Zürich
Fälle von sexuell übertragbaren Krankheiten haben zugenommen – nun reagiert die Stadt mit Gratistests für Junge

Jugendliche und junge Erwachsene sowie Besitzerinnen und Besitzer einer Kulturlegi sollen während drei Jahren von Gratistests für sexuell übertragbare Krankheiten profitieren. In der Schweiz nimmt Zürich damit eine Vorreiterrolle ein.

Sven Hoti
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Morten Keller, Direktor Städtische Gesundheitsdienste (links), Andreas Hauri, GLP-Stadtrat und Vorsteher Gesundheits- und Umweltdepartement, und Francisca Boenders, Geschäftsführerin Sexuelle Gesundheit Zürich (SeGZ), informierten an einer Medienkonferenz am Mittwoch über das Pilotprojekt.

Morten Keller, Direktor Städtische Gesundheitsdienste (links), Andreas Hauri, GLP-Stadtrat und Vorsteher Gesundheits- und Umweltdepartement, und Francisca Boenders, Geschäftsführerin Sexuelle Gesundheit Zürich (SeGZ), informierten an einer Medienkonferenz am Mittwoch über das Pilotprojekt.

Severin Bigler

Die Stadt Zürich verzeichnet eine Zunahme bei den sexuell übertragbaren Krankheiten. Beispiel Gonorrhoe: Während sich im Jahr 2014 noch 30,7 Personen von 100'000 damit infizierten, waren es 2019 schon 94,5 – ein Anstieg um über 300 Prozent. Ebenfalls angestiegen sind die Inzidenzen von Syphilis, Chlamydien und Hepatitis. Zusammen mit HIV gehören sie zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen.

Ein Grossteil dieser Infektionen findet hierzulande in Zürich statt – nicht nur, weil sie generell die schweizweit grösste Population hat, sondern auch, weil sie besonders viele junge, sexuell aktive Menschen anzieht. Als Reaktion darauf plant Zürich als erste Schweizer Stadt Gratistests anzubieten für Personen unter 25 Jahren und Besitzerinnen und Besitzer einer Kulturlegi, wie Vertreter der Stadt am Mittwoch vor den Medien bekanntgaben. Das Pilotprojekt soll zusammen mit dem Verein Sexuelle Gesundheit Zürich (SeGZ) durchgeführt werden.

Pro Person sind ein bis zwei Tests pro Jahr vorgesehen

Das Test- und Beratungsangebot soll in bereits etablierten Strukturen am Checkpoint Zürich an der Konradstrasse 1 und im Test-in der SeGZ an der Kanzleistrasse 80 durchgeführt werden. Pro Person sind ein bis zwei Tests pro Jahr vorgesehen. Die Stadt rechnet mit Kosten von 2,6 Millionen Franken für jährlich 3150 Beratungen mit Testungen und 315 Nachsorgetermine.

Das Projekt muss noch vom Gemeinderat verabschiedet werden. Es soll im Herbst 2022 starten, drei Jahre dauern und wird von einer wissenschaftlichen Studie der Universität Zürich begleitet und evaluiert.

«Für viele junge Leute sind die Hürden, Hilfe in Anspruch zu nehmen, immer noch sehr hoch»,

sagte SeGZ-Geschäftsleiterin Francisca Boender. Hinzu komme, dass manche Angst oder Schuldgefühle hätten, überhaupt darüber zu reden. Mit den individuellen kostenlosen Angeboten wollen die Verantwortlichen «adäquat» auf die jungen Menschen zugehen. Die gesamte Beratung sei anonym, Teilnehmende erhielten zur Identifikation lediglich eine Nummer zugeteilt.

Nach der Onlineanmeldung erhalten Interessierte ein sogenanntes Pre-Test-Counseling, wie Boender erklärte. Dabei wird aufgrund von Angaben wie etwa Alter, Geschlecht, Gesundheitsrisiken, Symptome oder Sexualpraktiken erörtert, welche Tests durchgeführt werden sollen. Sowohl bei einem negativen als auch einem positiven Test erfolgt dann eine Beratung, in der entweder über mögliche Behandlungen oder Präventionsmassnahmen gesprochen wird.

Erkrankungen verlaufen häufig symptomlos

Mit durchschnittlich 260 Franken pro Testung seien die Tests heute zu teuer für junge Menschen, sagte Andreas Hauri (GLP), Vorsteher Gesundheits- und Umweltdepartement der Stadt Zürich. Dadurch würden sie sich unnötig Gefahren aussetzen. Er bezeichnete die Gratistests in Verbindung mit einer individuellen Beratung daher als wichtigen Beitrag an die öffentliche Gesundheit.

Aufgrund der Vorberatung erhalten Interessierte einen passenden Test: Ein Mitarbeiter entnimmt Blut für einen HIV-Schnelltest in einer gestellten Szene im Checkpoint Zürich.

Aufgrund der Vorberatung erhalten Interessierte einen passenden Test: Ein Mitarbeiter entnimmt Blut für einen HIV-Schnelltest in einer gestellten Szene im Checkpoint Zürich.

Michael Buholzer/Keystone

Zwar hätten sich die Behandlungsmöglichkeiten für sexuell übertragbare Krankheiten verbessert, erklärte Morten Koller, Direktor der Städtischen Gesundheitsdienste. «Die Prävention hat aber nach wie vor einen hohen Stellenwert.» Hinzu komme, dass manche Behandlungen sehr kostspielig und aufwendig seien und gewisse Krankheiten häufig mit unspezifischen Symptomen bis gar symptomlos verliefen. Deshalb sei es wichtig, den Hebel an den Tests und der Beratung anzusetzen.

Postulant mehrheitlich zufrieden mit Umsetzung

Das Projekt geht zurück auf ein Postulat, das die SP-Gemeinderäte Marco Denoth und Patrick Hadi Huber Anfang 2018 eingereicht hatten. Nach dem Vorbild ausländischer Städte wie München oder Sydney hatten die beiden Postulanten Gratistests für sexuell übertragbare Krankheiten in Verbindung mit einer Beratung gefordert – und zwar für die breite Bevölkerung. Sie argumentierten, dass sich durch die Präventionsarbeit Kosten für etwaige Behandlungen einsparen liessen.

Marco Denoth, Gemeinderat SP.

Marco Denoth, Gemeinderat SP.

Keystone

Die Umsetzung entspreche zwar nicht genau seiner Vorstellung, sagte Denoth, der laut eigenen Angaben auch miteinbezogen worden war, auf Anfrage. So hätte er sich eine flächendeckende Lösung mit Einbezug weiterer Durchführungsorte und einer grösseren Bevölkerungsschicht gewünscht. Als ersten Schritt finde er aber gut, wie die Stadt das Konzept umgesetzt habe. «Es ist als Pilotversuch zu sehen. Ich freue mich auf den weiteren Verlauf und bin auch optimistisch, dass es weitergehen wird.»

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