Limmattal
Zielsicher das Interesse getroffen: Schützengesellschaft punktet bei der Jugend

Es muss nicht immer Fussball, Unihockey oder Schwimmen sein. Dietiker Schülerinnen und Schüler haben grossen Spass daran, beim Schulsportkurs «Luftpistole» ihr Konzentrationsvermögen zu trainieren.

Gabriele Heigl
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Remo Lüscher hat aufmerksame Zuhörer. Im Schützenhaus Bergermoos in Urdorf unterrichtet der Birmensdorfer das Schulsportfach Luftpistolenschiessen.
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Der zwölfjährige Samuel aus Dietikon hatte noch nicht so viele Trainingsstunden, trifft aber schon beachtlich.
Remo Lüscher (im Hintergrund) beobachtet jeden Schüler genau und gibt individuelle Tipps.
Schützenverein Limmattal
Dietikon bieten Schulsportkurse im Luftpistolenschiessen an
Beim Luftpistolenschiessen ist Konzentration gefragt.
Ein Schütze am Nachladen

Remo Lüscher hat aufmerksame Zuhörer. Im Schützenhaus Bergermoos in Urdorf unterrichtet der Birmensdorfer das Schulsportfach Luftpistolenschiessen.

GAH

Das Ding sieht aus wie eine Pistole. Man legt Munition in den Lauf wie bei einer solchen und man schiesst auch damit. Und dennoch handelt es sich bei dem langläufigen, eleganten Teil nicht um eine Waffe, sondern um ein Sportgerät. Darauf legt der Birmensdorfer Remo Lüscher, Präsident der Pistolen-Schützen Dietikon und Jugend- und Sportleiter grossen Wert. Trotzdem steht am Anfang seiner Jugend-Schiesssportkurse immer ein ausführliches Sicherheitstraining.

Seine sonore Stimme übertönt das Ploppen der Schüsse. «Stopp! Das Schiessen einstellen. Einen Leerschuss machen. Lauf nach vorne, Verschluss öffnen», erinnert er die jungen Schützen, die an diesem Nachmittag im Urdorfer Schützenhaus Bergermoos unter Lüschers Anleitung trainieren. Die Handgriffe der 13 Kinder und Jugendlichen sitzen aber auch ohne seine Ansage. Noch bevor Lüscher zu Ende gesprochen hat, liegen die Pistolen korrekt versorgt auf der Ablagefläche. Lüscher: «Die Diabolos sind zwar klein, aber sie werden auf bis zu 120 Stundenkilometer beschleunigt.»

Mit Diabolos sind die weniger als einen halben Zentimeter grossen, wie ein Diabolo geformten Munitionskügelchen aus Blei gemeint, die jeder der jungen Schützen in einer Dose vor sich liegen hat. Samuel öffnet den Verschluss seiner Pistole und legt ein Diabolo in den Lauf. Verschluss schliessen, Körperhaltung einnehmen, mit ruhiger Hand und voller Konzentration zielen, den Druckpunkt suchen, schiessen. Beim Heranholen der Schiessscheibe sieht der zwölf Jahre alte Schüler der Dietiker Schuleinheit Fondli, dass dieser Schuss besser sass als der zuvor und freut sich: «Gut zu treffen macht wirklich grossen Spass.»

Neben ihm trainiert der 17 Jahre alte Dietiker Francesco, der bis vor kurzem im «Luberzen» zur Schule ging und derzeit eine Lehre als Laborant in Aarau macht. «Beim Schiessen muss man nicht nachdenken, man bekommt den Kopf frei, und dann gelingt es auch, konzentriert zu bleiben.» Er absolviert derzeit seinen dritten Kurs und kann sich gut vorstellen, dass er einmal einem Schützenverein beitritt.

