«Der Schreibstil hat mir gar nicht gefallen. Aber das Thema, das ist spannend und brandaktuell», sagt Elisabeth Schmid. Die anderen Frauen am Tisch nicken. «Was für ein Glück wir haben, dass wir in normale Familien geboren wurden», sagt Graziella Schwank. Die Rede ist vom Buch «Wie das Feuer zwischen uns» der US-amerikanischen Autorin Britanny C. Cherry. Es handelt von einer dramatischen Liebesgeschichte, in der Sucht und Drogen eine wichtige Rolle einnehmen.

An diesem Mittwochmorgen ist der obere Stock der Bibliothek Geroldswil gut besucht. An vier runden Tischen sitzen 20 Frauen und diskutieren angeregt miteinander. Das monatlich stattfindende «Café Littéraire» feiert dieses Jahr sein 40-jähriges Bestehen. 1979, knapp zwei Jahre nach der Eröffnung der Geroldswiler Bibliothek, fand der Anlass am 10. Januar zum ersten Mal statt. Das Konzept ist über die Jahre dasselbe geblieben. Einleitend stellt eine Gesprächsleiterin das Leben und das Werk einer Autorin oder eines Autors vor. Danach tauschen sich die Anwesenden über das Buch aus, das sie im Vorfeld gelesen haben.

Über 1000 Bücher

«Mit dem Anlass wollten wir die Bibliothek zu einer Begegnungsstätte machen», sagt Elisabeth Schmid. Die bald 90-Jährige ist eine der Initiantinnen des «Café Littéraire». Von der Eröffnung der Bibliothek 1977 bis zu ihrer Pensionierung arbeitete sie als Bibliothekarin. «Ich habe damals gehört, dass es in Dübendorf ein solches Angebot gibt und vorgeschlagen, es auch in Geroldswil einzuführen», sagt Schmid. Die belesene Seniorin verpasst keine Buchbesprechung und besitzt zu Hause mehr als 1000 Werke. «Es gibt unzählige gute Bücher. Am liebsten sind mir aber die alten Russen. Leo Tolstois ‹Anna Karenina› ist hervorragend.»

Doch auch die Lyrik hat es Schmid angetan. Gedichte von Joseph von Eichendorff lese sie oft, aber auch Modernes möge sie. Für Schmid ist klar: «Literatur fördert das menschliche Verständnis für Probleme.» Ein Leben ohne Bücher und Literatur kann sie sich nicht vorstellen. «Das ist ein Teil von mir.»

Geroldswiler Bücherfreundinnen: Elisabeth Schmid, Sylvia Conrad, Ursula Bernhard, Eva Maria Böhni und Graziella Schwank (von links).

Dass das «Café Littéraire» in Geroldswil auch nach 40 Jahren noch Anklang findet, darüber freut sich Schmid. Denn: «In vielen anderen Gemeinden wurde das Angebot wieder eingestellt.»

Auch Mitbegründerin Graziella Schwank hat Freude, dass der Anlass schon so lange Tradition hat. Sie war wie Schmid langjährige Bibliothekarin in Geroldswil. «Ich habe genau 49 Bücher vorgestellt», erinnert sie sich die 85-Jährige. Zu Beginn habe sie grosse Hemmungen gehabt, vor andere zu stehen und zu referieren. «Ich habe immer auf meinen Zettel und auf den Boden geschaut, weil ich mich so geniert habe.»

Mit den Jahren nahm das Lampenfieber aber ab. «Das ‹Café Littéraire› hat uns Gesprächsleiterinnen sozusagen bei der Emanzipation unterstützt und uns geholfen aus der Frauen- und Mutterrolle von damals auszubrechen», ist sich Schwank sicher. Ihr Selbstbewusstsein und ihre Argumentationsfähigkeit sei dadurch gestärkt worden. «Ich habe gelernt, mich durchzusetzen. Das hat mein Mann dann öfters zu spüren bekommen», sagt Schwank und lacht.

Verändert hat sich in den 40 Jahren vor allem die besprochene Literatur und die Beschaffung der Informationen. «Früher konnten wie bei Verlagen anfragen, wenn wir Angaben zu den Schriftstellern brauchten. Heute geht das übers Internet», sagt Ursula Bernhard. Auch sie gehört zu den Frauen der ersten Stunde.

Aufwendige Recherche

Derzeit sind acht Frauen, darunter aktuelle und ehemalige Bibliothekarinnen, für die Buchbesprechungen zuständig. So etwa Susi Leuenberger, die an diesem Morgen den Fokus auf das Thema Sucht setzte. «Die Recherche ist aufwendig, doch ich mache es sehr gerne. Die Bücher halten einen im Bann und nach jedem Vortrag nimmt man etwas mit», sagt sie.

Der Anlass ist aber nicht nur etwas für Mitbegründerinnen und langjährige Teilnehmerinnen, — Männer sind übrigens auch willkommen — sondern auch für Neueinsteiger. Das zeigt das Beispiel von Ursula Plattner. Sie besucht das «Café Littéraire» erst zum zweiten Mal. «Früher bin ich mit meinen Kindern in der Bibliothek ein und aus gegangen. Wegen meiner Arbeit fehlte mir aber die Zeit, um am Anlass teilzunehmen.»

Doch da die Kinder nun erwachsen seien und sie ihr Pensum reduziert habe, sei es möglich. «Ich hoffe, dass ich durch das ‹Café Littéraire› den Zugang zu Büchern finde, die sonst nicht zu meiner Lektüre zählen.»

Das nächste «Café Littéraire» in der Bibliothek Geroldswil findet am 8. Mai statt.