Joshua Roth ist ein grosser Mann, ungefähr 1,90 Meter. Seine Ohrläppchen sind durch Plugs — geweitete Piercings — mehrere Zentimeter gedehnt, weitere Piercings prangen auf beiden Wangen. Auf der Haut unter den Ärmeln und am Nacken blitzen Tätowierungen hervor. «Anna hat heute aber keinen Hunger», sagt er auf einem Kinderstuhl sitzend in Richtung eines Mädchens, das sein Mittagessen kaum angerührt hat. Dies sei normal, denn sie esse nie viel, sagt er weiter und beginnt anschliessend die restlichen Kinder fürs nachmittägliche Zähneputzen vorzubereiten. Der 21-Jährige ist der einzige männliche Kleinkindererzieher in der Bergdietiker Kinderkrippe, er fühlt sich sichtlich wohl in seiner Rolle als Hahn im Korb.
Einige Kilometer weiter nördlich trägt Michael Hunziker (25) in Geroldswil gerade einen Memory-Kampf aus. Mit zwei Kindergärtlerinnen, die ihm nicht zusammenpassende Symbole als Erfolg verkaufen wollen. Seit zwei Jahren betreibt Hunziker seine Kindertagesstätte «Stärneland». Als sein Geschäft zu Beginn nicht recht laufen wollte, da habe er sich schon gefragt, ob der Grund dafür sein Geschlecht sei. Heute beschäftigt er fünf Angestellte, alles Frauen, die sich mit ihm um 25 Kinder kümmern.

In verschiedenen Medien wurden in letzter Zeit Einzelschicksale von Kleinkindererziehern, die sich ungerecht behandelt fühlten, aufgegriffen. Männliche Krippenleiter, die «ihre» Babys nicht wickeln dürfen, Absagen am Laufband, weil Krippenleiter kein Risiko mit einem männlichen Betreuer eingehen wollten, sind nur zwei davon. Der Fall des damals 29-jährigen Volketswiler Kleinkindererziehers, der sich zwischen 2006 und 2011 an mehreren Mädchen vergriff, ist noch präsent. Erst im vergangenen Januar wurde er vom Zürcher Bezirksgericht zu einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren verurteilt. Als wäre es eine Antwort auf dieses Urteil, nahm das Stimmvolk in diesem Mai die Pädophilen-Initiative mit 63,5 Prozent an. So dürfen verurteilte Pädokriminelle nicht mehr mit Kindern arbeiten. Scheinbar hat all dies in den Köpfen der Bevölkerung ein diffuses Bild erzeugt, das männliche Krippenmitarbeiter unter einen Pädophilie-Generalverdacht stellt.

