Zürich
Sturm Bernd entwurzelte Albisrieder Linde und brachte alte Schatulle zum Vorschein – nun wurde sie geöffnet

Das Unwetter von Mitte Juli richtete in Albisrieden nicht nur starken Schaden an. Mit den Wurzeln einer alten Linde kam auch ein vor 70 Jahren vergrabenes Behältnis ans Tageslicht. Darin enthalten war unter anderem ein Exemplar des «Limmattaler Tagblatts».

Sven Hoti
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Sturm Bernd wütete Mitte Juli in Albisrieden.
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Die 70-jährige Linde vor der Alten Kirche wurde entwurzelt.
Im Wurzelwerk wurde eine Schatulle entdeckt.
Das Innere der Schatulle war wegen des Regens komplett durchnässt, berichtet Hans Amstad, Präsident des Ortsmuseums Albisrieden.
Die Schatulle war am 1. August 1951 an der Stelle vergraben worden, wo die neue Linde gepflanzt wurde.

Sturm Bernd wütete Mitte Juli in Albisrieden.

zVg

Sturm Bernd richtete Mitte Juli im Kanton Zürich grosse Schäden an. In Aesch etwa machten die starken Winde und der Hagel die Apfelplantage des Obstbauers Markus Mörgeli komplett dem Erdboden gleich. Auch im Zürcher Kreis 9, zu dem Altstetten und Albisrieden gehören, wütete «Bernd». In den darauffolgenden Tagen kam nicht nur das Ausmass des Schadens zum Vorschein, sondern in Albisrieden auch ein kleiner Schatz: eine 70 Jahre alte Kupferschatulle, die vergraben wurde, als am gleichen Ort bei der Alten Kirche eine Linde gepflanzt wurde.

Hans Amstad, Präsident des Ortsmuseums Albisrieden, berichtete erstmals in der Facebook-Gruppe «Du bisch vo Züri-Albisrieden wänn...» von seinem Fund. Dazu veröffentlichte er Fotos mit dem Inhalt der Schatulle. Abgebildet sind diverse Münzen, vom Einräppler bis zum Fünfliber, im Gesamtwert von 8.88 Franken sowie eine Gedenkmünze zum 600-Jahr-Jubiläum von Zürich in der Eidgenossenschaft. Zu sehen sind auch diverse Wochen- und Tageszeitungen, die mit wenigen Ausnahmen alle auf den 1. August 1951 datiert sind.

Der Fund führt unter anderem eindrücklich vor Augen, wie sich die Zürcher Medienlandschaft in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat. Während einige der entdeckten Zeitungen auch heute noch existieren – etwa die «Neue Zürcher Zeitung», der «Tages-Anzeiger» oder die «Wochenzeitung» – dürften Titel wie «Die Zürcher Woche», «Die Tat», «Volksrecht» oder «Neue Zürcher Nachrichten» vielen heute gar nichts mehr sagen.

In der Schatulle befanden sich mehrere Wochen- und Tageszeitungen, die meisten davon auf den 1. August 1951 datiert. Darunter war etwa eine Ausgabe des «Tages-Anzeigers».
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Es kamen auch diverse Zeitungen zum Vorschein, die es heute nicht mehr gibt, etwa die «Neuen Zürcher Nachrichten».
Auch diverse Münzen verbargen sich in der Schatulle.
Unter anderem eine Gedenkmünze zum 600-Jahr-Jubiläum von Zürich in der Eidgenossenschaft

In der Schatulle befanden sich mehrere Wochen- und Tageszeitungen, die meisten davon auf den 1. August 1951 datiert. Darunter war etwa eine Ausgabe des «Tages-Anzeigers».

zVg

Ebenfalls erwähnenswert: Unter den Zeitungen fand Museumspräsident Amstad auch ein Exemplar des «Limmattaler Tagblatts» vom 1. August 1951. Der Nationalfeiertag wurde dabei, wie bei den meisten Zeitungen auch, herzhaft auf der Titelseite ausgeschlachtet. Unter anderem wurde der Schweiz mit einem Gedicht des deutschen Dichters Friedrich Schongauer sowie einem Gastbeitrag von alt Nationalrat Ernst Boerlin (FDP) gedacht.

Dass Amstad von der Schatulle wusste, ist kein Zufall. Der 76-Jährige war dabei, damals am 1. August 1951, als sie im Rahmen der Lindenpflanzung vergraben wurde. Diese sei ein Geschenk des Quartiervereins Hottingen gewesen und habe die alte Gerichtslinde am selben Ort ersetzt, erklärt Amstad auf Anfrage. Dies als Würdigung der 600-jährigen Mitgliedschaft des Kantons Zürich in der Eidgenossenschaft.

«Mich hat damals beeindruckt, dass unter den Wurzeln der Linde eine Schatulle vergraben wurde»,

erinnert sich Amstad, der damals sechs Jahre alt war.

