Vor rund 500 Jahren erreichte die Reformationsbewegung die Kirchen im Limmattal. Zum Zürcher Reformationsjubiläum hielt das Ehepaar Stillhard am Mittwochabend einen Vortrag im reformierten Kirchgemeindehaus Dietikon. Das Thema: «Leben in zwei Häusern. Über die Schönheit des Einseins in Vielfalt.»

Das Reformationsjubiläum wird in vielen Ländern gefeiert und bejubelt. Doch Pfarrer Marc Stillhard fragt sich, ob die Spaltung der Kirche wirklich ein Anlass zum Fest ist. «Reformare kommt aus dem Lateinischen und bedeutet, etwas wieder in Form zu bringen.

Ursprünglich wollten die Reformatoren keine neue Kirche gründen, sondern einfach die Missstände in der damaligen Kirche beseitigen», so Stillhard. Dies gelang jedoch nicht. Auf die Reformation folgten viel Gewalt und lang andauernde Religionskriege.

«Das Reformationsjubiläum lässt sich nicht ohne ökumenische Perspektive feiern», findet Pfarrer Stillhard. Die Ökumene ist eine Bewegung zur Einigung der Kirche. Auf der Amtsebene stehe sie jedoch in einer Sackgasse. Im Ökumenischen Rat der Kirchen ist die römisch-katholische Kirche immer noch nur zu Gast. Der Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Birmensdorf-Aesch setzt demnach eher auf eine Ökumene von unten, die aus den einzelnen Gemeinden kommt.

Dass das möglich ist, zeigen er und seine römisch-katholische Ehefrau, die als Theologin an der Fachhochschule Nordwestschweiz referiert und unterrichtet. «Wir wohnen in einem Haus, aber arbeiten in zwei verschiedenen Glaubenshäusern», sagt Adrienne Hochuli Stillhard.

Einheit in Vielfalt

Seit acht Jahren ist das Ehepaar Stillhard nun verheiratet und wohnt gemeinsam im reformierten Pfarrhaus in Aesch. Dass eine Katholikin im Pfarrhaus lebe, fänden nur wenige Mitglieder der Gemeinde etwas komisch. Die Theologin fühlt sich in der reformierten Kirche sehr willkommen.

«Ich finde es schön, dass einem auch das andere Glaubenshaus ein Zuhause sein kann», so die Aescherin. «Manchmal sogar mehr als das eigene.» In der Schweiz seien sie als konfessionsverbindendes Ehepaar sehr privilegiert. «Wir kennen ein Paar in Deutschland, das zwar heiraten, aber nicht in zwei verschiedenen Kirchen arbeiten darf.»

Dass ihre Gemeinden dies akzeptieren, schätzt die Katholikin sehr. Sie findet es aber auch befreiend, manchmal im anderen Glaubenshaus Gast zu sein. «Ich liebe meine Kirche, aber sie muss nicht alles sein. Manchmal fühle ich mich wie in einem Haus, in dem ich die Möbel nicht alle ausgesucht habe. Da tut es auch mal gut wegzugehen.»

Das Christentum vergleicht die Theologin mit dem Schweizerdeutsch: «Es gibt verschiedene Glaubensdialekte, die sich in den Traditionen unterscheiden.» Jede Kirche habe ihre Schönheiten, die ihr ein ganz eigenes Gesicht verleihen.

Die jeweiligen Stärken der unterschiedlichen Kirchen können jedoch auch schnell zu Schwächen werden, meint Stillhard. Beispielsweise der katholische Sinn für Schönheit, der zu Prunk werden, oder die reformierte Liebe zum Wort, die eine Predigt in die Länge ziehen kann.

Das Problem nicht nur innerhalb des Christentums, sondern auch im allgemeinen Konflikt der Weltreligionen, sei der Überlegenheitsgedanke der einzelnen Religionen. «Wenn ich sage, ich liege richtig und du falsch, dann haben wir von Anfang an ein Problem», erklärt die Theologin.

Sie wünscht sich dementsprechend mehr Offenheit gegenüber anderen Religionen und Konfessionen. Das Ziel der Ökumene soll es aber nicht sein, alle Kirchen zu vereinheitlichen. Die heutige Verschiedenheit und Vielfalt sei sehr kostbar, meint Pfarrer Stillhard. «In der Ökumene können die Kirchen voneinander lernen und geschwisterlich miteinander umgehen. Beten soll aber weiterhin jeder in seinem Glaubensdialekt.»