Dietikon

Wo sich einst die «Zuckermuus» und die feissesten Ratten begegneten

Die Kirchstrasse ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich das frühere Bauerndorf Dietikon in einem rasanten Wandel zur Stadt entwickelte.

Sie gehört zu den ältesten Strassen von Dietikon: die Kirchstrasse. Nur wenige Meter vom Bahnhof entfernt, geniesst sie in der Erinnerung als «Söigass» noch immer eine gewisse Bekanntheit in der Stadt. Gemeinsam mit dem Kronenplatz bildete sie einst das Dietiker Stadtzentrum, sagt Sven
Wahrenberger, Mitarbeiter des Ortsmuseum Dietikon. Als «Söigass» wurde sie nicht etwa wegen der Metzgerei Graf, die für viele Jahre das Strassenbild prägte, bezeichnet, sondern wegen der historischen Tatsache, dass über diesen Weg früher Hunderte Schweine in Richtung Spreitenbach geführt wurden. Die Tiere fanden dort auf der Weide, einst Nunnengarten genannt, Futter. Erst 1860 erhielt die «Söigass»
im Rahmen der Anlegung des Flurprotokolls den heutigen Namen Kirchstrasse. Gleich um die Ecke und direkt an der Reppisch gelegen, befand sich bis ins 20. Jahrhundert hinein ein Schlachthof. Das Haus steht vor dem Studio Dietikon, in das sich der Stadtentwicklungsdialog einquartiert hat. Auch die Geschichte dieses Gebäudes, das heute noch einen tief gelegenen Eingang aufweist, reicht weit zurück. 1794 wurde es als Gemeindewaschhaus erbaut. An diesen Schlachthof, der vor noch nicht so langer Zeit zuging, und an zwei weitere Metzgereien, Wiesmann und Sigwart, die sich unmittelbar an der Reppisch befanden, kann sich Elisabeth Hedinger-Tinner erinnern. Sie ist in Dietikon aufgewachsen und führte gemeinsam mit ihrem Mann bis vor wenigen Jahren das Velogeschäft Heodie am Kronenplatz. «Die grössten Fische in der Reppisch und die feistesten Ratten gab es hier an der Kirchstrasse, weil von den Metzgereien Blut und Reste in die Reppisch flossen», erzählt sie. Die Kirchstrasse sei ihr Schulweg gewesen und habe damals noch ganz anders ausgesehen.

Flammen in alten Bauernhäusern brachten den Wandel

Das Gebiet musste wegen den Nagetieren hin und wieder ausgeräuchert werden, erklärt Wahrenberger die Zustände von damals. Auch ein Offenverkauf von Fleischprodukten beim Schlachthof sei keine Seltenheit gewesen, weiss er aus Erzählungen. An was er sich hingegen selbst auch noch erinnern kann, sei der Laden «Chäs und Brot». Ein kleiner Käseladen, den der 28-Jährige selbst noch aufsuchte, weil er erst 2002 zuging. «Als Junge ging ich dort bei Frau Anliker einkaufen.»
Der grösste Wandel habe sich in der Kirchstrasse aber mit den Umgestaltungsplänen der Stadt in den 1980er-Jahren vollzogen. Davon zeugen die Bilder im Ortsmuseum, die in Kartonschachteln aufbewahrt sind und die Wahrenberger digitalisiert. «Damals wurden die restlichen Bauernhäuser, die es noch gab, abgerissen», sagt er. Manche Bauruinen seien gar für Feuerwehrübungen genutzt worden. Eindrückliche Fotos zeigen, wie Flammen aus den geschichtsträchtigen Gebäuden schiessen. Auch die Merkurstrasse, die heute quer zur Kirchstrasse verläuft, wurde in den 1980er-Jahren gebaut, erklärt Wahrenberger. Wer zur jüngeren Generation gehört, für den kann es schwierig sein, sich vorzustellen, wie geradezu romantisch diese Strasse einst aussah. Denn wie sieht die Situation heute aus? Die einzige Konstante im Leben ist bekanntlich die Veränderung und so ist doch sehr wenig von dieser Vergangenheit übrig.
Neben dem Optikergeschäft Graf zeugen nur noch wenige Bauten von früheren Zeiten. Etwa die Schreinerei von Walter Urech, die aber seit rund einem Jahr nicht mehr betrieben wird. Genauso fand Ende 2019 ein Ausräumungstag im ehemaligen Laden «Milchhüsli» statt, in dem sich in den letzten Jahren das Antiquariatsgeschäft der Urechs befand. Neue Wohnblöcke schossen aus dem Boden. So geschehen auf dem ehemaligen Kiesplatz an der Strassenecke, der jahrelang als Parkplatz diente. Vis-à-vis quartierte sich ein Barbershop ein. Besonders an den Wochenenden herrscht hier Hochbetrieb. Und erst 2015 wurde die langjährige Tätigkeit des Goldschmieds Schottdorf durch jene der neuen Mieterin, die ein Nagelstudio führt, abgelöst. Vom Restaurant Bären beim Bahnhof, das man von hier einst sah, ist heute nichts mehr zu sehen, weil neue Gebäude die Sicht verdecken. Aus der damaligen Strasse, die als Sinnbild für das einstige Bauerndorf angesehen werden kann, ist eine Nebenstrasse geworden, die eine Mischung aus Wohnungen und kleinen Geschäften beherbergt. Einzig der Brunnen in der Mitte der Strasse aus dem Jahr 1898 plätschert wie früher vor sich hin.

