Zürich
Raclette und Kaffee gegen Impfung: Mit dem Impfdorf am Hauptbahnhof wagt der Kanton eine letzte Überzeugungsoffensive

Der Kanton Zürich hat am Montag anlässlich der nationalen Impfwoche am Hauptbahnhof das Impfdorf eröffnet. Mit niederschwelligem Zugang zu Impfungen und Beratungsangeboten sowie gratis Essen und Trinken sollen Unentschlossene von der Impfung überzeugt werden. Auch Booster-Impfungen sind möglich.

Sven Hoti
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Die Regierungsrätinnen Natalie Rickli (SVP, links), Jacqueline Fehr (SP, Mitte) und Carmen Walker-Späh (FDP) appellierten nochmals an alle Ungeimpften, sich piksen zu lassen.

Die Regierungsrätinnen Natalie Rickli (SVP, links), Jacqueline Fehr (SP, Mitte) und Carmen Walker-Späh (FDP) appellierten nochmals an alle Ungeimpften, sich piksen zu lassen.

Michael Buholzer/Keystone

Noch einmal alle Kräfte mobilisieren, um Unentschlossene von der Corona-Impfung zu überzeugen: Das ist das Ziel von Bund und Kantonen während der laufenden nationalen Impfwoche. Knapp 100 Millionen Franken will der Bund den Kantonen für niederschwellige Impf- sowie Beratungs- und Informationsangebote zur Verfügung stellen. Der Kanton Zürich hat den Start der Impfwoche am Montag mit der Eröffnung des Impfdorfes in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofs gefeiert.

«Wir wollen keinen Versuch auslassen, die Menschen zur Impfung zu motivieren», sagte Regierungspräsidentin Jacqueline Fehr (SP) anlässlich des Point de Presse am Montagmorgen. Sie sprach von einem «Schlussspurt»: Man sei jetzt nochmals in der Phase, wo sich die Bevölkerung einen Ruck geben müsse – entweder, indem man andere von der Impfung überzeuge oder aber sich selber impfen lasse. «Der Impffortschritt entscheidet letztlich, wie lange wir noch mit der Pandemie leben müssen.»

Impfziel gibt es keines

Das niederschwellige Impfangebot lief am Montag zuerst nur zögerlich an – was jedoch nicht zuletzt damit zu tun gehabt haben dürfte, dass das Impfdorf während der Dauer des Point de Presse geschlossen war. Von 6.30 Uhr bis um 9.30 Uhr, also bis kurz vor dem Medienanlass, waren rund 20 Impfungen verabreicht worden, wie Patrick Borer, Mediensprecher der Gesundheitsdirektion, vor Ort mitteilte. Pro Tag sind rund 500 Impfungen möglich. Ein Ziel habe man sich aber ganz bewusst keines gesetzt, da die Entwicklung «unmöglich vorauszuschauen» sei, so Borer.

Vereinzelt gaben Geimpfte an, bereits einen Booster erhalten zu haben. So etwa Alexander Klein aus Wil. Er sei spontan vorbeigekommen und habe sich nach einem Booster erkundigt. Die zuständige Mitarbeiterin habe positiv darauf reagiert und ihm diskussionslos den dritten Piks gegeben. Er habe das für seine immungeschwächte Frau getan, erklärte Klein und ergänzte:

«Bei Impfthemen gibt es nur eins: Solidarität. Wer das nicht checkt, ist dumm.»

Bei der Ankündigung des Impfdorfs sei die Möglichkeit einer Booster-Impfung bewusst nicht an die grosse Glocke gehängt worden, sagte Borer. Primär gehe es bei der Aktion nämlich um Erstimpfungen. Er ergänzt jedoch: «Wir weisen keine Impfwilligen ab.» Voraussetzung für eine Booster-Impfung sind die vom Bundesamt für Gesundheit vorgegebenen Kriterien: Die Personen müssen über 65 Jahre alt sein und die zweite Impfung muss mindestens sechs Monate zurückliegen.

Geimpfte konnten die Wartezeit mit gratis Raclette, Berlinern, Kaffee und Tee überbrücken.

Geimpfte konnten die Wartezeit mit gratis Raclette, Berlinern, Kaffee und Tee überbrücken.

