«Das ist ein heikles Thema», sagt Adrian Sutter am Telefon, als ihn die Limmattaler Zeitung um ein Treffen für ein Interview zum Thema Zölibat bittet. Trotzdem sagt er zu. Wenige Tage zuvor hatte der Brigelser Pfarrer Marcel Köhle sein Amt aufgegeben, weil er sich verliebt hatte. Danach entbrannte eine Diskussion über den Zölibat, der katholischen Priestern verbietet, eine Liebesbeziehung zu führen. Nichts liegt näher, als mit jemanden darüber zu sprechen, der selbst zölibatär lebt. Sutter fährt zwar am Abend des Treffens nach Dänemark in die Ferien. Zuerst spricht er aber im Garten des Dietiker Pfarrhauses unter einem grossen Sonnenschirm über das Versprechen, das ihm eine intime Beziehung und Kinder versagt.

Herr Sutter, wie schwierig ist für Sie der Verzicht durch den Zölibat?

Adrian Sutter: (überlegt lange) Der Verzicht ist schon gross. Der Zölibat hat Kosten und Nutzen, wie vieles im Leben. Ob man Spitzensportler ist und deshalb nicht mit den Kollegen ein Bier trinken kann, oder ob man den Zölibat lebt und deswegen keine Familie haben kann: Jede Entscheidung schliesst etwas anderes aus. Man verzichtet auf eine Frau, eine Familie, eine gemeinsame Sexualität. Diesem Verzicht muss man etwas entgegensetzen: Einen Sinn, damit man ihn trotzdem eingeht.

Und welche Antwort haben Sie auf diese Sinnfrage gefunden?

Wenn ich eine Familie hätte, käme sie an erster Stelle in meinem Leben. Da ich keine Frau und Kinder habe, kann ich meiner Aufgabe, für Gott in seiner Kirche tätig zu sein, den ersten Platz geben. Diesen Sinn sehe ich im Zölibat.

Kommt Ihre Motivation, den Zölibat zu leben, von innen oder empfinden sie das als etwas, das ihnen einfach Rom aufs Auge drückt?

Zunächst kommt diese Auflage für jeden Priester von aussen. Die Herausforderung ist, für sich selbst einen Sinn in dieser Lebensform zu entdecken. Dann kann man sagen: Doch, ich finde das gut.

In einem früheren Interview hatten Sie gesagt, dass Sie eine Beziehung führten, als Sie sich mit 37 Jahren entschieden, Priester zu werden. Sie mussten sich trennen. Wie hart war das?

Vom Beginn der Ausbildung bis zum Zölibatsversprechen geht es sieben Jahre. Diese Zeit brauchte ich, um mich zu entscheiden. Wenn meine Liebe zu dieser Frau mich ganz erfüllt hätte, hätte ich mich wahrscheinlich anders entschieden. Liebe kann ja verschieden stark sein. Die Sehnsucht, mehr über den Glauben und Gott zu erfahren, war jedoch grösser als die Liebe zu dieser Frau, die ich noch heute sehr schätze.

Glauben Sie nicht, die Dietiker Katholiken würden Ihnen das Glück einer Liebesbeziehung gönnen und dafür auf einen Teil ihrer Beschäftigung mit dem Glauben verzichten?

Doch, das würden sie mir sicher gönnen. Aber ich weiss, dass ich so der bessere Pfarrer für Dietikon sein kann, da ich zölibatär lebe. Wenn meine Zeit, mein Herz und mein Verstand noch weitere Prioritäten hätten, könnte ich meine Berufung nicht so radikal leben. Zudem ist der Zölibat ein Zeichen, dass Gott unser Ursprung und unser letztes Ziel ist. Die endgültige Erfüllung finden wir erst in der Gemeinschaft mit ihm, so erfüllend, notwendig und gottgewollt menschliche Beziehungen auch sein mögen.

Haben Sie ihr Zölibatsversprechen je bereut?

Nein. Kein bisschen. Das heisst aber nicht, dass es immer einfach ist. Im Frühling und Sommer ist es sicher schwieriger als im Winter (lacht). Aber ich würde nicht sagen, ich hätte es bereut. Ein Ehemann, der glücklich verheiratet ist, findet auch mal eine andere Frau toll und bleibt dann trotzdem treu. Verheiratet sein bedeutet nicht, dass es keine anderen Frauen mehr gibt. Und genauso verhält es sich mit dem Zölibat: Es befreit nicht davor, menschliche Anziehung zu empfinden.

