche bringen. Toblers Marke liegt bei 55 Meter Tiefe. Die Strecke lege sie in weniger als zwei Minuten zurück. «Ich bin bekannt dafür, schnell zu tauchen», sagt sie.

Auf Zahlen will Tobler aber nicht reduziert werden: «Mein Ziel ist weiterhin meine Grenzen zu erweitern.» Daran arbeitet sie zwei bis drei Mal wöchentlich im Hallenbad Oerlikon, wenn sie in der Schweiz ist. Ansonsten aber «lieber im offenen Meer», wie sie sagt. Dort findet Tobler was sie gerne hat: warmes, klares, tiefes Wasser. Der See sei zwar auch spannend, aber ein ganz anderer Lehrer wie der Ozean. Im Sommer taucht Tobler dennoch regelmässig im See. Dort hat die Zürcherin im vergangenen Jahr auch die Schweizermeisterschaften gewonnen. Damit sie sich verbessern kann, stehen regelmässiges Lungen- und Körperstretching sowie Yoga und Meditation auf ihrem Programm. Damit trainiert Tobler die Elastizität des Brustkorbes, des Zwerchfells, der Zwischenrippenmuskulatur sowie Konzentration und Entspannung.

Mit Atemzügen entspannen

Ein Training im Meer dauert zwischen einer und zwei Stunden. Davon verbringe sie die meiste Zeit an der Oberfläche: «Der Tauchgang fängt nämlich bereits über dem Wasser an.» Mit fokussierten, tiefen und ruhigen Atemzügen versetze sie sich in einen Zustand vollständiger Entspannung und Konzentration. Dann komme der letzte Atemzug: «Das Füllen der Lunge mit Luft dauert zirka zehn Sekunden», sagt Tobler. Dann tauche sie senkrecht mit einem kräftigen Armzug ab und folge mit Flossenschlägen einem Führungsseil in die Tiefe. Sie selber ist mit einer kurzen Sicherungsleine am Führungsseil angemacht. «Beim Apnoetauchen ist man immer mindestens zu zweit», sagt Tobler bestimmt. Das heisst dann «Buddysystem». Pro Training wärmt sie sich mit zwei Tauchgängen auf, bevor sie ein bis zwei Mal in die Tiefe geht. Anschliessend feilt sie bei weniger tiefen Tauchgängen an ihrer Technik.

Über die Kritik, dass Apnoetauchen eine Extremsportart sei und die Sportler regelmässig und freiwillig ihr Leben riskieren würden, schüttelt Tobler den Kopf: «An oberster Stelle steht die Sicherheit. Deshalb die Sicherheitsleine und die begleitenden Taucher.» Seit vier Jahren betreibt die 26-Jährige das Freitauchen intensiv. «Ich wurde noch nie ohnmächtig dabei. Und wenn ich nach dem Tauchgang merke, dass die Luft knapp wurde, dann muss ich meinen Körper, meine Psyche und meine Tauchtechnik analysieren», sagt Tobler. Zu den Unfällen, die es beim Freitauchen schon gegeben hat, sagt sie: «Meistens sind diese darauf zurückzuführen, dass die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen nicht eingehalten wurden.»

Im freien Fall in die Tiefe sinken

Der wichtigste Teil beim Tauchen sei absolute Konzentration und die tiefst mögliche körperliche Entspannung, so Tobler. Zwei Gegensätze die unter Wasser fliessend ineinander übergehen würden. Und zwar ab einer Tiefe von 25 Meter: «Dann beginnt der freie Fall», sagt die Taucherin. Während sie bis in diese Tiefe den Druckausgleich in den Ohren kontrollieren und gleichzeitig die Flosse schlagen müsse, sinke sie danach wie ein Stein in die Tiefe. «Das Gefühl dabei ist wunderschön. Ich falle, es herrscht absolute Ruhe und alles um mich herum leuchtet blau», sagt Tobler und lächelt.

Physikalisch erklärt die Taucherin das Phänomen so: «Ab einer Tiefe von rund 20 Meter wird der Druck so gross, dass das Volumen der Lungen so zusammengedrückt wird, dass der Auftrieb komplett wegfällt und man anfängt zu sinken.» Dann müsse man nur noch den Druck in den Ohren ausgleichen und die stromlinienförmige Körperposition beibehalten. Vor allem aber versuche man eine möglichst tiefe Entspannung zu erreichen, um dem steigenden Umgebungsdruck keinen Widerstand zu leisten. «Man muss sozusagen mit der Umgebung verschmelzen, eins werden mit dem Wasser.»

Erreicht Tobler das Ende des Seils, signalisiert sie dies, mit einem Zug am Seil. So wüssten die Sicherungstaucher über die Situation Bescheid. «Dann kommt das, was ich am meisten liebe, der Weg zurück an die Oberfläche.» Wieder lächelt Tobler. Oben angekommen signalisiere sie mit einem Ok-Zeichen den Tauchpartnern, dass alles gut ist. Dann erst sei der Tauchgang abgeschlossen.

Zum Ursprung zurückkehren

Eine ausgeglichene Balance zwischen Kopf und Körper zu finden, fasziniert die Zürcherin. Aber nicht nur: «Man muss selber zu Wasser werden. Das gelingt nur, wenn man sich selbst und dem Wasser komplett vertraut», sagt Tobler. Das Element verdiene Respekt, weil es sehr mächtig sei. «Wir kommen aus dem Wasser und der Körper erinnert sich daran», so Tobler. Sobald man im Wasser sei, würden sich die Körperfunktionen daran anpassen. «Das geschieht auf ganz natürliche Weise», so Tobler.

Ihr Körper habe sich im Alter von fünf Jahren an das Ursprüngliche erinnert. Damals war sie zum ersten Mal mit ihrer Mutter Schnorcheln. «Da habe ich entdeckt, dass mich das Abtauchen fasziniert», sagt Tobler. Mit 12 Jahren habe sie angefangen, regelmässig Längen zu schwimmen. Obwohl sie bereits vor zehn Jahren vom Apnoetauchen gehört hat, dauerte es noch eine Weile, bis sie ihren ersten Kurs besuchte.

«Auch wenn ich nun sehr intensiv fürs Freitauchen trainiere, es ist lediglich ein Puzzleteil von mir, dafür aber ein wichtiges.» Deshalb habe sie sich vor kurzem zur Freitauch-Instruktorin ausbilden lassen. Die Ethnologin will sich künftig mehr mit dem Körper und der Bewegung befassen. Dazwischen geniesse sie die Zeit, die es ihr gerade gut erlaube, viel unter Wasser zu sein. Was sie auch persönlich weiter bringe: «Es ist so viel mehr möglich, als man denkt.»

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