Hündin Hera weiss bereits, dass jemand vor der Türe steht, noch bevor die Klingel ertönt. Mit lautem Bellen empfängt die hinkende Hündin Besuch im Weininger Mehrfamilienhaus. Hera hinkt, weil erst kürzlich ein Band am rechten Hinterbein riss. Sie werde bald operiert, sagt Josef Zihlmann. Die Hundedame macht es sich unter dem Tisch gemütlich und döst, während die Katzen im Hintergrund spielen. Der Besuch bei den beiden Limmattalern des Jahres 2014 zeigt schnell, dass sich im Leben von Josef und Silvia Zihlmann alles um Tiere dreht. Mit den genauen Formulierungen ist es jedoch vertrackter, als man meinen könnte. Josef Zihlmann nippt an seinem Espresso, legt diesen beinahe klanglos auf den Tassenteller zurück und sagt, dass er die Begriffe «Tierschützer» und «Tieraktivist» eigentlich nicht mag. Es seien Worte, die auch negative Assoziationen in Erinnerung rufen, ergänzt seine Frau. So würde darin auch eine Note Extremismus mitschwingen. Wie würden sie selber sich denn bezeichnen? Die Stirn des ehemaligen Bezirkstierarztes legt sich in Falten, er überlegt. Silvia Zihlmann schaut nachdenklich in die Ferne, in Richtung des Landwirtschaftsbetriebs, der unmittelbar an ihr Haus grenzt. «Vielleicht sind wir Tiervermittler, Tierlobbyisten oder Berater», so die Vorschläge, mit welchen die beiden aufwarten.

Herr und Frau Zihlmann, was hat sich für Sie verändert, seit sie Mitte Dezember zu den Limmattalern des Jahres gewählt wurden?

Josef Zihlmann: Eigentlich noch nicht viel. Unsere Organisation «Starromania» hat noch keine nennenswerten Mehreinnahmen gemacht. Auf der emotionalen Ebene sieht es anders aus. Viele Menschen haben uns zu dem Titel gratuliert, was uns natürlich sehr freut. Nun im Nachhinein sagen, alle, dass sie sich sicher waren, dass wir gewählt werden.

Macht es Sie stolz, die Kantonsratspräsidentin Brigitta Johner oder Olympiamedaillen-Gewinnerin Florence Schelling ausgestochen zu haben?

Silvia Zihlmann: Ausgestochen ist der falsche Ausdruck. Unser Anliegen scheint die Menschen einfach speziell zu berühren.

Bereits letztes Jahr gewann mit Hélène Vuille eine Frau, die sich – wie Sie beide auch – für Wohltätiges einsetzt. Was sagt dies über die Leser aus, die gewählt haben?

Silvia Zihlmann: Dass die Gesellschaft den Wert dieses Engagements honoriert, ist natürlich erfreulich.
Josef Zihlmann: Wir hatten dazu vielleicht auch den Vorteil, dass uns die Leute durch meine Tierarztpraxis quasi bereits seit 40 Jahren kennen.

Ihr Kampf für einen ethischen Umgang mit rumänischen Strassenhunden dauert bereits über 20 Jahre. Seit über einem Jahr sind sie mit «Starromania» aktiv. Sind Sie auch manchmal müde vom Kampf für die Tiere?

Silvia Zihlmann: Nickt.
Josef Zihlmann: Sicherlich. Wir haben schon Situationen erlebt, in denen wir müde waren und Rückschläge erlebt haben. Dass wir jedoch den Bettel hinschmeissen, war nie eine Option. Die Anteilnahme der Menschen motiviert uns.

Was machen Sie in diesen Momenten, in denen Sie müde sind?

Silvia Zihlmann: Wir ignorieren die Müdigkeit (lacht). Natürlich gönnen wir uns Pausen. Diese dürfen aber nicht zu lange dauern, sonst staut sich zu viel Arbeit an.

Wie muss man sich Ihren Einsatz vorstellen? Wer hat welche Funktion?

Josef Zihlmann: Sie hat eher die vermittelnde Funktion und ich bin für den fachlichen Teil zuständig. Organisatorisches und alle übrigen Aufgaben teilen wir uns.
Silvia Zihlmann: Wir besprechen sämtliche Schritte miteinander. Beide wissen über alles Bescheid, was der andere macht.

Sie sind seit 2001 verheiratet und arbeiten intensiv zusammen. Können Sie auch manchmal abschalten oder ist Tierschutz ein omnipräsentes Thema?

