Limmattal

Zielsicher das Interesse getroffen: Schützengesellschaft punktet bei der Jugend

Es muss nicht immer Fussball, Unihockey oder Schwimmen sein. Dietiker Schülerinnen und Schüler haben grossen Spass daran, beim Schulsportkurs «Luftpistole» ihr Konzentrationsvermögen zu trainieren.

Das Ding sieht aus wie eine Pistole. Man legt Munition in den Lauf wie bei einer solchen und man schiesst auch damit. Und dennoch handelt es sich bei dem langläufigen, eleganten Teil nicht um eine Waffe, sondern um ein Sportgerät. Darauf legt der Birmensdorfer Remo Lüscher, Präsident der Pistolen-Schützen Dietikon und Jugend- und Sportleiter grossen Wert. Trotzdem steht am Anfang seiner Jugend-Schiesssportkurse immer ein ausführliches Sicherheitstraining.

Seine sonore Stimme übertönt das Ploppen der Schüsse. «Stopp! Das Schiessen einstellen. Einen Leerschuss machen. Lauf nach vorne, Verschluss öffnen», erinnert er die jungen Schützen, die an diesem Nachmittag im Urdorfer Schützenhaus Bergermoos unter Lüschers Anleitung trainieren. Die Handgriffe der 13 Kinder und Jugendlichen sitzen aber auch ohne seine Ansage. Noch bevor Lüscher zu Ende gesprochen hat, liegen die Pistolen korrekt versorgt auf der Ablagefläche. Lüscher: «Die Diabolos sind zwar klein, aber sie werden auf bis zu 120 Stundenkilometer beschleunigt.»

Mit Diabolos sind die weniger als einen halben Zentimeter grossen, wie ein Diabolo geformten Munitionskügelchen aus Blei gemeint, die jeder der jungen Schützen in einer Dose vor sich liegen hat. Samuel öffnet den Verschluss seiner Pistole und legt ein Diabolo in den Lauf. Verschluss schliessen, Körperhaltung einnehmen, mit ruhiger Hand und voller Konzentration zielen, den Druckpunkt suchen, schiessen. Beim Heranholen der Schiessscheibe sieht der zwölf Jahre alte Schüler der Dietiker Schuleinheit Fondli, dass dieser Schuss besser sass als der zuvor und freut sich: «Gut zu treffen macht wirklich grossen Spass.» 

Erst erklärt Remo Lüscher, wie man den Arm stabil hält, dann kann es losgehen – mit höchster Konzentration.

Erst erklärt Remo Lüscher, wie man den Arm stabil hält, dann kann es losgehen – mit höchster Konzentration.

Neben ihm trainiert der 17 Jahre alte Dietiker Francesco, der bis vor kurzem im «Luberzen» zur Schule ging und derzeit eine Lehre als Laborant in Aarau macht. «Beim Schiessen muss man nicht nachdenken, man bekommt den Kopf frei, und dann gelingt es auch, konzentriert zu bleiben.» Er absolviert derzeit seinen dritten Kurs und kann sich gut vorstellen, dass er einmal einem Schützenverein beitritt.

Der Kurs kostet 30 Franken

Lüscher beantwortet geduldig alle Fragen und gibt Tipps, wie es mit dem Zielen und Treffen besser klappt. Manchmal sind es nur Standfehler, fast immer Probleme beim richtigen Anvisieren. «Konzentriert euch auf Visier und Korn und nicht auf die Zielscheibe», mahnt Lüscher. Der 58-Jährige wird nicht müde, den Jugendlichen seine Begeisterung für den Sport weiterzugeben. Vor drei Jahren wurde der Luftpistolenkurs auf Lüschers Initiative hin in die Schulsportkursliste der Dietiker Schulen aufgenommen. Dafür hat der Birmensdorfer im Nationalen Leistungszentrum für den Schiesssport in Magglingen einen speziellen Jugendsportleiter-Kurs absolviert. Alle zwei Jahre muss er in den Wiederholungskurs. Lüscher ist bereits seit vielen Jahren Jugend- und Sportleiter und hat ausser dem Kurs für das Richteramt sämtliche Schulungen im Schiessen gemacht, die es gibt.

