Kommentar

Zeit, das System zu überdenken

Bettina Hamilton-Irvine
Das Bezirksgericht in Dietikon.

Das Bezirksgericht in Dietikon.

Das hätte niemand erwartet: Nicht nur wurde die als Aussenseiterin ins Rennen gestiegene Fabienne Moser-Frei am Sonntag komfortabel als neue Dietiker Bezirksrichterin gewählt. Sie distanzierte ihren Mitbewerber Tobias Walthert überdeutlich und wurde von jeder der elf Gemeinden des Bezirks bevorzugt.

Das ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Erstens war Walthert der offizielle Kandidat, den die Interparteiliche Konferenz (IPK) des Bezirks vorgeschlagen hatte und der von allen grösseren Parteien von SP bis SVP unterstützt wurde. Zweitens ist er in der GLP, die gemäss Parteiproporz eigentlich Anspruch auf den freien Sitz am Bezirksgericht hätte. Drittens brachte Walthert auch mehrere Jahre Gerichts- und Richtererfahrung mit, während Moser-Frei, die als Rechtsanwältin in der Privatwirtschaft gearbeitet und kaum Gerichtserfahrung hat, eine Quereinsteigerin ist.

Dass die parteilose Moser-Frei trotzdem mehr als doppelt so viele Stimmberechtigte als Walthert für sich gewinnen konnte, ist eindrücklich und dürfte einerseits mit ihrer Herkunft zu tun haben. Moser-Frei ist eine Ur-Limmattalerin, im Limmattal geboren, wohnhaft und verwurzelt – das kommt in der Region gut an. Andererseits konnte sie aber wohl auch damit punkten, dass sie erfrischend anders ist als der übliche Kandidat für eine solche Stelle: Sie ist in keiner Partei, ist kein Mann und hat nicht den klassischen Werdegang.

Es ist nicht das erste Mal, dass parteilose Kandidaten die offiziellen Parteikandidaten bei Richterwahlen weit hinter sich lassen: Am Sonntag geschah dies auch noch in Affoltern. Und im Mai holte der Parteilose im Kampf um den frei werdenden Sitz des Gerichtspräsidenten am Bezirksgericht Baden überraschend deutlich mehr Stimmen als der offizielle Kandidat der SVP. Der IPK muss das zu Denken geben. Ob das System, bei dem Parteien Kandidaten für Richter stellen, noch zeitgemäss ist, sollte zumindest infrage gestellt werden.

Autorin

Bettina Hamilton-Irvine

Bettina Hamilton-Irvine

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