Reisebericht (3)
Zwei Urdorfer besuchen den kleinsten Staat Australiens

Reisebericht (3) Auf ihrer Reise durch den australischen Kontinent wurden Romy Müller und Miro Slezak Ehrenbürger des souveränen Fürstentums Hutt River Provinz.

Romy Müller
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In Nain, dem einzigen Ort des Fürstentums, stehen neben dem Post- und Regierungsgebäude nur noch zwei Häuser, ein Museum und eine Kirche.

In Nain, dem einzigen Ort des Fürstentums, stehen neben dem Post- und Regierungsgebäude nur noch zwei Häuser, ein Museum und eine Kirche.

Von Urdorf nach Australien Romy Müller und Miro Slezak reisen in drei sechsmonatigen Etappen mit ihrem VW-Bus von Urdorf nach Australien. Derzeit sind sie auf der dritten Etappe unterwegs durch Australien. Die Erste Etappe führte sie von Europa über die Seidenstrasse bis nach Kathmandu in Nepal, die zweite bis nach Singapur.

Von Urdorf nach Australien Romy Müller und Miro Slezak reisen in drei sechsmonatigen Etappen mit ihrem VW-Bus von Urdorf nach Australien. Derzeit sind sie auf der dritten Etappe unterwegs durch Australien. Die Erste Etappe führte sie von Europa über die Seidenstrasse bis nach Kathmandu in Nepal, die zweite bis nach Singapur.

Limmattaler Zeitung

In Westaustralien stossen wir auf eine Kuriosität, die einzigartig ist. Seit dem 21. April 1970 besteht der souveräne Staat Hutt River Provinz, das zweitgrösste «Land» auf dem Kontinent Australien. Es ist gerade einmal 75 Quadratkilometer gross und hat 23 Einwohner.

1970 empörte sich der Farmer Leonard Casley über die neuen Vorgaben der Regierung zur Weizenproduktion – sie verhängte Exportquoten – so sehr, dass er sich vom australischen Staat loslöste und auf seinem Farmland das Fürstentum Hutt River Provinz ausrief. Die damalige australische Gesetzgebung ermöglichte es den Bürgern des Landes, bei drohendem Landverlust oder ökonomischer Not aus dem australischen Staatenbund auszutreten und ein eigenes, unabhängiges «Land» zu gründen.

Nicht rechtskräftig anerkannt

Dieser Akt stiess auf einen lang andauernden und erbitterten Widerstand der australischen Regierung. Um seine angebliche Staatsgewalt zu begründen, ergriff das Fürstentum verschiedene symbolische Massnahmen. So erklärte Fürst Leonard Australien den Krieg – jedoch ohne militärische Massnahmen zu ergreifen.

Hierzu wurden auf dem Papier die «Royal Hutt River Defence Forces» geschaffen, die der Schweizergarde nachempfunden ist. Australien ignorierte diese Kriegserklärung jedoch. Da die «Armee» ausserdem unbewaffnet ist, war ein militärischer Einsatz nicht vorstellbar.

Fürst Leonard Casley gründete seinen Staat im Jahr 1970.

Fürst Leonard Casley gründete seinen Staat im Jahr 1970.

Limmattaler Zeitung

Die australische Regierung und auch kein anderes Land der Welt haben das Fürstentum rechtskräftig anerkannt. Trotzdem geniessen Fürst Leonard und Fürstin Shirley gewisse Freiheiten, was die Regierung ihres kleinen, aber stetig wachsenden Reiches betrifft. Dank einer langen Ahnentafel – vier Söhne, drei Töchter, 24 Enkel und 22 Urenkel – ist dessen Bestand wohl vorerst nicht in Gefahr.

Auf einer staubigen Piste erreichen wir die Hutt River Provinz. Wir werden vom Sohn des Fürsten empfangen. Wie es sich für einen unabhängigen Staat gehört, gibt es hier eine eigene Währung; für 250 Dollar kann sogar die Staatsbürgerschaft beantragt werden.

Wir brauchen ein Visum, das direkt an der «Landesgrenze» für zwei Dollar ausgestellt wird. Die Hauptstadt namens Nain, der einzige Ort des Fürstentums, besteht aus zwei Wohnhäusern, einer Kirche, einem kleinen Museum, dem Post- und Regierungsgebäude und mehreren Scheunen.

Überall stehen alte, verrostete Maschinen herum, wahrscheinlich noch aus der Gründerzeit. Es gibt eine Staatsflagge und eigene Briefmarken. Allerdings befördert die australische Post Briefe mit diesen Marken nicht. «Wir können diese Sanktion umgehen, wenn wir die Post in Kanada aufgeben», klärt uns der Sohn des Fürsten auf.

Bei meinem Rundgang durch die «Hauptstadt» treffe ich Fürst Leonard persönlich. Das inzwischen 88-jährige Staatsoberhaupt holt gerade die Staatsflagge ein, die er jeden Morgen feierlich hisst, wie er mir erzählt. Im Moment steht sie auf halbmast. «Meine Frau, die Fürstin Shirley, ist vor zwei Wochen, nur drei Tage vor ihrem 85. Geburtstag, gestorben», erklärt er mir traurig.

Fürst beeinflusste Gesetzgebung

Dann erfahre ich von ihm persönlich die Entstehungsgeschichte seines Fürstentums. Dabei wirkt der blasse, hagere Mann erstaunlich vital und seine Augen sprühen Funken, wenn er von seiner Kriegserklärung an Australien berichtet. Obwohl die ganze Geschichte ziemlich verrückt klingt, macht der alte Herr einen erstaunlich klaren Eindruck auf mich. Er hat in seinem Leben viel Zivilcourage bewiesen und für «seine Sache» gekämpft, mit legalen Mitteln, wie er ausdrücklich betont. Mit dem Ausrufen seines souveränen Staates hat er die Regierung dazu gebracht, die Gesetze so zu ändern, dass niemand mehr seinem Beispiel folgen konnte.

Ich habe Sympathie für Leute, die sich dem Diktat der Regierung schlau widersetzen, und erkläre ihm: «Wir haben den langen Weg auf uns genommen und sind von der Schweiz bis hierher gefahren, um ihr Land kennenzulernen.» Das freut Fürst Leonard so sehr, dass er uns gleich feierlich zu Ehrenbürgern von Hutt River Provinz erklärt.