Wie oft geht Ihnen durch den Kopf: «Ich lebe zölibatär»?

Selten. Natürlich gibt es Situationen, in denen ich aufgewirbelt werde. Wenn ich merke, dass irgendwo das Interesse einer Frau zu mir wachsen könnte oder umgekehrt, dann sage ich mir: Ich habe mich entschieden, zölibatär zu leben, und möchte das auch, weil ich den Sinn dahinter sehe. Ein Lebensentscheid wird sehr anstrengend, wenn man ihn jeden Tag wieder infrage stellt. Stattdessen muss man ihn jeden Tag leben.

Glauben Sie, dass katholische Priester, die eine Liebesbeziehung führen, in grossem Ausmass Realität sind?

Auch Priester sind Menschen. Es gibt immer wieder Situationen, in denen Menschen in Versuchung kommen. Davor sind auch Priester nicht gefeit. Mit allen Menschen, die in einem Bereich versagen, sollten wir barmherzig umgehen. Das heisst nicht, dass wir einfach wegschauen sollen. Wir haben ein Ideal. Und wir sollten nicht das Ideal der Realität anpassen, sondern die Realität dem Ideal.

Ist aus Ihrer Sicht der Zölibat noch zeitgemäss?

Ich denke, das Leben als Single ist nach wie vor eine geeignete Lebensweise für einen Priester. Und ja, ich würde sagen, dieser Lifestyle ist noch zeitgemäss. Ob es die ausschliessliche Lebensform eines Priesters sein muss, darüber kann und wird offensichtlich heftig diskutiert. Falls Rom die Zugangstüren zum Priestertum öffnen will, sehe ich einen realistischen Schritt in den «Viri probati». Verheiratete, bewährte Diakone, deren Kinder erwachsen sind, könnten die Priesterweihe empfangen. Diese Diakone haben somit einen erkennbaren Altersabstand zu den unverheirateten Priesteramtskandidaten. So würde die zölibatäre Lebensform für Priester nicht einfach aus der Kirche gedrängt werden.

Ebenfalls umstritten ist, ob Frauen stärker in Ämter der katholischen Kirche eingebunden werden sollen. Die Priorin des Klosters Fahr pilgerte 2016 nach Rom, um für mehr Frauenrechte zu werben. Auch Ihre Pastoralassistentin Pia Hirsiger äusserte sich dahingehend. Wo stehen Sie in dieser Diskussion?

Pia Hirsiger ist eine Mitarbeiterin, die ich sehr schätze. Als ihr Vorgesetzter möchte ich ihre persönlichen Ansichten nicht kommentieren. Die Diskussion um die Rolle der Frau in der Kirche ist ausserdem nicht mein Kampf. Aber ich sage: Frauen können eine andere Perspektive in die Kirche einbringen als Männer. Das ist wertvoll. Die Geschlechter sind dennoch nicht einfach austauschbar. Ich fände es nicht sinnvoll, wenn das Frauenpriestertum einfach als Kopie des Männerpriestertums eingeführt werden würde. Jedoch glaube ich, dass man Frauen in der katholischen Kirche mehr Gehör schenken sollte.

Also geht es Ihnen nicht um Gleichberechtigung, sondern lediglich darum, Frauen mehr Gehör zu schenken?

Nein. Natürlich bin ich für eine Gleichberechtigung. «Als Mann und Frau schuf er sie», steht in der Bibel. Das heisst, wir sind nur zusammen, als Mann und Frau, Ebenbild Gottes. Gleichberechtigung heisst nicht gleich sein. Wenn wir alle Unterschiede beseitigen würden, wäre das eine Verarmung der Vielfalt, die Gott geschaffen hat.

Aber warum konkret sollen Frauen das Priesteramt nicht ausführen?

Ich könnte mir ein Amt vorstellen, das der Frau «gehört» und ihrem Wesen als Frau entspricht. Sie hat etwas anderes einzubringen als ich als Mann. Was das genau bedeutet, ist im Gespräch und Gebet herauszufinden.