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Zu WM-Silber unter dem Tannenbaum galoppiert

Die Wahl-Limmattalerin Sarah Leutwiler hat ihre Karriere als Amateurrennreiterin mit dem Gewinn der WM-Silbermedaille gekrönt.

Michael Schenk
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Sarah Leutwiler.

Sarah Leutwiler.

Es gibt Leute, die sagen, Sarah Leutwiler bringe sogar einen Esel zum Fliegen. «Ich habe schon ein Händchen für Pferde», räumt die 28-Jährige ein. Ein Gefühl für schnelle Vierbeiner und ein Gespür, wie sie diese «Kracher» in Rennen an ihre Grenzen bringt. Es gebe durchaus Pferde, so die in Urdorf lebende Juristin, die unter Frauen besser gingen als unter Männern. «Das heisst aber nicht, dass ich nur lieb bin. Ich kann schon auch streng sein.» Ganz ohne Peitsche gehts auch bei Sarah Leutwiler nicht.

Zum Abschluss ihrer Karriere und just auf Weihnachten hin hat sich die gebürtige Bernerin aus Heimiswil einen Traum erfüllt. «Ich wollte unbedingt noch einmal an der Amateurreiter-Weltmeisterschaft teilnehmen», so Leutwiler. Einer Serie von 22 Rennen auf der ganzen Welt, an denen den Jockeys die Pferde zugelost oder zugeteilt werden.

Auch Glück spielte eine Rolle

Insofern spielt punkto Erfolg auch das Glück eine gewisse Rolle. Aus einem «Zweipfünder» kann auch der beste Jockey der Welt keinen Ferrari formen. An 16 dieser 22 Rennen ist die Wahl-Limmattalerin gestartet, vier davon (in Frauenfeld, der Türkei, in Belgien und den USA) hat sie gewonnen. Mit einem abschliessenden zweiten Rang auf Mauritius klassierte sich die Schweizer Vertreterin auch auf dem zweiten Gesamtrang. Ein toller Abschluss einer tollen, bisweilen aber auch spektakulären Karriere. «Alles in allem war das wohl schon der Höhepunkt meiner Laufbahn», so die neue Vize-Weltmeisterin.

51 Rennen hat Sarah Leutwiler im Verlauf ihrer Karriere bei rund 400 Starts gewonnen. 2005 wurde sie Schweizer Amateurmeisterin und Zweite bei den Profis. 2006 folgte für die für den Stall von Miro Weiss in Urdorf reitende Amazone mit einem Hattrick in Fehraltorf ein weiterer Höhepunkt. Leutwiler gewann damals vor 9000 Zuschauern alle drei Flachrennen des Tages. Als sie 2007 erstmals an der Amateur-WM an den Start ging, kam der grosse Rückschlag.

Mit bis zu 60 Stundenkilometern jagen und poltern die hochgezüchteten Vollblüter während eines Rennens, tief schnaubend, über die Bahn. Da ist trotz fesselnder Ästhetik und Eleganz eine enorme Urkraft förmlich greifbar. Ein Sturz inmitten eines solchen «Vollgas-PS-Rudels» ist alles andere als empfehlenswert. Trotzdem passiert es – öfter mit jüngeren Pferden, die in harten Positionskämpfen noch weniger routiniert reagieren als ältere.

Sarah Leutwiler hatte damals, am 1. August 2007, grosses Glück. Sie brach sich das Genick. Der Bruch war indes stabil, sodass die damals 24-Jährige nach längerer Reitpause und einer dauernden Liaison mit einer Halskrause wieder völlig gesund wurde. Selbstredend, dass die WM damals zur Nullnummer verkam. «Darum wollte ich es in diesem Jahr unbedingt noch einmal wissen», so Leutwiler. Und der Einsatz hat sich ausgezahlt.

Angehende Anwältin

Diesen Sommer hat sich die zu 80 Prozent als Gerichtsschreiberin in Horgen tätige angehende Anwältin vier Monate unbezahlten Urlaub genommen. «Erst diese Auszeit, während der ich mich wieder voll dem Reiten widmen konnte, gab mir die Sicherheit zurück, die ich vor dem Unfall 2007 hatte.» WM-Silber und schöne Erinnerungen glänzen nun als Lohn für Können, Willen und Fleiss unter dem Tannenbaum.

Da nur die Superstars der Jockey-Szene in dieser auch von manischen Halbweltzockern, extravaganten Damenhüten und hypernervösen Vollblütern umrahmten Galopprennsport-Welt gut verdienen, hat sich Sarah Leutwiler früh entschieden, beruflich auf die Karte Juristin zu setzen. Sportlich will sie, die sie früher eine erfolgreiche Leichtathletin war und 2002 schon im Vorprogramm des Weltklassemeetings in Zürich über 1500 m lief, wieder vermehrt auf zwei Beinen rennen. Erfolgreich galoppieren will sie ab April in erster Linie durch die Paragrafen.