Manchmal, da ist schlechtes Wetter richtig gut. Dann etwa, wenn man deswegen statt ins Skiwochenende an ein Poker-Turnier fährt, dort Schweizer Meister wird und mit einem ansehnlichen Preisgeld im fünfstelligen Bereich nach Hause geht. «Ich hatte Militärdienst in Crans-Montana und wollte an diesem Wochenende eigentlich auf die Piste. Doch das Wetter war zu schlecht», sagt Ramon Wicki, der Anfang Februar im Casino Baden die Schweizer Meisterschaft im Texas Hold’em (siehe Kasten) gewonnen hat. Was den Organisatoren des Weltcuprennens eine Woche später einen Strich durch die Rechnung machte, bedeutete für den 26-jährigen Schlieremer damals eine spezielle Art von Wetterglück.

Pokal kommt mit Verspätung

Wie viel Fortuna sonst noch zu seinem Sieg am viertägigen Turnier beigetragen hat, kann Wicki zwei Wochen danach schwer abschätzen. «Aber bei einem Turnier, das so lange dauert wie dieses, wird der Glücksfaktor kleiner», sagt er beim Gespräch in seiner penibel aufgeräumten Wohnung. Die Einrichtung ist schlicht, fast schon spartanisch. Neben Bildern an den Wänden fehlt noch etwas anderes: der Pokal, den Wicki zusammen mit dem Preisgeld und einem speziellen Ring gewonnen hat. Weil darauf die falsche Jahreszahl eingraviert wurde, erhält Wicki den Pokal mit etwas Verspätung. Zu stören scheint das den grossgewachsenen, jungen Mann nicht.

Überhaupt wirkt Wicki nicht wie einer, der sich zu Gefühlsausbrüchen hinreissen lässt. «Ich bin kein besonders emotionaler Mensch», sagt er selbst. Das kommt ihm beim Kartenspiel entgegen. Ein Pokerface aufzusetzen und sich keine Gefühlsregung anmerken zu lassen, ist seiner Meinung nach eine der wichtigsten Eigenschaften eines guten Spielers. Eine andere: sich in Geduld üben. «Darin bin ich nicht so gut. Beim Pokern muss ich mich dazu zwingen, auf gute Hände zu warten.» Was Wicki leichter fällt, ist dagegen das Berechnen von Wahrscheinlichkeiten. «Beim Pokern muss man die eigenen Chancen und die der Gegner abschätzen können», erklärt er.

Hier profitiert Wicki von seiner Arbeit bei einer Bank und seiner kürzlich abgeschlossenen Weiterbildung zum Financial Risk Manager. «Auch da muss ich Situationen mit vielen ungewissen Faktoren einschätzen können.» Sein Job helfe ihm deshalb beim Pokern. Und umgekehrt. «In Meetings hilft es mir, wenn ich die Gesichtsausdrücke und Gesten des Gegenübers lesen kann.» Denn beim Kartenspiel hat Wicki nicht nur gelernt, seine eigenen Gefühle so gut wie möglich zu verbergen, sondern auch die der Gegner zu lesen. «Oft sind es Kleinigkeiten, die etwas über einen anderen Spieler verraten. Etwa, wie lange er die Karten auf dem Tisch studiert.» Natürlich könne man diese sogenannten «Tells» auch vortäuschen, das mache er selber auch häufig, so Wicki. «Das funktioniert aber nicht immer. Erfahrene Spieler durchschauen solche Täuschungsmanöver.»

Sakko fürs Gewinnerfoto

Brille, Kapuzenpulli oder Kopfhörer zu tragen, wie das zahlreiche Spieler tun, um so wenig wie möglich von sich preiszugeben, kommt für Wicki aber nicht infrage. «Man nimmt die anderen weniger wahr», sagt er und lässt sich im eher nüchternen Gespräch dann doch noch zu einem emotionalen Kommentar hinreissen: «Und es sieht scheisse aus.»

Normalerweise spiele er im Polohemd, sagt Wicki. Für den letzten Tag der Schweizer Meisterschaft nahm er ein Sakko mit – vorsorglich, fürs Gewinnerfoto. «Ich bin mit den meisten Chips an den Finaltisch gegangen – da habe ich damit gerechnet, gewinnen zu können.» Zu Beginn des Turniers habe er lediglich gehofft, in die Ränge zu kommen und damit das Startgeld von 2000 Franken wieder einzuspielen.

Mit der Grösse seines Chip-Stapels wuchsen über die vier Spieltage auch Wickis Erwartungen. «Und als ich ins Finale kam, wollte ich Erster werden.» Vom Preisgeld her hätte er sich auch mit dem zweiten Platz zufriedengeben können. «Aber es geht mir beim Pokern nicht nur ums Geld. Sondern wie bei anderen Sportarten darum, als Sieger vom Tisch zu gehen.» Dazu verhalfen Wicki am Schluss des Turniers zwei Damen. Mit dem Paar setzte er sich im Heads-up – dem Duell der zwei letzten Spieler eines Turniers – gegen die zwei Zehnen durch, auf die sein Gegner all seine verbliebenen Chips gesetzt hatte. «Das war eine glückliche Konstellation», bemerkt Wicki.

«Fertig mit Kollegialität»

Trotz seines Erfolgs in Baden und seiner spürbaren Leidenschaft für das Kartenspiel – vom Pokern allein möchte der neue Schweizer Meister nicht leben müssen. «Dann gilt es ernst.» Ausserdem fehle ihm beim Pokern der soziale Umgang, wie er ihn vom Geschäft her kenne. «An einem Turnier sind am Ende alle gegeneinander. Auch wenn es man es zwischendurch lustig miteinander hat: Sobald gespielt wird, ist fertig mit der Kollegialität.»