Die Sonne scheint über dem Dietiker Kirchplatz. Es ist ein perfekter Tag zum Wandern. Bevor es losgeht, kontrolliert Wanderleiter Walter Bächli, ob auch alle Teilnehmer anwesend sind. Dann starten die Wanderer – mit dem Zug geht es Richtung Bremgarten. Die Gruppe, die sich ins Freiamt aufmacht, teilt sich nicht nur die Freude am Wandern, sondern auch am Fasten. Sie sind Teilnehmer der ökumenischen Fastenwoche, die von der katholischen und der reformierten Kirche Dietikon organisiert wird und jeweils in der dritten Woche vor Ostern stattfindet.

Willkommen seien alle Glaubensrichtungen, sagt Bächli. «Man sollte eine bejahende Haltung gegenüber der christlichen Kirche haben. Die Hauptsache ist aber, eine Gemeinschaft für Fastende zu bilden und sich untereinander austauschen zu können. Gemeinsam Fasten fällt oft leichter als alleine», sagt Bächli, der seit 23 Jahren überzeugter Fastender ist.

Fasten nicht nur wegen Religion

In Bremgarten angekommen, wandert die Gruppe dem Reussufer entlang, mal im Schutze des kühlenden Waldes, mal über sonnige Felder. Bei der Pfarr- und Klosterkirche Hermetschwil gibt es einen Zwischenstopp. Dort singen alle im Chor ein Kirchenlied und nutzen die ruhigen Minuten für ein stilles Gebet.

Doch gefastet wird nicht nur aus religiösen Zwecken. Marianne aus Urdorf ist ein grosser Fan des Fastens. Seit fünfzehn Jahren macht sie positive Erfahrungen damit. «Man fühlt sich körperlich einfach gut. Ausserdem hat das Fasten einen tollen Nebeneffekt: Man nimmt ein paar Pfunde ab», sagt sie.

Wenig junge Teilnehmer

Die meisten Teilnehmer sind erfahrene Fastende. Mit Ausnahme von Marlen. Sie ist zweifache Mutter und nimmt das erste Mal beim Fastenwandern teil. «Da ich meinen Job und meine Kinder unter einen Hut bringen muss, ist mein Alltag sehr stressig. Es tut gut, dass ich mir ein wenig Zeit nehmen kann. Mir ist bereits aufgefallen, dass ich viel entspannter und ruhiger geworden bin», sagt sie. Während der Fastenwoche schaue ihr Mann auf die Kinder. Aufgrund ihres Jobs verzichtet sie aber nicht ganz aufs Essen. Sie macht das sogenannte Basenfasten, bei dem alle Säurebildner in der Nahrung für einen bestimmten Zeitraum weggelassen werden. «Ab und zu esse ich eine Frucht», verrät Marlen.

Die Teilnehmer machen eine kleine Verschnaufpause und geniessen ihren Tee.

Die Teilnehmer machen eine kleine Verschnaufpause und geniessen ihren Tee.

Auch ihre Mutter, die ebenfalls an der Fastenwanderung teilnimmt, macht bisher gute Erfahrungen. «Man hat kein Hungergefühl. Man verspürt ab und zu Mal eine Lust», sagt sie. Marlen ist mit 44 Jahren die mit Abstand jüngste Teilnehmerin. «Es ist schwierig, junge Leute für das Fasten zu begeistern», sagt Gruppenleiter Sepp Strebel, der sich auch jüngere Wanderteilnehmer wünscht. Wenn, dann fänden sich jüngere Leute in den anderen Fastengruppen, die im Rahmen der Fastenwoche angeboten werden. Etwa beim Yoga oder bei der Meditation.

Nach dem Besuch der Kirche geht es weiter der Reuss entlang. Die Gruppe überquert den Dominilochsteg, danach gibt es bei einem Grillplatz eine kleine Verschnaufpause. Im Schatten macht es sich die Gruppe mit Tee gemütlich. Strebel verteilt Magnesiumtabletten, damit die Kräfte nicht verloren gehen und um allfälligen Krämpfen vorzubeugen. Nach einem Gutsch aus der Trinkflasche kehren die Teilnehmer zurück nach Dietikon. Beim Nachhauseweg verrät Marlens Mutter: «Ich vermisse schon meinen Kaffee», sagt sie und lacht.