Der Kurs kostet 30 Franken

Lüscher beantwortet geduldig alle Fragen und gibt Tipps, wie es mit dem Zielen und Treffen besser klappt. Manchmal sind es nur Standfehler, fast immer Probleme beim richtigen Anvisieren. «Konzentriert euch auf Visier und Korn und nicht auf die Zielscheibe», mahnt Lüscher. Der 58-Jährige wird nicht müde, den Jugendlichen seine Begeisterung für den Sport weiterzugeben. Vor drei Jahren wurde der Luftpistolenkurs auf Lüschers Initiative hin in die Schulsportkursliste der Dietiker Schulen aufgenommen. Dafür hat der Birmensdorfer im Nationalen Leistungszentrum für den Schiesssport in Magglingen einen speziellen Jugendsportleiter-Kurs absolviert. Alle zwei Jahre muss er in den Wiederholungskurs. Lüscher ist bereits seit vielen Jahren Jugend- und Sportleiter und hat ausser dem Kurs für das Richteramt sämtliche Schulungen im Schiessen gemacht, die es gibt.

Das Kursgeld für die Schüler beträgt 30 Franken. Die offiziell ausgeschriebenen Kurse werden über das Bundesamt für Sport abgerechnet. Die Abrechnung der Kurse macht die Stadt Dietikon über den Jugend- und Sport-Coach. Die Abteilung Schulsport Dietikon erhält die Kurs- und Bundesgelder, weil Lüscher als Jugend- und Sportleiter durch den Lehrerkonvent zum Jugendsportleiter gewählt wurde. Lüscher: «Demzufolge erhalte ich einen Stundenlohn direkt von der Stadt Dietikon. Die Finanzierung wird durch unseren Verein und mir geleistet. Ohne die Sportgeräte beläuft der Aufwand pro Jahr um die 1200 Franken.»

Schiessen ist gut zur Beruhigung

Die Idee erwies sich Volltreffer. «11 bis 15 Schülerinnen und Schüler melden sich jeweils für die Kurse an. Mehr könnte ich gar nicht annehmen», so Lüscher. «Die meisten wollen einfach mal einen anderen Sportkurs als die üblichen belegen.» Manchmal muss Lüscher zunächst falschen Erwartungen entgegenwirken. Das Schiessen stehe eigentlich nicht im Vordergrund, vielmehr geht es um Mentales.

900...

...bis 1000 Franken kosten die mechanischen Luftpistolen, die den Jungschützen vom Verein zur Verfügung gestellt werden. Das elektronische
Wettkampfmodell, mit dem die Thurgauerin Heidi Diethelm Gerber bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 die Bronzemedaille in der Disziplin «Sportpistole 25 Meter» gewonnen hat, kostet mindestens das Dreifache: knapp 3000 Franken.

Zu Beginn der Trainingsstunde gilt es erst einmal, die aufgedrehten Teenager «runter» zu bekommen, vorher ist an sinnvolles Schiessen nicht zu denken. Manche der jungen Schnupperschützen trifft er später im Verein wieder, im Sommer auch auf der Schiessanlage Reppischtal in Dietikon. Das ist natürlich die schönste Bestätigung für ihn. Die Mädchen und Jungs mögen ihren Instruktor und das nicht nur, weil er Gummibärchen und Salzstangen als Stärkung zwischen den Schussfolgen für alle parat hat. «Er kann gut erklären und weist einen auf die Fehler hin, die man macht», sagt der quirlige Naftali (14). Sein Freund Netanel (15) neben ihm ist die Ruhe selbst. Sie geniessen – wie die meisten – den Wettbewerb. Wer ist heute treffsicherer? Wer schiesst die beste Serie? «Schön für die Mädchen ist es, dass sie in dieser Sportart gleichauf mit den Jungs liegen können», sagt Lüscher.

Sie weibeln für ihren Sport

Vincent Maag, Jungschützenleiter des FSVO Oberengstringen, Katrin Niggli, Präsidentin der Sportschützen Limmattal-Schlieren und Thomas Danner, Präsident der Pistolensektion Unterengstringen

Vincent Maag, Jungschützenleiter des FSVO Oberengstringen, Katrin Niggli, Präsidentin der Sportschützen Limmattal-Schlieren und Thomas Danner, Präsident der Pistolensektion Unterengstringen

zvg

Die Schützenvereine im Limmattal würden sich mehr Zuspruch vom Nachwuchs wünschen. Dabei kann ihr Sport mit einigen Pluspunkten aufwarten.

