Urdorf
Zeitreise mit dem Frauentreff: «Diese Hosen erst – so unverschämt»

Mit dem Frauentreff auf dem Zürcher Stadtrundgang «Kino, Küsse, Knieverrenkungen». Es ist eine Zeitreise von 1900 bis in die Siebzigerjahre, als Freizeit und Vergnügen für die Frauen noch keine Selbstverständlichkeit waren.

Katja Landolt
Merken
Drucken
Teilen
Früher und Heute: Ein Stadtrundgang in Urdorf
9 Bilder
Die Halbstarken toupierten ihre Haare nach amerikanischem Vorbild
Nur in solchen Gewändern durften die Frauen ins Wasser
Die Blick-Schlagzeile von 1960
Make-up für junge Frauen war in den Fünfzigerjahren absolut verpönt
Ein kleines Tänzchen zur Auflockerung vor dem Metropol
Ein Bild des Warenhauses Jelmoli um 1900
Britta Crameri mit einer Aufnahme der Frauenbadi
Zwischenhalt am Limmatquai gegenüber der Frauenbadi

Früher und Heute: Ein Stadtrundgang in Urdorf

Katja Landolt

«Haben Sie den ‹Blick› schon gelesen?» Die Dame blättert energisch durch die Zeitung. Der «Ring» soll ein richtiges Nest sein, von diesen Halbstarken, ereifert sich die Dame und hält ihrer Bekannten die Aufnahmen der tanzenden Jugendlichen hin.

«Diese Haare, so toupiert, und diese Hosen erst; Jeans, unverschämt!», geifert ihr Gegenüber. In diesem Aufzug auf der Strasse herum zu lümmel und erst noch mit Schminke im Gesicht, da sind sich die Damen einig: Das gehört sich einfach nicht.

Es ist das Jahr 1960. Die Zürcher Halbstarkenszene blüht auf. Die Jungen hören Rock 'n' Roll und tragen Jeans, Elvis, James Dean und Marlon Brando sind die Vorbilder der Stunde. Die jungen Frauen tragen Jeans und Make-up, toupieren sich die Haare zu wilden Vogelnestern. Für die konservativ eingestellte Schweizer Bevölkerung ist das völlig verwerflich. Der Fall ist klar: Ein nachlässiges Erscheinungsbild zeugt von einem schlampigen Charakter.

House-Musik statt Rock 'n' Roll

Mehr als 50 Jahre später vor dem «Schwarzen Ring» an der Kruggasse im Zürcher Oberdorf: Der «Ring», Ende der Fünfzigerjahre Stammlokal der aufmüpfigen Halbstarkenszene, ist heute das «Eleven Hair + Bar + Design». Durch die schräg gestellten Fenster dröhnt kein schmachtender Elvis mehr, sondern fizzelt federleichte House-Musik. «Also, ich habe mir die Haare auch so toupiert», sagt Eliane Gutknecht, als Historikerin Isidora Palma eine Aufnahme junger Halbstarker in die Runde zeigt.

Die Runde - das sind die beiden Historikerinnen Isidora Palma und Britta Crameri vom Verein Frauenstadtrundgang Zürich und drei Damen vom Urdorfer Frauentreff: Eliane Gutknecht, Nicole Raisle und Dorothee Bruppacher. Mehr Urdorferinnen haben sich zur Stadtführung «Kino, Küsse, Knieverrenkungen» nicht aufraffen mögen. «Schade», meint Raisle, «aber dafür geniessen wir drei die Führung umso mehr.»

Die Führung geht vom Opernhaus übers Bellevue, durchs Oberdorf zum Limmatquai und zuletzt über die Limmat zum Stadthausquai - von den Warenhäusern zum Nord-Süd-Kino und zur Frauenbadi bis hin zum ehemaligen Tanzpalast Metropol. Es ist eine Zeitreise von 1900 bis in die Siebzigerjahre, als Freizeit und Vergnügen für die Frauen noch keine Selbstverständlichkeit waren.

Frauen hatten nach der klassischen, bürgerlichen Rollenverteilung zu Hause zu bleiben und sich um Haushalt und Familie zu kümmern. «Die Frauen gingen nicht zur Arbeit und hatten deshalb der geltenden Meinung nach auch keine Freizeit nötig», sagt Crameri und die Urdorfer Frauen schnauben verächtlich. Es ist nicht das letzte Mal, dass sie für die damaligen Verhaltenskodexe und Normen nur ein Kopfschütteln übrig haben.

Schminke - Kunstdünger

Palma und Crameri zeigen Bilder von hochanständigen Damen um 1900, die mit steifen Rücken und neckischen Hüten durch die ersten Warenhäuser flanieren und sich vom uniformierten Liftboy durch die Etagen fahren lassen. Shopping - damals die einzige Möglichkeit für Frauen, alleine die Wohnung zu verlassen, ohne liederlich zu wirken.

Oder Bilder von aufgestylten Mädchen in den Fünfzigerjahren, mit blutroten Lippen - in einer Zeit, als Benimmbücher für Teenager ein grosses Comeback erlebten und Schminke als «neuster amerikanischer Kunstdünger zur Förderung des Erwachsenenseins» beschrieben wurde, geschminkte Mädchen als «billige Ware» galten. Moralvorstellungen, die nur gerade 60 Jahre zurückliegen. «Aber grundlegend verändert hat sich die Welt nicht», stellt Bruppacher nach der Führung gest. «Damals wie heute wollen sich die Jungen exponieren». Irgendwie wiederhole sich die Geschichte immer.