Urdorf
«Wollte zum Nachdenken über Glauben anregen»

Gestern Abend wurde Susanne Brütsch (18) für ihre Maturaarbeit «Reformiertes Bekenntnis» ausgezeichnet. Sie will, dass wer Mitglied der reformierten Kirche ist, dies auch zeigen soll. «Nicht mit Worten, sondern mit Taten.»

Katja Landolt
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Susanne Brütsch vor der alten Kirche der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Urdorf.Katja Landolt

Susanne Brütsch vor der alten Kirche der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Urdorf.Katja Landolt

Katja Landolt

Susanne Brütsch hat gestern Abend für ihre Maturaarbeit «Reformiertes Bekennen – eine Studie in der Reformierten Kirchgemeinde Urdorf» den Zürcher Theologiepreis erhalten. Doch damit nicht genug: Auch die Theologische Fakultät Fribourg wird sie im November ehren. «Ein schönes Zeichen», sagt Brütsch dazu und schiebt die Hände in die Taschen ihres Kapuzenpullis. «Aber ich bin nicht der Mensch, der mit stolzgeschwellter Brust herumläuft.»

Das sagt der Professor über Susanne Brütschs Arbeit

Über die für den Zürcher Theologiepreis eingereichten Arbeiten wurden Fachgutachten eines Lehrstuhlinhabers oder Oberassistenten eingeholt. In seinem Gutachten über Susanne Brütschs Arbeit betont Thomas Schlag, Professor für Praktische Theologie und Vorsitzender der Leitung des Zentrums für Kirchenentwicklung, den spannenden und erhellenden Ansatz der konkreten Mitwirkung in der kirchgemeindlichen Praxis. Die Arbeit besitze im Vergleich zu einer anderen eingereichten Arbeit über Jugendliche und Kirche eine bemerkenswerte Tiefenschärfe. Ihre differenzierenden Beobachtungen und Schlussfolgerungen werden als eindrücklich bezeichnet, es handele sich um eine unbedingt preiswürdige Leistung. Wie die Theologische Fakultät mitteilt, ist Susanne Brütsch mit 64 von 70 Punkten die eindeutige Gewinnerin. «Die Arbeit erreichte zudem in den beiden Schwerpunkt-Kriterien Inhalt und Methodik die Maximalpunktzahl.» (ksc)

Susanne Brütsch ist mit dem Glauben aufgewachsen. Beide Elternteile arbeiten als Pfarrer, ihre Mutter Anne-Kathrin Willi in Urdorf selbst. Trotzdem glaubt Brütsch nicht, weil sie es vorgelebt bekommen hat. «Ich habe mich ganz bewusst für den Glauben entschieden», sagt sie. Mit 13 Jahren hat sie auch angefangen, während des Gottesdienstes als Sonntagsschullehrerin zu arbeiten. «Ich habe selbst als Kind erlebt, wie schön und bereichernd es ist, diese Geschichten erzählt zu bekommen.» Ihr sei es deshalb wichtig, diese Erfahrung an andere Kinder weiterzugeben – auch wenn sie manchmal an ihre Grenzen gestossen sei. «Ich habe in diesen fünf Jahren viel gelernt, auch über mich selbst. Diese Aufgabe hat mich sehr geprägt.»

«Wurde zu wichtigem Begleiter»

Die vage Idee für ihre Maturaarbeit hat Susanne Brütsch lang mit sich herumgetragen. Die erste Erfahrung mit einem Glaubensbekenntnis machte sie nach dem plötzlichen Tod eines Klassenkameraden; bei der Beerdigung trug die Klasse das Apostolische Glaubensbekenntnis auf Deutsch und Lateinisch vor. Zwei Jahre später, bei ihrer eigenen Konfirmation, formulierte Susanne Brütsch ihr eigenes, ganz persönliches Bekenntnis. «Es wurde für mich zu einem wichtigen Begleiter.» Gleichzeitig tauchte die Frage auf, ob ein Glaubensbekenntnis wirklich nötig ist, um seinen Glauben auszudrücken. Als auch die reformierte Landeskirche der Schweiz 2009 das Projekt «Reformiertes Bekenntnis» lancierte, war das Thema für Brütsch gesetzt.

Brauchen die Reformierten ein Glaubensbekenntnis und wie sollte dieses aufgebaut und formuliert sein? Und worin unterscheiden sich die Ausdrucksweisen des Glaubens bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, wenn es denn überhaupt Unterschiede gibt? Diesen Fragen ging Susanne Brütsch in ihrer Arbeit auf den Grund. In einem historischen Abriss fokussierte sie sich auf die Notwendigkeit und die Geschichte des Glaubensbekenntnisses. Im zweiten Teil erarbeitete sie mit den drei Altersgruppen eigene Bekenntnisse. Das Fazit: «Die Reformierten sind offen für ein Bekenntnis, aber sie wollen frei sein in der Formulierung und keines diktiert bekommen.»

Die Religionslehrerin an der Kanti Limmattal, die dem Projekt erst noch skeptisch gegenübergestanden hatte, benotete die Arbeit mit einer glatten Sechs, und der Professor der Theologischen Fakultät der Uni Zürich, der die eingereichte Arbeit bewertet hat, lobt sie in den höchsten Tönen (siehe Box oben). Aber eben, Susanne Brütsch ist das Lob nicht ganz geheuer. Was sie aber freut, ist, dass sich so viele Leute mit ihrer Arbeit beschäftigt haben. «Ich wollte die Leute zum Nachdenken über ihren Glauben anregen», sagt sie. Durch die Aufmerksamkeit der Auszeichnung habe das Ganze eine grössere Dimension erhalten.

«Nicht mit Taten, sondern Worten»

Und wie sieht es für sie persönlich mit dem Glaubensbekenntnis aus? Für sie sei es nicht zwingend, vielmehr ein Hilfsmittel, sagt Susanne Brütsch. Und doch ist es für sie wichtig, dass man sich zum Glauben bekennt. «In der reformierten Kirche merkt man nicht, wer glaubt. Das kann nicht Sinn der Sache sein», sagt sie. Wer Mitglied der reformierten Kirche sei, solle dies auch zeigen. «Nicht mit Worten, sondern mit Taten.» Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Treue und Ehrlichkeit. Wie ist es denn, als junger Mensch so offen zu seinem Glauben zu stehen? «Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht.» Dumme Sprüche von Gleichaltrigen hätte es gegeben, aber da stehe sie darüber.

Sie selbst liest in der Bibel, geht aber nicht regelmässig in die Kirche. «Ich beziehe Gott in mein Leben mit ein, aber ich bete nicht im stillen Kämmerlein.» Vielmehr spreche sie mit ihm wie mit einem Freund und reflektiere ihr Tun – «was mache ich gut, was nicht so.» Ist das nicht anstrengend, sich selbst, sein Handeln ständig zu hinterfragen? Susanne Brütsch schüttelt den Kopf. «Ich bin nicht perfekt. Aber ich bin gern mit mir im Reinen.»