Das Kursgeld für die Schüler beträgt 30 Franken. Die offiziell ausgeschriebenen Kurse werden über das Bundesamt für Sport abgerechnet. Die Abrechnung der Kurse macht die Stadt Dietikon über den Jugend- und Sport-Coach. Die Abteilung Schulsport Dietikon erhält die Kurs- und Bundesgelder, weil Lüscher als Jugend- und Sportleiter durch den Lehrerkonvent zum Jugendsportleiter gewählt wurde. Lüscher: «Demzufolge erhalte ich einen Stundenlohn direkt von der Stadt Dietikon. Die Finanzierung wird durch unseren Verein und mir geleistet. Ohne die Sportgeräte beläuft der Aufwand pro Jahr um die 1200 Franken.»

Schiessen ist gut zur Beruhigung

Die Idee erwies sich Volltreffer. «11 bis 15 Schülerinnen und Schüler melden sich jeweils für die Kurse an. Mehr könnte ich gar nicht annehmen», so Lüscher. «Die meisten wollen einfach mal einen anderen Sportkurs als die üblichen belegen.» Manchmal muss Lüscher zunächst falschen Erwartungen entgegenwirken. Das Schiessen stehe eigentlich nicht im Vordergrund, vielmehr geht es um Mentales.

Zu Beginn der Trainingsstunde gilt es erst einmal, die aufgedrehten Teenager «runter» zu bekommen, vorher ist an sinnvolles Schiessen nicht zu denken. Manche der jungen Schnupperschützen trifft er später im Verein wieder, im Sommer auch auf der Schiessanlage Reppischtal in Dietikon. Das ist natürlich die schönste Bestätigung für ihn. Die Mädchen und Jungs mögen ihren Instruktor und das nicht nur, weil er Gummibärchen und Salzstangen als Stärkung zwischen den Schussfolgen für alle parat hat. «Er kann gut erklären und weist einen auf die Fehler hin, die man macht», sagt der quirlige Naftali (14). Sein Freund Netanel (15) neben ihm ist die Ruhe selbst. Sie geniessen – wie die meisten – den Wettbewerb. Wer ist heute treffsicherer? Wer schiesst die beste Serie? «Schön für die Mädchen ist es, dass sie in dieser Sportart gleichauf mit den Jungs liegen können», sagt Lüscher.

Sie weibeln für ihren Sport

Vincent Maag, Jungschützenleiter des FSVO Oberengstringen, Katrin Niggli, Präsidentin der Sportschützen Limmattal-Schlieren und Thomas Danner, Präsident der Pistolensektion Unterengstringen

Vincent Maag, Jungschützenleiter des FSVO Oberengstringen, Katrin Niggli, Präsidentin der Sportschützen Limmattal-Schlieren und Thomas Danner, Präsident der Pistolensektion Unterengstringen

Die Schützenvereine im Limmattal würden sich mehr Zuspruch vom Nachwuchs wünschen. Dabei kann ihr Sport mit einigen Pluspunkten aufwarten.

Laut dem Schweizer Schiesssportverband (SSV) haben im Jahr 2015 6400 Jungschützen schweizweit einen Kurs absolviert, 2016 waren es dagegen 9700. Die Schützengesellschaften hätten wieder genügend Nachwuchs, schrieb die «Sonntagszeitung» deshalb Anfang Januar und nannte den Zulauf sogar einen «Boom». Der wundersame Anstieg beruhte allerdings wohl vor allem auf einer Senkung des Mindestalters für die Schiessausbildung von 17 auf 15 Jahre. Jugendliche unter 17 Jahren machten 2016 einen Drittel der Neuanmeldungen aus. Es handelt sich also um einen Anstieg, den man nicht allein auf ein gesteigertes Interesse der Jugend am Schiesssport zurückführen kann.