Auch im «Limmattaler Tagblatt» fand die Einpflanzung der Linde Erwähnung, wie ein Auszug aus dem Exemplar vom 1. August 1951 zeigt. «Um 19.00 Uhr auf dem Dorfplatz. Aufführung des Lindenspiels von A. Meier, Pflanzen der Linde. 20.15 Uhr: Bundesfeier auf dem Dorfplatz, bei schlechtem Wetter im grossen Saal des Albisriederhauses», heisst es im Einstieg. Es gab verschiedene kulturelle und sportliche Darbietungen sowie ein Höhenfeuer auf dem Hasenrain.

Unter den Zeitungen in der Schatulle wurde auch ein Exemplar des «Limmattaler Tagblatts» gefunden.
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Darin wurde auch die Einpflanzung der Linde in Albisrieden angekündigt.
Ein Gedicht des deutschen Dichters Friedrich Schongauer zierte die Titelseite des «Limmattaler Tagblattes» an diesem 1. August
Eine Ode an die Schweizer Armee: Auch das Stadtzürcherische Bundesfeierkomitee verfasste einen Beitrag im «Limmattaler Tagblatt».
Werbung für die Bundesfeier 1951 in Birmensdorf...
...in Altstetten...
...sowie in Engstringen.

Unter den Zeitungen in der Schatulle wurde auch ein Exemplar des «Limmattaler Tagblatts» gefunden.

zVg

Nachdem Amstad die vom Sturm Bernd entwurzelte Linde morgens um 3 Uhr gesehen habe, sei ihm direkt die vergrabene Schatulle in den Sinn gekommen. Daraufhin nahm der Museumsleiter mit Grün Stadt Zürich Kontakt auf. Diese Dienstabteilung der Stadt ist für die Grünanlagen in der Stadt Zürich zuständig und verantwortet die Aufräumarbeiten nach Sturm Bernd.

«Sie mussten den ganzen Wurzelstock umkehren, um die Schatulle zu finden»,

berichtet Amstad.

Er selbst sei bei der Suche nicht vor Ort gewesen. Mitarbeiter hätten die Schatulle am 29. Juli abgeholt, ins Ortsmuseum gebracht und geöffnet. «Alles war klitschnass», sagt Amstad. Der Deckel der Schatulle war stark beschädigt, das Innere vom Regen durchnässt. Die Zeitungen seien zum Trocknen auf Tischen im Museum ausgebreitet worden. Amstad sagt: «Der Zustand der Zeitungen ist himmeltraurig.»

Die Seiten seien teilweise gerissen oder klebten nun, nachdem sie etwas trocknen konnten, aneinander.

Der Inhalt der Schatulle sei zwar nicht wertvoll, für ihn jedoch von persönlichem Interesse, sagt der Museumspräsident und fügt an:

«Für mich hat sich damit ein Kreis geschlossen.»

Was mit den Fundsachen nun passieren soll, ist noch unklar. Laut Amstad wäre eine Möglichkeit, sie in einer neuen Schatulle und einem neuen Baum wieder für spätere Generationen zu hinterlegen. Ebenfalls nicht ausgeschlossen sei, dass das Museum sie vorübergehend in einer Vitrine ausstellt.

Das «Limmattaler Tagblatt» in Albisrieden

Stellt sich abschliessend noch die Frage, was das «Limmattaler Tagblatt» überhaupt in Albisrieden zu suchen hatte. Dafür ist ein kurzer Ausflug in die Entstehungsgeschichte der heutigen «Limmattaler Zeitung» nötig.

Die Zeitung, die Sie jetzt gerade in den Händen halten oder online lesen, ist das Produkt aus mehreren Zusammenschlüssen kleinerer Lokalzeitungen aus dem Raum Zürich und Limmattal. Ihre Geschichte ist bis ins 1861 zurückzuverfolgen: Ab dann erschien in Zürich «Die Limmat». Die zwei nennenswertesten Fusionen dürfte diejenige des «Limmattalers» und des «Limmattaler Tagblatts» sein. Die beiden Blätter schlossen sich allerdings erst 1972 zu einer Zeitung zusammen. Zuvor waren sie voneinander unabhängige Print-Produkte mit unterschiedlichen Redaktionssitzen.

Während der «Limmattaler» von Dietikon aus arbeitete und die das amtliche Publikationsorgan für die Gemeinden Dietikon, Oetwil, Geroldswil und Bergdietikon war, hatte das 1934 gegründete «Limmattaler Tagblatt» in Altstetten seinen Sitz und war Amtsblatt für die Gemeinden Schlieren, Urdorf, Birmensdorf, Aesch, Uitikon, Ober- und Unterengstringen sowie Weiningen. Herausgegeben wurde der «Limmattaler» von der Verlegerfamilie Hummel, das «Limmattaler Tagblatt» von der Verlegerfamilie Schraner. Später veräusserten sie ihre Aktienanteile.

Das Produkt aus «Limmattaler» und «Limmattaler Tagblatt» hiess noch einige Jahre «Limmattaler», änderte dann aber schon bald den Namen zu «Limmattaler Tagblatt» und behielt diesen bis 2008 bei. Bis Mitte 2019 hiess die Zeitung dann «az Limmattaler Zeitung» und von da an nur noch «Limmattaler Zeitung».

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