Interview

Yvonne Eisenring veröffentlicht ein neues Buch: «Wir müssen mehr über den Tod reden»

Schreibt auf eine verständliche Weise über die grossen Fragen des Lebens: Yvonne Eisenring.

Die Dietikerin Yvonne Eisenring verarbeitete den Verlust ihres Vaters mit Fragen. Durch das Niederschreiben dieser Gedanken entstand das Buch «Eine Frage der Zeit», welches nun erschienen ist.

Wer war Rolf Eisenring?

Der Ledigname meines Vaters war eigentlich Rolf Kunz. Bis im Jahr 1988 hiess das Ehegesetz in etwa: Wenn ein Paar verheiratet war, entschied der Mann, wo das Paar wohnen würde und ob die Frau arbeiten dürfte. Meine Eltern waren sehr modern und gleichberechtigt und blieben sehr lange unverheiratet. Deshalb bekamen ich und meine Schwester den Nachnamen unserer Mutter.

Ein Jahr vor dem Tod meines Vaters, als ich 13 war, haben sie doch geheiratet. Er hiess dann Rolf Kunz Eisenring. Und wie er war? Mein Vater war 50 Prozent der Zeit Lehrer und zu 50 Prozent Hausmann. Er hatte eine ruhige und gelassene Ausstrahlung. Er wusste alles, das glaubte ich jedenfalls. Am Abend las er uns jeweils Bücher vor und erzählte uns Geschichten. Er hat mir das Kochen und Velofahren beigebracht. Kurz: Er war ein grossartiger Vater.

Wie war Ihre Beziehung?

Er war eine nahe Bezugsperson für mich, auch weil er so viel Zeit zu Hause verbrachte. Was ich am Montag, Dienstag oder Mittwoch erlebte, erzählte ich meiner Mutter. Donnerstag und Freitag waren meine Papa-Tage. Wir hatten eine enge Beziehung, aber gerieten auch oft aneinander, da unsere Persönlichkeiten sehr unterschiedlich sind. Ich bin viel temperamentvoller und lauter, als er es war.

Ihr zweites Buch «Eine Frage der Zeit» dreht sich um den Tod Ihres Vaters. Wie kam es dazu?

Nicole Kim, eine gute Freundin von mir und die Illustratorin dieses Buches, sass einst mit mir am Tisch, wir unterhielten uns über den Umgang mit dem Tod. Wenn man jemanden verliert, bleiben viele Fragen unbeantwortet. Ich erzählte ihr dann von diesem kleinen Buch mit Lederband, in das ich seit dem Tod meines Vaters alle meine Fragen aufschrieb. Fast zur gleichen Zeit habe ich zudem einen Vortrag vor hundert Leuten über den Tod gehalten. Ich erzählte von meinen Erfahrungen und sagte, dass wir einen natürlicheren Umgang mit dem Thema bekommen müssen.

Danach kamen viele Personen auf mich zu oder schrieben mir E-Mails. Diese grosse Resonanz hat mich bestärkt in dem Gedanken, dieses Buch zu veröffentlichen. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mehr über den Tod und das Trauern reden müssen – auch um die Angst und Zurückhaltung in Bezug darauf zu verlieren.

Für wen ist das Buch gedacht?

Ich habe es bereits einigen Leuten gezeigt und die fanden, es sei ein schönes Weihnachtsgeschenk, weil es ein paar wichtige Fragen beinhalte. Gedacht ist es für alle, die gerne über die Welt, das Leben und unsere Gesellschaft nachdenken. Auch für diejenigen, die vielleicht schon jemanden verloren haben. Aber «Eine Frage der Zeit» ist kein trauriges, schweres Buch.

Was war der Gedanke hinter den Bleistiftzeichnungen der Illustratorin Nicole Kim und dem luftigen Layout des Buches?

Die Illustrationen von Nicole sehen absichtlich so aus, als wären sie ins Buch gezeichnet worden. Da ich selber sehr unleserlich schreibe, konnten wir mein Handgeschriebenes nicht abdrucken. Aber wir wollten das Nahe und Kindliche auffangen. Als ich das Buch zu schreiben anfing, war ich ja noch sehr jung. Dieses Älterwerden wird mit den Zeichnungen verdeutlicht.

Auch sind es die persönlichen Antworten oder Gedanken auf die Fragen der Illustratorin. Das luftige Layout haben wir so gewählt, damit die Leserinnen und Leser ihre eigenen Fragen oder Antworten auf den Seiten notieren können. Für mich wäre das Schönste, wenn sich jemand wegen dieses Buches mit seinem Vater wieder mal hinsetzt und ein Gespräch führt.

Sie haben im Jahr 2014 ein Essay geschrieben, das dem Buch ähnelt. War das die Initialzündung?

Ich habe zu keinem Text in meinem Leben so viele Rückmeldungen erhalten wie zu diesem. Und dieser Text, der in der Zeitschrift «Annabelle» abgedruckt wurde, wurde mit einem Essay-Preis ausgezeichnet. Ich wurde gar von ausländischen Magazinen und Verlagen angefragt, ob ich nicht etwas Gleichartiges schreiben könnte. Das Essay handelte von der Zeit und davon, dass sie das Kostbarste ist, das wir besitzen und dass es deshalb so wichtig ist, mit was und mit wem wir unsere Zeit verbringen.