Josef Zihlmann: Im Moment ist es omnipräsent.
Silvia Zihlmann: Auch ohne dass wir es wollen. Gehen wir beispielsweise auswärts essen, dann geht es nicht lange und wir sprechen über «Starromania» oder Tierschutz im Generellen. Das können wir nicht abstellen.
Josef Zihlmann: Dass wir «Starromania» zu zweit tragen, macht uns zwar viel Arbeit, gibt uns aber auch eine grosse Flexibilität. Wir können machen, was wir wollen und zu welchem Zeitpunkt wir wollen, ohne die Erlaubnis eines Gremiums zu ersuchen. Das ist sehr effizient.

Wie lange planen Sie, sich in diesem Ausmass einzusetzen?

Josef Zihlmann: So wie heute, können wir nicht ewig weitermachen. Unser Ziel ist es, während des nächsten Jahres noch Vollgas zu geben und danach etwas kürzerzutreten. Dann sollte die Infrastruktur in Gheorgheni in den richtigen Bahnen sein und selbstständig funktionieren.

Ohne dass Hunde umgebracht werden müssen?

Josef Zihlmann: Es gibt Situationen, in denen Euthanasie gerechtfertigt ist.
Silvia Zihlmann: Aber das darf man heute schon fast nicht mehr in der Öffentlichkeit sagen.

In welchen Situationen ist es gerechtfertigt Hunde zu töten?

Josef Zihlmann: Bei Tieren, die unheilbar krank sind und leiden. Auch wenn sie eine Gefahr für andere Tiere darstellen, weil diese sich anstecken könnten.
Silvia Zihlmann: Die Meinungen gehen bei der Tötung von aggressiven Hunden auseinander.

Welche Position nehmen Sie hier ein?

Silvia Zihlmann: Hier in der Schweiz gibt es genug Massnahmen, die man ergreifen kann, wenn ein Hund aggressiv ist. Durch gezieltes Training können Aggressionen und deren Ursachen bekämpft werden. In Rumänien fehlen dazu meist die Zeit und die Mittel.

Was ist dann die Lösung?

Silvia Zihlmann: Am besten wäre es, die aggressiven Hunde zu kastrieren, in einem Wald im Rudel leben zu lassen und dort zu füttern. Weit weg vom Siedlungsraum.

Stellen Sie dann nicht eine Gefahr für die dort lebenden Menschen dar?

Josef Zihlmann: Nein. Die in der Freiheit lebenden Hunde haben in der Regel Angst vor Menschen. Man muss dazu auch sagen, dass aggressive Hunde nicht an Hundehalter vermittelt werden können. Sie können unberechenbar sein. Wenn man jedoch davon spricht, diese einzuschläfern, dann wird man sofort angegriffen.

Dass unheilbar kranke Hunde getötet werden dürfen, darf man – wie sie soeben sagten – fast nicht mehr öffentlich ansprechen. So heikel ist das Thema Tierschutz. Wurden auch Sie deswegen schon angefeindet?

Josef Zihlmann: Ja. Es gibt einige Tierschutz-Organisationen, die das grosse Geld machen wollen. Für diese sind wir natürlich eine Bedrohung, da wir ihnen Spendengelder streitig machen könnten. So wurde uns auch schon vorgeworfen, dass wir uns für die ungerechtfertigte Tötung mehrerer Hundert Hunden eingesetzt hätten. Dies ist natürlich komplett aus dem Kontext gerissen. Das Zentrum unserer Arbeit ist der Mensch und sein respektvoller Umgang mit Hunden.

Wie erklären Sie sich, dass Tierschutz ein derart emotionales Thema ist?

Josef Zihlmann: Weil der Umgang mit Tieren nicht einheitlich ist. Hier geht man anders mit Tieren um als in Rumänien und in Rumänien anders als in China. Ausserdem haben Tiere keine Stimme und können ihre Bedürfnisse nicht anbringen. Daher muss jemand für sie das Reden übernehmen.

«Starromania» wird nur von Ihnen beiden getragen. Wie beweisen Sie Ihren Spendern, dass Sie das Geld, das Sie erhalten, am richtigen Ort einsetzen?

Josef Zihlmann: Durch unsere Praxis zeigen wir der Bevölkerung, dass wir einen sauberen, korrekten Umgang mit den Tieren haben. Auch dokumentieren wir auf unserer Homepage und auf Facebook, was wir bereits bewirkt haben und wofür das Geld der Spender eingesetzt wurde.