Michael Buholzer/Keystone

Geöffnet ist das Impfdorf am Hauptbahnhof diese Woche von Montag bis Mittwoch. Interessierte können sich jeweils von 6.30 Uhr bis 23.30 Uhr spontan immunisieren lassen. Im Einsatz stehen jeden Tag etwa 15-20 vom Impfzentrum Uster rekrutierte Personen, darunter auch Ärztinnen und Ärzte. Die Impfwilligen können zwischen den Impfstoffen frei auswählen. Zur Verfügung stehen alle bislang in der Schweiz zugelassenen Impfstoffe, also Moderna, Pfizer und Johnson & Johnson. Nach dem Piks können die Besucherinnen und Besucher die Wartezeit mit gratis Raclette, Berlinern, Kaffee oder Tee überbrücken.

«Impfen statt über das Zertifikat schimpfen»

Im Kanton Zürich haben 66,7 Prozent der Bevölkerung bereits zwei Impfdosen erhalten. Damit steht der Kanton zwar im schweizweiten Vergleich an dritter Stelle und somit gut da. Doch es gibt weiterhin Luft nach oben, wie Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) meinte. «Wir müssen nochmals gemeinsam einen Effort leisten. Die Impfquote reicht noch nicht, um alle Massnahmen aufzuheben.»

Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker-Späh (FDP) erinnerte an die Zeit im Januar, als Impfstoff knapp und Massnahmen strikter waren als jetzt. «Wir müssen erneute Einschränkungen für die Wirtschaft vermeiden, das würde Unternehmen vor eine Existenzfrage stellen. Dafür braucht es leider das Zertifikat.» Sie betonte zudem, dass geimpfte und genesene Personen von der Quarantänepflicht befreit seien. «Deshalb lautet das Motto: Impfen statt über das Zertifikat schimpfen.»

Beratungsstellen informieren in unterschiedlichen Sprachen

Ein zentraler Schlüssel zur Steigerung der Impfquote sei der Zugang zu Information, erklärte Jacqueline Fehr. Die Personen, die jetzt noch nicht geimpft seien, hätten noch Fragen oder Zweifel, was die Impfung angehe. Diesem Informationsbedürfnis will der Kanton in der nationalen Impfwoche mit zusätzlichen Informations- und Beratungsangeboten in unterschiedlichen Sprachen begegnen. Auch am Informationsstand beim Impfdorf wird in acht Sprachen Auskunft gegeben.

Melissa Schumacher / TeleZüri

Die nationale Impfwoche dauert vom 8. bis 14. November. Die Kantone haben sich dazu verschiedene Massnahmen ausgedacht. Unter anderem stehen Konzerte mit bekannten Schweizer Grössen wie Stress, Baschi oder Sophie Hunger auf dem Programm. Neben dem Impfdorf am Hauptbahnhof hat der Kanton Zürich 13 weitere Massnahmen ergriffen, um den Zugang zur Impfung und zu Informationen zu erleichtern. Dazu gehört unter anderem auch die lange Nacht der Impfung, welche die Apotheken am 12. und 13. November jeweils bis um Mitternacht veranstalten.

Die Impfoffensive – ein Tropfen auf den heissen Stein?

Nach dem Point de Presse formierte sich allmählich eine stattliche Schlange vor dem Impfdorf. Darunter waren einige ältere Leute, die für einen Booster anstanden. Es gab aber auch manche, die sich bisher noch gar nicht geimpft hatten. So etwa Andrea Zimmermann aus Zürich.

Aufgrund ihrer Schwangerschaft – und auf Empfehlung ihrer Gynäkologin hin – habe sie mit der Impfung zugewartet, sagte sie. Zudem galt sie sechs Monate als genesen und hatte dafür ein Zertifikat. Weil es nun ausgelaufen sei, wolle sie sich nun endlich impfen lassen. Das Angebot am Hauptbahnhof kommt ihr gelegen:

«Man kann einfach reinlaufen, das finde ich super.»

Ob das Impfdorf auch andere zur Impfung zu überzeugen vermag, darf angesichts bereits vorhandener niederschwelliger Angebote und weiterhin stagnierender Impfquote angezweifelt werden. Ein Tropfen auf den heissen Stein also? Gesundheitsdirektorin Rickli sagte dazu: «Jede Impfung zählt und verhindert eine Überlastung des Gesundheitswesens.»

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