Schlieren
Zwischen Horror und Hoffnung: Aus dem Leben eines Verdingkindes

Erica Brühlmann-Jecklin hat ein Buch über das Verdingkind Alice Alder-Walliser geschrieben. Fazit dier Autorin: Die glücklichste Phase im Leben der Alice Alder-Walliser waren die 30 Jahre, die sie im Schlieremer Zelgliquartier verbracht hat.

Florian Niedermann
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Erica Brühlmann-Jecklin schrieb ein Buch über die Lebensgeschichte der kürzlich verstorbenen Schlieremerin Alice Alder-Walliser.

Erica Brühlmann-Jecklin schrieb ein Buch über die Lebensgeschichte der kürzlich verstorbenen Schlieremerin Alice Alder-Walliser.

Florian Niedermann

«Erst in dieser Zeit konnte sie sich richtig verwirklichen und ihr Leben geniessen», erklärt Erica Brühlmann-Jecklin, die Autorin einer kürzlich erschienenen Biografie über das Leben des gebürtigen Baselländer Verdingkindes.

Dass Alice Alder-Walliser eine glückliche letzte Lebensphase verbringen durfte, bis sie am 27. April dieses Jahres fast 99-jährig verstarb, war angesichts ihrer Kindheit und frühen Jugendzeit nicht abzusehen.

Die frühen Erinnerungen, die Alder-Walliser der Autorin vor fünf Jahren während insgesamt 10 Stunden auf Band gesprochen hat, sind von Ablehnung, Hunger, Ausbeutung und Gewalt geprägt. Nachdem der Vater, ein Schweizer Flachmaler, die Mutter, eine Italienerin, verlassen hatte, kam Alice wahrscheinlich bereits im ersten Lebensjahr (1914) zu Pflegeeltern in ihrer Heimatgemeinde Reigoldswil.

Da die Erinnerung Alder-Wallisers nicht so weit zurückreicht, musste Brühlmann-Jecklin die frühe Kindheit der Protagonistin durch Archivrecherchen erschliessen. Einige Dinge blieben dabei im Dunkeln, andere konnten über Gemeinde- und Spitalakten aufgedeckt werden. So erfuhr Alder-Walliser etwa erst durch die Arbeit Brühlmann-Jecklins, wie sie zu ihrem steifen Arm und ihrer verkrüppelten Hand gekommen war.

In ihren Kinderjahren wurde Alice zwischen den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft sowie verschiedenen Heimen und Familien hin- und hergeschoben. Als Verdingmädchen hatte sie schwer zu arbeiten – oft bis zur Erschöpfung. Dazu bekam sie unzureichende Nahrung. Sie erfuhr kaum Zuneigung, dafür regelmässige körperliche Misshandlungen. So wurde sie beispielsweise vom Pflegevater mit einem Lederriemen auf den nackten Körper geschlagen. Mehrfach sah sie aus ihrer Situation keinen anderen Ausweg, als zu flüchten. Das führte sie schliesslich nach Zürich, wo sie beim Vater Zuflucht suchte; doch dort war sie auch nicht willkommen. Erst dank einer fürsorglichen Sozialarbeiterin, die sich ihrer annahm, besserten sich ihre Lebensumstände.

Während traumatische Erlebnisse bei Verdingkindern oft zu psychischen Schäden führten, die deren ganzes Leben prägten, entwickelte Alder-Walliser einen unbändigen Kampfeswillen. Doch auch Alice habe Narben davongetragen: «Ein gewisses Misstrauen anderen gegenüber war manchmal spürbar», so die praktizierende Psychotherapeutin Brühlmann-Jecklin. Den Menschen, die auf sie eingegangen seien, habe sie sich aber sehr wohl geöffnet, so die Autorin weiter.

Ein Grund für diese zumindest teilweise seelische Unversehrtheit sieht die Autorin in Alices Fähigkeit, jegliche Zuneigung, die ihr zuteil wurde, förmlich in sich aufzusaugen: «Sie trug Erinnerungen an Menschen, die ihr Gutes getan hatten, wie einen Schatz in ihrer inneren Schatztruhe, und konnte davon in schwierigen Lebenssituationen zehren», erklärt Brühlmann-Jecklin.

Viele dieser positiven Erlebnisse waren bei Alder-Walliser mit Musik verbunden. Schon als kleines Kind sang sie für ihr Leben gern – und gut. «Die wenigen Situationen, in denen sie Anerkennung erfuhr, erlebte sie, wenn sie jemandem vorsang. So etwa, als Krankenschwestern sie als Dreijährige zum Singen ermutigten», sagt Brühlmann-Jecklin.

Nach ihrer Flucht nach Zürich erhielt Alder-Walliser die Möglichkeit, Violine spielen zu lernen, musste dies der Armbehinderung wegen aber bald wieder aufgeben. Als sie ein Konzert auf dem Platzspitz besuchte, lernte sie ihren späteren Mann Ueli Alder kennen, mit dem sie drei Söhne grosszog.

Weil sie trotz ihres steifen Arms den Drang verspürte, ein Instrument zu spielen, versuchte sich Alder-Walliser an der «Silbertonorgel» – einem besonders wertvollen Akkordeon – bevor sie später zur Blockflöte wechselte. Sie spielte dieses Instrument derart virtuos, dass sie im Ensemble des Komponisten Walter Gianini mittun und zusammen mit dem bekannten Organisten Hannes Meyer auftreten konnte. Mit über 60 Jahren erreichte sie das Diplom am Zürcher Konservatorium. «Sie war wohl stolz auf ihre Leistungen, aber sie hätte diese nie an die grosse Glocke gehängt», erzählt Brühlmann-Jecklin.

Bereits viel früher begann Alder-Walliser Flötenunterricht zu erteilen, und tat dies, bis sie 75 Jahre alt war. Zunächst in Urdorf, wo sie mit ihrem Mann nach vielen Jahren im Zürcher Kreis 5 und dem Auszug der Söhne ansässig wurde. Nach der Scheidung von ihrem Mann und dessen Tod liess sich Alder-Walliser schliesslich im Schlieremer Zelgliquartier nieder, wo sie bis zu ihrem Eintritt in ein Pflegeheim in Rüschlikon blieb.

In den letzten Jahren sind mehrere Bücher und ein Film über einzelne Schicksale von Verdingkindern erschienen. Warum braucht es also dieses Buch? «Als ich 2007 mit Alice die Gespräche über ihre Lebensgeschichte führte, gab es noch keine Publikationen zu diesem Thema», erklärt Brühlmann-Jecklin. Sie habe damit ein Stück Schweizer Geschichte thematisieren wollen, das nicht vergessen werden dürfe. Ihr, wie auch der Protagonistin des Buches, sei es ausserdem ein Anliegen gewesen, aufzuzeigen, dass auch ein schwieriges Leben ein erfülltes Leben werden könne, so Brühlmann-Jecklin.