Urdorf

Wohltätige Coiffeusen: Die Barber Angels greifen gratis zur Schere

Frisuren machen Leute. In Urdorf verpassen professionelle Coiffeusen Menschen, die an der Armutsgrenze leben, einen neuen Haarschnitt.

In Urdorf wurde gestern der Mehrzweckraum beim Schulareal Embri kurzerhand in einen Friseursalon verwandelt. Auf den Tischen lagen Scheren, Föhne, Wasserflaschen und weitere Utensilien bereit, die benötigt werden, um Menschen eine neue Frisur zu verpassen. Rundherum richteten die Barber Angels ihre Plätze ein.

Unter diesem Namen leisten professionelle Friseurinnen, die jeweils in ihren unverkennbaren Lederoutfits unterwegs sind, seit rund einem Jahr ganz besondere Einsätze in der ganzen Schweiz: Menschen, die an der Armutsgrenze leben und sich deshalb kaum einen Friseurbesuch leisten können, schneiden sie kostenlos und auf freiwilliger Basis die Haare.

Der Klub der Barber Angels Brotherhood wurde 2016 in Deutschland gegründet. Claus Niedermaier hat die Organisation einst ins Leben gerufen. «Wir sind mittlerweile über 300 aktive Mitglieder, die regelmässig in verschiedenen Ländern Einsätze leisten», sagt Vizepräsidentin der Schweizer Niederlassung Melanie Scherer. So gab es schon unzählige Engagements in Mallorca, den Niederlanden und eben seit rund einem Jahr auch in der Schweiz.

«Aufgetischt statt weggeworfen» ermöglicht den Anlass

«Vieles läuft über die sozialen Medien und über das persönliche Netzwerk», so Scherer weiter. «Wir müssen auch immer geeignete Orte finden, damit wir einen Einsatz durchführen können.» In der Schweiz liessen sich bereits neun engagierte Angels finden. «Es stossen aber erfreulicherweise immer mehr dazu», sagt sie.

Zum ersten Einsatz im Limmattal kam es durch einen Zufall: «Melanie Scherer und ich haben eine gemeinsame Bekannte, die uns einander vorstellte. Ich war vom Projekt begeistert. So haben wir die Organisation bereits im Sommer ins Rollen gebracht», erzählt die Urdorfer Kantonsrätin Sonja Gehrig (GLP).

Sie ist die Präsidentin des Vereins «Aufgetischt statt weggeworfen» und hat den Anlass ermöglicht: Seit nunmehr vier Jahren verteilt der Verein nicht mehr verkaufbare Lebensmittel an Menschen mit geringem Einkommen. Auch die Barber Angels arbeiten für den guten Zweck. «Es ist eine Freude, dass es geklappt hat und der Mehrzweckraum temporär zu einem Coiffeursalon werden konnte», sagt sie.

Die Rapunzel-Haarpracht wird zum frechen Long Bob

«Es ist tipptop, absolut spitze», freut sich der dreifache Familienvater Walter Wehrli aus Bellikon über seinen neuen Haarschnitt. Seine gesamte Familie war an diesem Tag die erste, die vom Angebot profitierte und so nahmen gleich alle zur selben Zeit Platz.

Sein Sohn erhielt coole Zick-Zack-Streifen in seinen Kurzhaarschnitt und auch seine Tochter liess sich auf ein neues Aussehen ein. Gestern noch als kleine Rapunzel mit sehr langen blonden Haaren unterwegs, schlug sie nach rund einer halben Stunde mit einem neuen frechen Long Bob vor der Tür vergnügt das Rad.

«Es wäre natürlich auch in Ordnung gewesen, wenn sie ihre langen Haare hätte behalten wollen. Aber das Angebot ist wirklich toll. Wir können uns schlicht keinen Friseur leisten, je nachdem wie viele Kinder man hat, wird das zu teuer», sagt Wehrli.

Für ihn selbst war es nach fünf Jahren das erste Mal, dass er wieder einen Friseur aufsuchte. Und so erhielt er neben dem Haarschnitt auch noch eine kurze Kopfmassage, so wie es sich für einen Friseurbesuch eben gehört.

«Es ist nicht mein Beruf, sondern meine Berufung»

Auch aus Dietikon engagiert sich eine Coiffeuse mit dem Pseudonym Angel Curlysue. Bei den Barber Angels sei die Verwendung eines Spitznamens üblich erklärt sie und sagt dann zu ihrem Engagement: «Coiffeuse ist nicht mein Beruf, sondern meine Berufung.»

Sie fände es sehr schön, dass sie auch von ihrer Chefin volle Unterstützung erhalten habe, als sie ihr von ihrem Vorhaben erzählt habe. «Für mich war es ein Volltreffer, ich habe schon länger nach einer Möglichkeit gesucht, wohltätig zu sein, und dass ich dies nun mit meinem Beruf kombinieren kann, ist wunderbar.»

Seit rund einem Jahr leistet sie regelmässig Einsätze in der ganzen Schweiz. «Als ich im letzten August angefangen habe, war ich fast jedes zweite Wochenende unterwegs.» So habe sie auch Geschichten mitbekommen, die sie sehr berührten.

Besonders rührend sei es, wenn sich die Nutzer des Angebots freuen, dass man wieder da ist, und einen herzlich begrüssen. «Es ist am Schluss einfach immer schön», lautet ihr Fazit.

Grosse Dankbarkeit war bei den Personen spürbar, die das Angebot gestern nutzten. Bereits nach diesem ersten Anlass steht fest, dass es wieder einen solchen Anlass im kommenden Februar geben wird.

Autor

Cynthia Mira

Cynthia Mira

Meistgesehen

Artboard 1