Laut dem Schweizer Schiesssportverband (SSV) haben im Jahr 2015 6400 Jungschützen schweizweit einen Kurs absolviert, 2016 waren es dagegen 9700. Die Schützengesellschaften hätten wieder genügend Nachwuchs, schrieb die «Sonntagszeitung» deshalb Anfang Januar und nannte den Zulauf sogar einen «Boom». Der wundersame Anstieg beruhte allerdings wohl vor allem auf einer Senkung des Mindestalters für die Schiessausbildung von 17 auf 15 Jahre. Jugendliche unter 17 Jahren machten 2016 einen Drittel der Neuanmeldungen aus. Es handelt sich also um einen Anstieg, den man nicht allein auf ein gesteigertes Interesse der Jugend am Schiesssport zurückführen kann.

Kurve zeigt nach unten

Das bestätigt auch eine Nachfrage bei den Schützenvereinen im Limmattal. Vincent Maag, Jungschützenleiter des Feldschützenvereins Oberengstringen (FSVO), ist überrascht von der Boom-Meldung.

In den letzten paar Jahren habe er mit fünf bis acht immer in etwa die gleiche Anzahl Jungschützen gehabt, und die meisten von ihnen seien nicht neu zum Verein gestossen, sondern hätten bereits den Jugendkurs absolviert. Maag: «Überhäuft mit Neuanmeldungen wurden wir nicht gerade.» Der Schub sei eindeutig durch die zwei zusätzlichen Jahrgänge verursacht. «Aber wenn die Teilnehmerkurve vorher nach unten gezeigt hat, dann wird sie dies auch jetzt leider immer noch tun.» Aber Maag glaubt an seinen Sport: «In unserem Verein steht im Vordergrund die Freundschaft, der Spass am Kurs. Konkurrenz bei den Resultaten, auswärtige Schiessanlässe und Vereinsaktivitäten im Allgemeinen.»

Kein Sport zum Austoben

Im Verein von Katrin Niggli, Präsidentin der Sportschützen Limmattal-Schlieren, wird mit Kleinkalibergewehren auf die Distanz von 50 Metern geschossen. Auch sie wünscht sich mehr Interesse von Jugendlichen. Derzeit kann der Verein mangels Interessenten keine Jungschützenkurse anbieten. Und auch die jungen Leute, die mal dabei waren, bleiben oft nicht. «Das Interesse der jungen Schützen lässt nach anfänglicher Begeisterung bald wieder nach.» Niggli kann sich auch vorstellen warum: «Beim Schiesssport handelt es sich – im Gegensatz etwa zu Fussball oder Eishockey – nicht um eine Sportart, bei der man sich körperlich austoben kann. Vielleicht ist bewegungsbegeisterten Jugendlichen unser Sport einfach zu ruhig.» Wer erfolgreich schiessen wolle, brauche Disziplin, Konzentration und eine gute Kondition. «Mir persönlich hat das in meinem Leben viel gebracht.»

Verpflichtungen nehmen zu

Auch Thomas Danner, Präsident der Pistolensektion Unterengstringen, beobachtet in seinem Verein eine rückläufige Entwicklung bei den Jungschützen. Oft verwiesen die jungen Leute auf zunehmende schulische wie ausserschulische Verpflichtungen. «Als Vater von zwei schulpflichtigen Kindern kann ich die vielfältigen Zusatzprogramme der jungen Leute bestätigen.» Daher werde die Pistolensektion Unterengstringen in diesem Jahr keinen Jungschützenkurs anbieten, was aber auch mit dem Abgang eines Ausbilders zu tun hat. Ein Jungschützenkurs sei ja nur der Anfang, danach brauche es eine Person, welche über Jahre die Jungschützen auch als Vertrauensperson begleitet und weiterbringt, so Danner.