Kinder kletterten in der Kirchstrasse auf Kirschbäume

Die Strasse zeige auch auf, wie schnell sich Dietikon verändert habe, erzählt Urs Graf, der seit 1983 dort sein Optikergeschäft führt. Es ist die Liegenschaft, in der sein Vater bereits die Metzgerei Graf führte und eines der wenigen Häuser, das auf älteren Bildern schon abgebildet ist. «Heute entwickelt sich alles viel schneller, man wird von den Veränderungen überrannt.» Dietikon sei durch die gewachsene Anzahl der Einwohner und die Grösse anonymer geworden. «Wenn ich früher durch diese Strasse lief, bis zum Zentrum und wieder zurück, hatte ich gut eine Stunde, weil ich immer wieder jemanden kannte und mich kurz austauschte», sagt Graf. Dasselbe galt bei Besuchen im «Bären» oder in der «Sommerau». «Heute kann ich durch die Strasse laufen, ohne auch nur einer Person zu begegnen, die ich kenne», sagt Graf. Auch Gewohnheiten, von denen die Kirchstrasse früher gelebt habe, seien anders geworden. Man habe eine Verbindung zu den Läden gepflegt. Heute werde oft spontan entschieden, wo eingekauft werde. Sein Glück seien die Stammkunden. Jene, die bereits als Kind ihre Brille bei ihm kauften und heute mit ihren Kindern vorbeikommen. Die Mentalität, «Ich gehe hier meine Brille holen,
an dem Ort, wo ich früher Fleisch einkaufte», gehe verloren. Es sei einfach eine Generation, die anders darüber denke. Er selbst sehe den Abriss der «Weinstube» als Anfang der Veränderungen in der Strasse. Diesem Spunten habe man «Mostrose» gesagt und er befand sich vis-à-vis von seinem Geschäft. Dort seien Dietiker Stadtoriginale wie der «Waldvogel», die «Zuckermuus», oder der «Berggeist» und wie sie alle hiessen, eingekehrt. Was eher unschön war, waren die nächtlichen Rasereien und das Littering, das sich später vor dem Restaurant Treff abspielte. Es sei häufiger ein Grund für Polizeiaufgebote gewesen. «Es war unschön, auch für unser Geschäft», erzählt Graf. Seit aber das Studio für Physiotherapie vom oberen Stockwerk unten einzog, sei es ruhiger geworden. Als er aufwuchs, sei die Strasse ein lebendigerer Ort gewesen, an dem es zu kaufen gab, was man an Grundbedarf benötigte. Neben den Metzgereien hatte es einen Lebensmittelladen und den Käseladen. «Es gab viele Kinder und es war für uns schön, auf die Kirschbäume im Hinterhof zu klettern.» 

Autor

Cynthia Mira

Cynthia Mira

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