Birmensdorf

Zwei Brunos und die englische Schönheit Lotus

Zarte 14 war Bruno Schaffner, als er sich verliebte. Die englische Schönheit, die da stand, kurvig und in unschuldigem Weiss, raubte ihm den Atem: ein Lotus Elite. Der Garagenbesitzer sagte ihm, er solle sich diesen Namen merken, er werde noch viel davon hören.

50 Jahre sind seither vergangen. Heute sitzt Bruno Schaffner in seiner eigenen Garage im Industriequartier von Birmensdorf. Um ihn herum stehen aufgebockt zerlegte Chassis. Wie metallene Skelette, zum Restaurieren und Aufbauen bereit.

Die Liebe hat gehalten. Was fasziniert ihn an Lotus? «Die Bauweise», sagt Schaffner und legt seine Brille vor sich auf den Tisch. «Leicht, schnell, schön – das ist die Lotus-Philosophie.» Die perfekten Rennwagen eben.

Antrieb Formel 1

Vor 30 Jahren hat sich Schaffner selbstständig gemacht und das Unternehmen «Schaffner-Racing» gegründet, spezialisiert auf Lotus und historische Sport- und Rennwagen. Davor hatte er eine Lehre abgeschlossen und Karriere gemacht; nicht etwa als Automechaniker, sondern als Kleinteilekonstrukteur. Schaffner startete als Nobody im Autogewerbe – zu wenig Kundschaft hatte er aber nie. «Lotus war damals sehr erfolgreich, wurde in der Formel1 mehrmals Weltmeister», sagt er. Davon habe er profitiert. Heute gibt es laut Schaffner schätzungsweise rund 1500 Lotus-Fahrzeuge und sechs Lotus-Garagen in der Schweiz.

Bruno Schaffner (links) und Bruno Weibel. Foto: A. Bütschi

Bruno Schaffner (links) und Bruno Weibel. Foto: A. Bütschi

In seiner Garage unterhält, revidiert und restauriert Schaffner hauptsächlich historische Rennwagen, seit 1990 hat er einen offiziellen Händlervertrag mit Lotus. Viele Rennmotoren hat er in den letzten 30 Jahren gebaut, demnächst soll der 200. entstehen. Seit elf Jahren steht im Bruno Weibel (34) zur Seite. Zwei Brunos, eine Lotus-Liebe. Was hat die beiden zusammengeführt? Schaffner zögert, die Kaffeemaschine lässt röchelnd den Espresso in die Tasse tröpfeln. «Das ist eine tragische Geschichte», sagt er.

Rennen als Psychotherapie

Bruno Weibel verliert mit 20 Jahren seine Eltern. Um sich abzulenken, kauft er sich eine Lotus Elise und fährt seine ersten Rundstreckenrennen. Die Rennen werden zu seiner Psychotherapie. «Im Cockpit muss man sich auf einen einzigen Punkt konzentrieren und alles andere ausblenden, sonst gehts nicht.» Weibel lernt im Rennzirkus Mike kennen, Schaffners Sohn. Dieser arbeitet gemeinsam mit seinem Vater in der Garage.

2000 stirbt Mike bei einem tragischen Verkehrsunfall. Weibel bietet Schaffner seine Hilfe an, um die Lücke zu schliessen, die Mike im Unternehmen hinterlassen hat. Schaffner nimmt ihn mit auf den Rennplatz. Weibel hat Talent, wird 2007 sogar Vize-Schweizer-Meister der Tourenwagen. Auch die Zusammenarbeit in der Garage funktioniert gut. Seit 2009 ist Weibel an der Firma beteiligt, nach Schaffners Pensionierung wird er sie weiterführen. «Bruno hat die gleiche Philosophie wie ich», sagt Schaffner. Aufhören werde er aber auch nach der Pensionierung nicht, nur zurückschrauben.

Streben nach Perfektion

Schaffner und Weibel haben hohe Ansprüche an sich selber: das Streben nach dem perfekten Rennwagen. Den baut man nicht einfach so, mit ein bisschen Frisieren ist es nicht getan. Es ist vielmehr das Zusammenspiel ganz verschiedener Faktoren, das exakte Abstimmen der Bauteile aufeinander. Das braucht Zeit; einen historischen Wagen zu einem fahrbaren Rennwagen aufzubauen, dauert bis zu 700 Stunden.

Kompromisse gehen die beiden nicht ein. «Ich will das bestmögliche Resultat», sagt Weibel. Und für dieses bestmögliche Resultat braucht es nicht nur Zeit, sondern auch Erfahrung. Nicht nur in der Garage, sondern auch auf der Rennstrecke. «Man kann kein Rennauto restaurieren, wenn man nicht selber Rennen fährt», sagt Schaffner. 15 Jahre lang ist er selber auf Rundstrecken in ganz Europa gefahren, hat mit Lotus-Fahrzeugen oder der Ginetta G4R mehr als 60 Podestplätze geholt.

«Ich wollte mit meinem Wissen, mit meinem Motor und mit meinen Getrieben Rennen fahren und gewinnen», sagt Schaffner. Das Renngefühl, das könne man nicht beschreiben. «Ein Rennauto perfekt zu beherrschen, ist absolut faszinierend.» Vor vier Jahren hat Schaffner aber aufgehört mit dem Rennsport. Es war ein gemeinsamer Entscheid mit seiner Frau Sonja. Heute betreut er zusammen mit seinem Team Fahrer an internationalen Rennen in Europa.

Wie bei einer schönen Frau

Was braucht es für diese hingebungsvolle Begeisterung für die historischen Wagen, was treibt die beiden Männer an? «Es braucht eine Detailverliebtheit in technischer und fahrerischer Hinsicht, gepaart mit dem Willen zu absoluter Präzisionsarbeit», sagt Weibel. Und Ästhetik, was fürs Auge. Wie bei einer schönen Frau.

«Nach einem wüsten Rennwagen dreht niemand den Kopf um.» Die Begeisterung der beiden Brunos hat aber auch seine Grenzen: «Die 08/15-Kutsche für die Strasse muss einfach fahren, mehr nicht», sagt Weibel. Was fehlt, sei die Emotion. «Ein historischer Wagen bedeutet Emotion – das geht dem modernen Strassenauto ab.»

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