Die vielen Rückmeldungen auf diesen Text, das Gespräch mit Nicole, der Vortrag über den Tod, all das hat mich bestärkt, nun dieses Buch zu verfassen. Denn wir haben leider wirklich nur begrenzt Zeit. Aber das vergessen wir gerne.

Wenn man in einem jungen Alter so brutal darauf aufmerksam wird, dass Zeit ein wertvolles und knappes Gut ist, beeinflusst das auch den Lebensstil. Der Tod meines Vaters hat mich geprägt. Aber ich möchte nicht, dass jemand die gleiche Erfahrung wie ich durchleben muss, um zu realisieren, dass die Zeit schnell vergeht und deshalb schreibe ich so viel darüber.

Wie soll der Tod enttabuisiert werden?

Indem man darüber redet. Ich wünsche mir, dass wir uns mehr mit Themen wie Tod und Verlust auseinandersetzen. Wenn wir ihn nicht einfach totschweigen, wird unser Umgang automatisch natürlicher. Wir vergessen manchmal, wie kostbar unsere Zeit ist. Alle haben 24 Stunden, aber in unserer Gesellschaft wird uns nur gesagt, dass man seine Zeit mit Geld füllen soll. «Verdiene möglichst viel Geld», heisst es, aber es wird einem nie gesagt, dass wir Menschen auch wertvoll sind, dass diese soziale Zeit auch geschätzt werden soll.

Wie gross ist der zeitliche Abstand zwischen den Einträgen? Im Buch gibt es praktisch keine Daten.

Die erste Frage schrieb ich ein Jahr nach seinem Tod, ich war fast 15 Jahre alt. Die Letzte schrieb ich vor einem halben Jahr. 17 Jahre sind vergangen.

Als Sie das Buch redigierten, mussten Sie Stellen zensieren?

Ja und nein, im Buch ist nur eine Auswahl an Fragen. Dies nicht, weil mir der Rest zu intim war, aber ich konnte nicht alle Fragen abdrucken lassen, weil sie sich irgendwann mal wiederholten. 700 Seiten nur mit meinen Gedanken wären für den Leser nicht so spannend. (lacht)

Schreiben Sie weiterhin Fragen an Ihren Vater auf?

Ja, aber seltener als früher. Die Häufigkeit der Einträge nahm mit der Zeit ab. Mit dem Tod meines Vaters werde ich mich nie versöhnen können. Es ist einfach nicht in Ordnung, wenn einem in so jungem Alter der Vater weggenommen wird. Aber ich habe mich mit der Tatsache versöhnt, dass ich es nicht verstehe. Ich werde niemals aufwachen und denken, «ah, jetzt habe ich alle Antworten, jetzt ist alles in Ordnung». Aber ich finde es heute okay, dass ich oft keine Antworten habe.

Wenn Sie ihm eine Frage stellen könnten: Welche?

Das kann ich nicht beantworten. Ich hätte zu viele Fragen an ihn.

Als Journalistin wagen Sie oft Selbstversuche. Das war auch bei Ihrem ersten Buch «Ein Jahr für die Liebe: 1 Jahr, 12 Länder, 50 Dates» der Fall. «Eine Frage der Zeit» benötigte nun eine innere Einkehr. Wie haben Sie das erlebt?

Das letzte Buch war ganz anders, ich wusste von Anfang an, dass es veröffentlicht werden würde. Bei «Eine Frage der Zeit» habe ich während all den Jahren des Schreibens nicht gedacht, dass es publiziert werden würde. Ich konnte dank diesem Protokoll meine Schmerzen und Freuden der damaligen Zeit wiedererleben. Das fand ich sehr schön.

In Kommentarspalten wird die Kritik der Selbstdarstellung laut. Wie gehen Sie damit um?

(Zögert) Diese Kritik habe ich noch nie gehört oder gelesen. Wenn man meine Arbeit anschaut, findet man weniger Ich-Texte als Porträts, Interviews und Reportagen. Wenn sich die persönliche Sicht anbietet, finde ich es sinnvoll, diese einzusetzen.

Sie haben mal gesagt, dass Zürich Ihre Heimatstadt sei. Und was ist mit Dietikon?

Dietikon ist mein Heimatort! Und ich bin da aufgewachsen. Ich ging in Dietikon zur Schule und danach ins Langzeitgymnasium an der Kantonsschule Limmattal. Sechs Jahr lang fuhr ich jeden Tag von Dietikon nach Urdorf mit dem Velo. Unsere Mutter wohnt noch in Dietikon, ich kenne immer noch einige Leute in der Stadt und es gibt zahlreiche Orte, zu denen ich eine Verbindung habe.

Was hätte Rolf Kunz Eisenring zu Ihrem Buch gesagt?

Puh, schwierig, Ich glaube, er fände einige Fragen sehr spannend. Bei anderen würde es ihm vielleicht leidtun, dass ich so gelitten habe. Es war ja irgendwie seine Schuld, aber natürlich konnte er nichts dafür. Er wollte immer für uns da sein, hat ja deshalb auch extra nur Teilzeit gearbeitet, und dass er das nicht bis ins Erwachsenenleben konnte, fände er schade.

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