Dübendorf/Geroldswil
«Wir werden nicht drumherum kommen – der Klimawandel findet statt»: Energie-Experten besprechen Zukunft der Wärmeversorgung

Wie werden wir unsere Gebäude in Zukunft heizen? Ingenieurinnen und Planer aus der ganzen Schweiz haben am 17. Weishaupt Ingenieur-Fachzirkel in Dübendorf über Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze referiert. Der Grundkonsens: Weiter wie bisher ist keine Option.

Sven Hoti
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Die Stadt Luzern gewinnt einen Teil ihrer Energie aus dem Vierwaldstättersee: Jörg Hoffmann von Energie Wasser Luzern (ewl) bei der Präsentation der sogenannten Energiezentrale, die unter dem See liegt.

Die Stadt Luzern gewinnt einen Teil ihrer Energie aus dem Vierwaldstättersee: Jörg Hoffmann von Energie Wasser Luzern (ewl) bei der Präsentation der sogenannten Energiezentrale, die unter dem See liegt.

zvg

Die Schweiz hat sich mit der Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens dazu verpflichtet, ihren Treibhausgas-Ausstoss bis 2030 im Vergleich zu 2019 zu halbieren sowie bis 2050 komplett zu neutralisieren. Wie das im Bereich der Wärmeversorgung realisiert werden könnte und welche Herausforderungen anstehen, haben Ingenieurinnen und Planer am 17. Weishaupt Ingenieur-Fachzirkel besprochen. Erstmals fand die Veranstaltung, welche die Geroldswiler Weishaupt AG 2001 ins Leben gerufen hatte, in der Empa in Dübendorf statt und nicht wie üblich in der Spreitenbacher Umweltarena.

Rita Kobler vom Bundesamt für Energie bot zum Anfang einen Überblick über die aktuelle Lage in Sachen Klimawandel und Energieziele der Schweiz. «Es gibt eine klare Zunahme der Temperaturen», erklärte Kobler, «wir werden uns anpassen müssen.» Fossile Brennstoffe müssten vermieden, die Energieeffizienz von Gebäuden gesteigert und inländische Potenziale für erneuerbare Energien so gut als möglich ausgeschöpft werden.

Ob denn eine allfällige Ablehnung des CO2-Gesetzes am Sonntag einen Rückschlag auf die Energieziele des Bundes habe, wollte der ehemalige SRF-Moderator Patrick Rohr wissen, der durch den Anlass leitete. Kobler meinte, dann gelte das Szenario «Weiter wie bisher». Doch sie führte an: «Wir werden nicht drumherum kommen – der Klimawandel findet statt. Wie bei der Coronapandemie konnten wir bei diesem Thema ja nicht einfach dagegen stimmen.»

Überschüssiger Strom muss gespeichert werden

Der stellvertretende Empa-Direktor Peter Richner sprach im Anschluss über die Tücken mit den erneuerbaren Energien. «Die Fotovoltaik hat ein grosses Potenzial, das wir heute jedoch noch nicht ausschöpfen», sagte er. Das Problem hierbei sei, dass der Strom vor allem im Sommer produziert werden könne, der grösste Strombedarf jedoch im Winter anfalle. So ergebe sich ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage.

Als mögliche Lösung für dieses Problem stellte Richner die sogenannten Power-to-X-Technologien vor. Damit lässt sich überschüssiger Strom in chemische Energieträger wie etwa Wasserstoff oder Methan umwandeln und somit Energie für die Wintermonate speichern. Ohne Speichermöglichkeiten gingen ein Drittel bis die Hälfte des erzeugten Stroms wieder verloren, so Richner. «Dafür brauchen wir aber zuerst einen Überschuss an erneuerbarer Energie – und davon sind wir noch weit weg.»

Der diesjährige Weishaupt Ingenieur-Fachzirkel fand in der Empa in Dübendorf statt.

Der diesjährige Weishaupt Ingenieur-Fachzirkel fand in der Empa in Dübendorf statt.

zvg

Im Anschluss an Richners Vortrag erklärte Michael Lauer vom Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (ewz), welche Auswirkungen die Elektrifizierung der Wärmeversorgung und der Mobilität zusammen mit dem Bevölkerungswachstum auf das Verteilnetz der Stadt Zürich haben. Zusätzliche Lasten, so die Kurzantwort. Vor allem die Leistungsspitzen in den Morgen- und Abendstunden bereiteten dem ewz Sorgen, so Lauer. Störungen im Netz bis hin zu Stromausfällen seien mögliche Gefahren.

Um die Stromversorgung auch zukünftig zu gewährleisten, will das ewz einerseits sein Netz weiter ausbauen und andererseits regulierend eingreifen. Eine Möglichkeit sei, die Wärmepumpen zu bestimmten Tageszeiten zu unterbrechen oder die Endkunden mit preislichen Anreizen dazu anzuhalten, ihre Elektroautos nicht gleich am Feierabend aufzuladen.

Nicht überall ist ein sofortiger Wechsel auf erneuerbare Energien möglich

Ein konkretes Beispiel, die inländischen Potenziale für erneuerbare Energien auszuschöpfen, präsentierte Jörg Hoffmann von Energie Wasser Luzern (ewl). Die Stadt Luzern gewinnt einen Teil ihrer Energie nämlich aus dem Vierwaldstättersee. Der Energiedienstleister ewl hat dazu unter Wasser eine sogenannte Energiezentrale gebaut, welche die Energie des Seewassers dazu nutzt, Rohrleitungswasser in entweder erhitztem oder gekühltem Zustand an die Haushalte zu verteilen und so die Wärme- und Kälteversorgung sicherzustellen.

Trotz verschiedener Innovationen im Energiebereich sei ein sofortiger Wechsel der Energieträger in der Gebäudetechnik nicht immer realisierbar, sagte Franz Brunner. Der Betriebsleiter der Weishaupt AG zeigte in seinem Referat die Vorteile auf, welche auch eine hybride Wärmeversorgung – etwa über eine Wärmepumpe und Gas –, mit sich bringen.