Misstrauen zeigt sich subtil

Wann er sich dazu entschied, Kleinkindererzieher zu werden, weiss Joshua Roth noch ganz genau. Mit 13 habe er einen Babysitter-Kurs des Roten Kreuzes absolviert, um dank des Diploms auf Kinder aufpassen zu dürfen. So sollte sein Taschengeld aufgebessert werden. Die Arbeit mit Kindern bereitete ihm Freude, daher habe er nach der obligatorischen Schulzeit gleich ein Praktikum in diesem Bereich und die Ausbildung zum Kleinkindererzieher in Aarau angehängt, erklärt er. Gleichzeitig macht er einer Kinderschaar mit einem überdimensionalen Gebiss in der einen und einer ebenso überdimensionalen Zahnbürste in der anderen Hand das richtige Zähneputzen vor.
Roth und Hunziker haben beide mit Vorurteilen zu kämpfen. Niemand würde sie direkt damit konfrontieren, es ist eher subtiles Misstrauen, das ihnen wiederfährt. Roth fällt auf, dass Eltern ihn genauer beobachten, als sie es bei seinen Kolleginnen tun. «Zudem stellen mir manche Eltern viele Fragen. Wie ich auf diesen Beruf gekommen sei und was ich in meiner Freizeit tue, wollen sie wissen.» Derweil sei den Kindern sein Geschlecht egal. «Ein Mädchen ist mir gegenüber schüchtern», so Roth. In den zwei Monaten, in welchen er inzwischen in Bergdietikon arbeite, habe sie sich aber schon besser an ihn gewöhnt, lächle ihm inzwischen manchmal gar zu.
Hunziker erinnert sich an eine Szene bei einem ehemaligen Arbeitgeber. Eine Mitarbeiterin habe sich beschwert, dass ein männlicher Praktikant ein Kind auf dem Schoss sitzen liess. «Zwei Meter daneben hielt eine weibliche Mitarbeiterin ein Kind ebenfalls auf dem Schoss», dies fiel jedoch gar nicht auf. Bei Männern schaue man einfach genauer hin und sehe Dinge, die bei Frauen gar kein Thema seien. Dann schreit Sarah auf: «Diese beiden sind gleich», sagt sie und rückt das Memory-Spielen in der Geroldswiler Kinderkrippe wieder ins Zentrum der Unterhaltung. Michael Hunziker muss berichtigen und sie darauf hinweisen, dass die Symbole der beiden Karten nichts miteinander zu tun haben. «Doch», sagt die Kleine, «nur fast», erwidert Hunziker mit einer Engelsgeduld. Er fährt fort und sagt, dass es viel Charakterstärke erfordere, um als Mann in einer Kinderkrippe zu arbeiten: «Einerseits steht man in der Öffentlichkeit unter genauerer Beobachtung. Manche Leute können es nicht nachvollziehen, warum ein Mann diesen Job macht.» Manche würden Witze im Zusammenhang mit Pädophilie machen. «Darauf reagieren hat gar keinen Wert. Einerseits ist es kein lustiges Thema, andererseits ist es sehr beleidigend und fernab von der Wahrheit.»
Hunziker ist aber auch aufgefallen, dass er selber Bewerbungen von Männern mit anderen Augen betrachtet als solche von Frauen. «Bei einem Jugendlichen, der sich für eine Praktikumsstelle interessierte, ging mir durch den Kopf, wie es auf Eltern wirken würde, wenn gleich zwei Männer in unserer Krippe arbeiten würden», so Hunziker. Dass ein solches Denkmuster gar bei ihm selbst vorkommen kann, hätte er nicht geahnt.

Männer sind gut für die Kinder

Die Geschäftsleiterin des Vereins Kinderbetreuung Bergdietikon Eva Schüttel muss nicht lange überlegen. «Nein», sagt sie, es sei bis zu Roths Bewerbung kein Dossier eines männlichen Kleinkindererziehers auf ihrem Tisch gelandet. Dabei sei sie stets offen gewesen, einen Mann zu engagieren. «In dieser Entwicklungsphase ist es für ein Kind gut, wenn es auch einen Mann in seinem täglichen Umfeld hat», sagt sie.
Bei Roth und Hunziker nachgefragt, wodurch sich dieser Einfluss auszeichne, zeigt sich, dass dieser schwer zu definieren ist. Durch das Herumtollen draussen würde die Grobmotorik des Kindes angeregt, meint Roth, und Hunziker verweist darauf, dass die Stimmung in einem Team mit Geschlechterdurchmischung schlichtweg angenehmer, lockerer sei. «Wenn ein Kind weint, dann gehe ich zu ihm hin und frage, was los sei», so Hunziker. Eine seiner Kolleginnen würde das Kind gleich tröstend auf den Arm nehmen. Die Nuancierungen zwischen männlicher und weiblicher Erziehung seien zwar fein, aber sie seien da.
Dass es in absehbarer Zukunft ausgeglichene Geschlechterverhältnisse unter den Angestellten in Schweizer Kindertagesstätten gibt, das glauben Roth und Hunziker nicht. «Dafür sind Renommee und Karrierechancen wohl zu gering», sagt Hunziker. Er gibt angehenden Berufskollegen aber den Ratschlag, nur in Krippen zu arbeiten, in denen sie sich des Rückhalts des gesamten Teams sicher sein können.