Frei nach dem Motto: Tue Gutes und sprich darüber?

Josef Zihlmann: Ja. Sonst erfahren die Menschen ja nicht, dass sie mit einer Geldspende die Lebensbedingungen von rumänischen Strassenhunden verbessern können.

Die Zihlmanns werden vom gheorghenischen Bürgermeister für ihre Verdienste geehrt:

Die Zihlmanns werden vom gheorghenischen Bürgermeister für ihre Verdienste geehrt .

Rumänien ist nicht mehr dasselbe seit den Zihlmanns

Der Tod eines Kleinkindes durch einen streunenden Hund versetzte Rumänien letztes Jahr in Aufruhr. Wie sich im Nachhinein herausstellte, starb das Kind, weil es von Wachhunden zerfleischt wurde, nicht von herrenlosen, streunenden Vierbeinern. Doch es war zu spät: Als dies bekannt wurde, war die rumänische Gesetzgebung bereits geändert. So durften nun eingesammelte Strassenhunde, die nicht innert zwei Wochen von ihrem Besitzer abgeholt wurden, getötet werden – auch wenn sie noch bei bester Gesundheit waren. Nachrichten von regelrechten Gemetzeln verbreiteten sich. Das Gesetz wurde durch das Appellationsgericht Bukarest zwar sistiert. Doch laut dem Ehepaar Zihlmann hält man sich vielerorts nicht daran. Hunde werden weiterhin getötet oder verhungern in städtischen Sammelstellen. Know-how und Material fehlen Um die Tiere «würdevoll und schmerzfrei» einzuschläfern fehle den rumänischen Tierärzten einerseits das Know-how und andererseits das dazu nötige Equipment, so Josef Zihlmann. Er und seine Frau Silvia gründeten Ende September 2013 «Starromania». Die beiden sind hauptsächlich in Gheorgheni in der Region Siebenbürgen aktiv. Ihr Leistungsausweis ist eindrücklich: Seit der Gründung wurde ein Tierheim für rund 70 Hunde geschaffen, mehrere hundert Tiere konnten kastriert und gechipt werden. «Starromania» beschäftigt drei Tierärzte in Gheorgheni, die weitere Ärzte in der Region ausbilden. In vier Transporten à 25 Tonnen wurden in diesem Sommer Operationsmaterial und gespendete Gegenstände wie Hundebetten und Futter nach Rumänien gebracht. Derzeit sammeln die Zihlmanns Geld für ihre Winteraktion. Dabei werden in Heimen Doppelhundehütten platziert, damit diese darin überwintern können und vor Kälte und Schnee geschützt sind. Bisher kamen für diese Aktion rund 25 000 Franken zusammen, was für rund 250 Hundehütten reicht. Sie werden nun in Rumänien verteilt.Das erklärte Ziel der Zihlmanns: Bis Anfang 2015 sollen keine streunenden Hunde auf Gheorghenis Strassen mehr unterwegs sein. «Wir sind stolz, dass die Handhabung der Strassenhunde in unserem Einzugsgebiet das Mass der Dinge in Rumänien ist», sagt Josef Zihlmann. So ist für das Jahr 2015 ein Weiterbildungsseminar für Tierärzte aus dem ganzen Land geplant. «Dort sollen unter anderem die Grundlagen für tierfreundliche, schmerzfreie Kastrationen thematisiert werden», erklärt er. Aber auch ein gesellschaftlicher Wandel im Umgang mit Tieren sei sehr wichtig, so Silvia Zihlmann. Denn in Siebenbürgen sei es oftmals so, dass die Tiere als Nutztiere angesehen würden. Für deren Unterhalt kann bei den knappen Einkommensverhältnissen nicht viel Geld aufgebracht werden. «Dass aber auch Tiere das Anrecht auf ein würdiges Leben mit medizinischer Versorgung haben, ist noch nicht überall angekommen», so Josef Zihlmann. Daher organisieren die beiden Präsentationen, die in Schulferienlagern abgehalten werden. Dort soll für einen würdigen Umgang sensibilisiert werden, der dann zu Hause am Familientisch zur Sprache kommen soll, so Zihlmann. Den aktuellen Spendenstand wollen die Zihlmanns nicht kommentieren. Sie seien von den Zusendungen jedoch überrascht und überwältigt, sagen sie und betonen, dass sie das Geld nicht horten, sondern stetig investieren.