Ein laues Lüftchen streicht über die Felder. Das Wasser glitzert. Nach einem erfrischenden Schwumm Kaffee trinken an der wärmenden Sonne.

Etwa so würde man sich den Start einer Badesaison erwünschen. Die Realität am 1. Mai ist aber eine andere. Tief hängen die Nebelfetzen über dem Hafnerberg. 11 Grad Lufttemperatur zeigt das Thermometer und auch das nur bei optimistischer Betrachtungsweise.

Das Wasser verspricht bei 16 Grad eher Kuhnagel und Schüttelfrost statt wonniges Morgenschwimmen. Wegen der kalten Nächte und des Regens der vergangenen Tage konnte das Wasser nicht höher aufgeheizt werden. Im Birmensdorfer Freibad Geren ist Saisonbeginn und niemand geht hin.

«Die Schönste weit und breit»

Marlies Graf Beeli betreibt schon seit 19 Jahren das Restaurant und bedient die Kasse des Freibades. Dass am Morgen des ersten Badetags noch keine Gäste da sind, überrascht sie nicht. «Seit wir die Badi bereits am 1. Mai öffnen, kippt immer genau dann das Wetter, es ist wie verhext», sagt sie.

Schade: Denn das Restaurant wäre bereit. An der Schiefertafel werden Wurstsalat und Birchermüesli angepriesen. Auch ein Megaburger – selbst gemacht, versteht sich – wäre schon zu haben, wie Marlies Graf stolz verkündet.

«Vielleicht sollten wir heute eher eine warme Suppe und Heizdecken anbieten», sagt sie lachend. «Aber wir sind doch kein Skigebiet.»

Auch Chefbademeister Süri Markovic nimmt es mit Humor: «Wir rechnen heute mit einem riesigen Ansturm. Der Parkdienst ist organisiert und auch die Aushilfen stehen bereit», sagt er mit einem Augenzwinkern.

Nass und traurig stehen die Sonnenschirme da. Frisch gestrichene Bänke und sauber geputzte Wiesen warten auf fröhliches Kinderlachen.

Das erste Kind, das ins Wasser geht, bekommt immer ein Glacé spendiert, erzählt Marlies Graf. Ein Kind ist an diesem Morgen aber keines in Sicht. Trotzdem öffnet Graf resolut und pünktlich um 9 Uhr den Schalter und erklärt: «Die Badesaison 2014 ist eröffnet.»

Und da erscheint tatsächlich der erste Besucher. Ob er wohl zu den ganz Mutigen gehört? Fehlanzeige. Kurt Flöscher zählt Wasser- und Lufttemperatur zusammen. Wenn dies mehr als 30 Grad ergibt, geht er schwimmen.

Die Leuchtanzeige erzählt aber leider eine andere Geschichte. Kurt Flöscher beschränkt sich darauf, sein Saisonabonnement zu erneuern und einen Kaffee zu trinken. Er ist seit einigen Jahren Stammgast in der Badi Birmensdorf. «Die Anlage ist die Schönste weit und breit.»

Ein Entenpaar nimmt Kurs auf das Schwimmbad und dreht im letzten Moment ab. 16 Grad? Nein danke. Die Beiden ziehen eine Landung auf dem trockenen Giebel eines benachbarten Hausdaches vor und säubern ihr Gefieder. Gähnend leere Garderobenschränke träumen von Badeschlappen und Sonnencreme.

Inzwischen ist der Birmensdorfer Gesundheitsvorstand Hansrudolf Keller eingetroffen. Nur einen Augenschein wolle er nehmen, sagt er.

Auch er will lieber nicht mit gutem Beispiel vorangehen. Das Badetuch sei noch nicht trocken geworden, witzelt er. Keller rechnet aber mit einer schönen Saison, denn der Mittefasten-Böögg in Unterengstringen sei dieses Jahr bei schönstem Wetter verbrannt, und das sei doch ein gutes Zeichen.

Auf den Zürcher Böögg gibt Marlies Graf hingegen nichts. Bei so viel Brandbeschleuniger könne es ja nicht lange gehen, bis der Kopf explodiere, meint sie verächtlich.

Es bleibt bei 16 Grad

Markovic hält das Thermometer ins Wasser. Vielleicht ist die Temperatur inzwischen doch auf 18 Grad angestiegen? Aber nein. Es bleibt bei 16 Grad. 15,8 Grad eigentlich, aber wir wollen nicht kleinlich sein.

Marlies Graf holt die neuen Liegestühle aus dem Lager. Aussicht in der ersten Reihe auf die Badi und das spiegelglatte Wasser. «Wir werden jetzt erst mal Zmörgele», meint sie. «Und dann schauen wir weiter. Arbeit gibt es auch bei schlechtem Wetter immer. Und wenn es nicht zu Regnen beginnt, lassen wir offen.»

Da plötzlich: Ein kleines Stück blauer Himmel und ein zaghafter Sonnenstrahl lugen hinter der dicken Wolkendecke hervor. Die Hoffnung stirbt zuletzt.