Kurve zeigt nach unten

Das bestätigt auch eine Nachfrage bei den Schützenvereinen im Limmattal. Vincent Maag, Jungschützenleiter des Feldschützenvereins Oberengstringen (FSVO), ist überrascht von der Boom-Meldung.

In den letzten paar Jahren habe er mit fünf bis acht immer in etwa die gleiche Anzahl Jungschützen gehabt, und die meisten von ihnen seien nicht neu zum Verein gestossen, sondern hätten bereits den Jugendkurs absolviert. Maag: «Überhäuft mit Neuanmeldungen wurden wir nicht gerade.» Der Schub sei eindeutig durch die zwei zusätzlichen Jahrgänge verursacht. «Aber wenn die Teilnehmerkurve vorher nach unten gezeigt hat, dann wird sie dies auch jetzt leider immer noch tun.» Aber Maag glaubt an seinen Sport: «In unserem Verein steht im Vordergrund die Freundschaft, der Spass am Kurs. Konkurrenz bei den Resultaten, auswärtige Schiessanlässe und Vereinsaktivitäten im Allgemeinen.»

Kein Sport zum Austoben

Im Verein von Katrin Niggli, Präsidentin der Sportschützen Limmattal-Schlieren, wird mit Kleinkalibergewehren auf die Distanz von 50 Metern geschossen. Auch sie wünscht sich mehr Interesse von Jugendlichen. Derzeit kann der Verein mangels Interessenten keine Jungschützenkurse anbieten. Und auch die jungen Leute, die mal dabei waren, bleiben oft nicht. «Das Interesse der jungen Schützen lässt nach anfänglicher Begeisterung bald wieder nach.» Niggli kann sich auch vorstellen warum: «Beim Schiesssport handelt es sich – im Gegensatz etwa zu Fussball oder Eishockey – nicht um eine Sportart, bei der man sich körperlich austoben kann. Vielleicht ist bewegungsbegeisterten Jugendlichen unser Sport einfach zu ruhig.» Wer erfolgreich schiessen wolle, brauche Disziplin, Konzentration und eine gute Kondition. «Mir persönlich hat das in meinem Leben viel gebracht.»

Verpflichtungen nehmen zu

Auch Thomas Danner, Präsident der Pistolensektion Unterengstringen, beobachtet in seinem Verein eine rückläufige Entwicklung bei den Jungschützen. Oft verwiesen die jungen Leute auf zunehmende schulische wie ausserschulische Verpflichtungen. «Als Vater von zwei schulpflichtigen Kindern kann ich die vielfältigen Zusatzprogramme der jungen Leute bestätigen.» Daher werde die Pistolensektion Unterengstringen in diesem Jahr keinen Jungschützenkurs anbieten, was aber auch mit dem Abgang eines Ausbilders zu tun hat. Ein Jungschützenkurs sei ja nur der Anfang, danach brauche es eine Person, welche über Jahre die Jungschützen auch als Vertrauensperson begleitet und weiterbringt, so Danner.

Dennoch werden dieses Jahr vermehrt Aktivitäten gestartet, um das Interesse der jungen Leute zu wecken und Angebote lancieren, die in den immer dichter gedrängten Kalender der Jungschützen passen. So hofft der Verein, dass das Interesse wieder ansteigen wird, beziehungsweise die jungen Schützen beim Sport bleiben.

Danner freut sich auf jeden Fall, dass es bei der Pistolensektion über alle Altersgruppen hinweg eine signifikante Steigerung der Mitgliederzahlen im Jahr 2016 gibt. «Das Gute an diesem Sport ist, dass das Einstiegsalter keine so grosse Rolle spielt», sagt er. Wer den Einstieg in der Jugend verpasst hat, kann jederzeit später noch einsteigen.

Elisabeth Veit beim letztjährigen Knabenschiessen mit dem verwendeten Sturmgewehr, mit dem sie so zielsicher getroffen hat.

Elisabeth Veit beim letztjährigen Knabenschiessen mit dem verwendeten Sturmgewehr, mit dem sie so zielsicher getroffen hat.

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