Urdorf

Zu Besuch beim Spezialisten: Krebs beim Tier bedeutet nicht einfach das Ende

Die Onkologin Katja Ruess behandelt krebskranke Tiere in der Praxis. Dass die Krebsdiagnose nicht das Ende bedeutet, ist für viele Tierhalter neu.

King sitzt ruhig auf dem Untersuchungstisch der Tierarztpraxis Limmattal in Urdorf. Sein Fell hängt am Bauch schlaff herunter. Seit Minuten hat er sich kaum bewegt und schaut immer in die gleiche Richtung. Die Hände der Tierärztin Katja Ruess gleiten in einer Mischung von Massage und Streicheln entlang des Katzenkörpers. Dabei fühlt sie, was sich unter dem roten Fell des Katers verändert hat. «Der Tumor ist nicht grösser geworden», sagt sie. Das ist eine gute Nachricht. Die Kortison-Behandlung, die sie vor einigen Wochen begonnen hat, erzielte folglich die gewünschte Wirkung. Die Nebenwirkung der Therapie ist, dass sich mehr Fett gebildet hat und der sowieso schon ruhige King noch träger geworden ist. Deshalb möchte Ruess die Kortisondosis nun senken. «Das heisst, wir müssen den Tumor noch besser im Auge behalten», sagt sie. Lymphdrüsenkrebs, die Art von Tumor, die King befallen hat, ist besonders heimtückisch. «Die Situation kann sich schnell verschlechtern», sagt Ruess. Deshalb bestellt sie King eine Woche später wieder in die Praxis, um den Verlauf im Auge zu behalten.

Manchmal bittet Ruess die Tierhalterinnen, die Tiere abzutasten und so den Verlauf zu evaluieren. «Nicht alle Katzen sind geduldig, manche machen nach einigen Besuchen beim Tierarzt nicht mehr mit», sagt Ruess. Sie selbst habe ein Händchen für Katzen und könne sie meistens schnell beruhigen, doch es komme vor, dass eine Katze kaum ruhig werde; dann bleibe ihr nichts anderes übrig, als ein Beruhigungsmittel zu verabreichen

Fast die Hälfte der Tumore können geheilt werden

Ruess schloss ihr Diplom als Fachärztin für innere Tiermedizin in den USA ab, später absolvierte sie eine Onkologie-Fachausbildung in der Schweiz. Nun arbeitet sie in der Privatklinik Marigin. Seit einigen Wochen ist sie zudem stundenweise als eine der wenigen Spezialisten in einer lokalen Tierarztpraxis tätig. Für viele Tierbesitzer ist es noch nicht vorstellbar, dass sie bei einem Krebsbefund zum Spezialisten gehen, da sie Angst vor der Therapie haben oder nicht wissen, was es für das Tier bedeutet. Da sei der Weg zum Dorftierarzt kürzer, sagt Ruess. Viele meinen, die Krebsdiagnose bedeute das Ende für das Tier. Das stimme aber nicht immer. «Wir haben heute viele Möglichkeiten, die Tiere weiter zu behandeln. Krebs ist nicht immer das Todesurteil», so Ruess. Fast die Hälfte der Tumore könnte heute, statistisch gesehen, geheilt werden, wenn frühzeitig und aggressiv eingegriffen würde. Strahlentherapie, Operationen und Chemotherapie sind Verfahren, die mittlerweile auch bei Tieren angewendet werden. Operationen und Chemotherapie sind die häufigsten Therapieformen. Ruess sieht auch in den alternativen Therapien wie beispielsweise Vitalpilz- und Misteltherapie ein Potential für krebskranke Tiere. Bei dieser Erkrankung komme es aber kaum je nur mit alternativer Therapie zum Erfolg, dafür sei Schulmedizin nötig. «Nicht immer gelingt es, das Tier zu heilen, aber fast immer kann man ihm mit Therapien noch eine gute Zeit ermöglichen», sagt Ruess. In jedem Fall ist es für Ruess wichtig, dass die Krebspatienten eine gute Lebensqualität haben.

Strahlentherapie und Gentherapie, die in der Humanmedizin auch verbreitet sind, kommen bei Tieren selten zum Zuge. Zu hoch sind die Kosten, die die Tierhalter selbst tragen, und zu gross ist die Gefahr, dass die Therapie die Lebensqualität des Tieres schmälert. «Bei der Lebensqualität ziehe ich die Grenze einer Behandlung», sagt Ruess. Leidet diese, empfiehlt sie den Tierbesitzern eher, das Tier einzuschläfern als auf Biegen und Brechen eine Therapie durchzuboxen. «Wir haben die Natur bereits seit Langem übertölpelt mit unseren Behandlungen. In der Natur wären viele Tiere schon längst tot. Mit Antibiotika heilen wir Infektionen, mit Spritzen und Pillen unterstützen wir herz-, nieren-, leberkranke Tiere, warum denn nicht auch krebskranke?», sagt sie. Unter natürlichen Umständen führt beispielsweise Lymphdrüsenkrebs schnell zum Tod, mit einer Therapie kann sie dem Tier noch einige gute Wochen bis Monate geben.

Besitzer schwanken zwischen Ablösung und Hoffnung

Haben die Besitzer die Diagnose «Krebs» erhalten, sind die meisten laut Ruess erst schockiert; dann seien sie aber auch froh, dass sie Therapieoptionen erhalten oder sich auf das Unausweichliche einstellen können. Meistens findet Ruess mit den Besitzerinnen und Besitzern einen guten Weg zwischen lebensverlängernden Massnahmen und dem Ablösungsprozess vom Tier. «Ich bin zu einem grossen Teil Psychologin und zu einem kleinen Tierärztin», sagt Ruess und schmunzelt unter der Maske.

Ruess sagt Besitzern immer, wie hoch sie die Lebenserwartung des Tieres einschätzt. Und wie hoch die Behandlungskosten sein werden, «von wenigen hundert Franken bis zu Beträgen von mehreren tausend Franken». Und welche Nebenwirkungen durch die Therapie entstehen können: «Bei der Strahlentherapie kann es beispielsweise zu kurzfristigen Verbrennungen kommen und es braucht mehrere Narkosen.» Der rothaarige Kater vor ihr wird palliativ behandelt. «King wird statistisch gesehen das neue Jahr nicht mehr erleben. Doch was wirklich passiert, weiss ich natürlich nicht», sagt sie. Bis zum nächsten Behandlungstermin in einer Woche wird sich nun vorerst zeigen, ob der Tumor trotz Reduktion der Medikamente nicht mehr weiterwächst.

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