Dennoch werden dieses Jahr vermehrt Aktivitäten gestartet, um das Interesse der jungen Leute zu wecken und Angebote lancieren, die in den immer dichter gedrängten Kalender der Jungschützen passen. So hofft der Verein, dass das Interesse wieder ansteigen wird, beziehungsweise die jungen Schützen beim Sport bleiben.

Danner freut sich auf jeden Fall, dass es bei der Pistolensektion über alle Altersgruppen hinweg eine signifikante Steigerung der Mitgliederzahlen im Jahr 2016 gibt. «Das Gute an diesem Sport ist, dass das Einstiegsalter keine so grosse Rolle spielt», sagt er. Wer den Einstieg in der Jugend verpasst hat, kann jederzeit später noch einsteigen.

«Man kann kurz vom Alltag abschalten»

Elisabeth Veit hat im letzten Jahr beim Knabenschiessen sehr erfolgreich teilgenommen. Das hat sie motiviert, weiterzumachen: Im März beginnt sie einen Jungschützenkurs in Weiningen

Mit 29 Punkten landete die 14 Jahre alte Geroldswilerin letztes Jahr im Ausstich des Knabenschiessens auf dem dritten Rang, und das mit relativ wenig Übung. Elisabeth besucht an der Kantonsschule Limmat in Urdorf die 3. Klasse, begeistert sich für Naturwissenschaften und möchte einmal Ärztin werden.

Du hast sicher vor dem Knabenschiessen viel geübt.
Elisabeth Veit: Nein, gar nicht. Ich habe nur am Probeschiessen teilgenommen, das die Schützengesellschaft Zürich für die Teilnehmer des Knabenschiessens organisiert hat.

Wie bist du denn auf die Idee gekommen, mitzumachen?
Eigentlich wollte ich mit meiner Kollegin Sharon, die in Schlieren wohnt, schon im Vorjahr mitmachen, da waren wir aber zu spät dran. Im letzten Jahr hat es dann geklappt.

Was hat dich am Schiessen gereizt?
Ich habe immer Spass daran, neue Sachen auszuprobieren.

Warst du sehr aufgeregt?
Nein, gar nicht. Auf jeden Fall nicht so sehr wie diejenigen, die schon mehrmals geschossen haben. Die waren sicher mehr unter Druck, gut zu treffen. Bei mir war vielleicht auch etwas Glück dabei.

Ob deine Zielsicherheit nur Glück oder nicht doch auch Talent war, wirst du bald feststellen.
Ja, ich habe mich gerade in Weiningen für den Jungschützenkurs angemeldet. Er startet im März und ich bin schon sehr gespannt. Noch habe ich zwar keine Erfahrung, aber ich glaube, der Atem ist sehr wichtig. Und man muss sicher viel üben. Gut finde ich auch, dass das Schiessen in der Schweiz leicht ausgeübt werden kann. Mein Kurs ist gratis.

Warum willst du diesen Sport erlernen?
Mir gefällt, dass man beim Schiessen für den einen kurzen Moment alles vergessen kann und sich nur auf die Zielscheibe konzentrieren muss. Man kann kurz vom Alltag abschalten. Deswegen spiele ich auch Geige und zeichne. Wichtig beim Schiessen ist natürlich auch, dass es mir Spass macht.

Was halten deine Lehrer vondeinem neuen Hobby?
Manche Erwachsene reagieren sehr skeptisch, wenn es ums Schiessen und um Waffen geht, ähnlich wie bei Videospielen. Aber das Schiessen hat mit Ballerspielen überhaupt nichts zu tun. Es ist eine Sache, bei der man sich entspannen muss. Man muss mit dem ganzen Körper still sein und sich konzentrieren.

Und was sagen deine Freunde?
Sie sagen: «Was, ernsthaft?» Aber ich sage: ‹Das ist ein Hobby wie jedes andere auch.›

Elisabeth Veit beim letztjährigen Knabenschiessen mit dem verwendeten Sturmgewehr, mit dem sie so zielsicher getroffen hat.

Elisabeth Veit beim letztjährigen Knabenschiessen mit dem verwendeten Sturmgewehr, mit dem sie so zielsicher getroffen hat.

Ly Vuong