Obdachlos im Limmattal
Wo schlafen, wenn der Frühling kommt?

Das Ende der kalten Jahreszeit löst längst nicht alle Probleme der Obdachlosen. In der Stadt Zürich kommen sie das ganz Jahr in Notschlafstellen unter. Anders sieht die Situation im Limmattal aus. Die Gemeinden helfen aner – wenn sie können.

Sophie Rüesch
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In Notschlafstellen können auch Obdachlose, die langfristige Wohnlösungen scheuen, unterkommen. Sie stehen aber nicht allen offen.

In Notschlafstellen können auch Obdachlose, die langfristige Wohnlösungen scheuen, unterkommen. Sie stehen aber nicht allen offen.

KEYSTONE

Wenn die Tage länger werden, die Temperaturen wieder etwas steigen und die Natur zu erblühen beginnt: Diesen Umstand, den man auch einfach Frühling nennen kann, nehmen die meisten Menschen mit Handkuss; es sei denn, sie haben Heuschnupfen.

Etwas komplizierter ist die Angelegenheit für Obdachlose. Zwar mag man auf den ersten Blick meinen, mit steigenden Temperaturen hätten sich für sie die ärgsten Probleme gelöst. Zumindest die Gefahr, draussen zu erfrieren, sollte damit gebannt sein. Doch die Temperaturen sind längst nicht die einzigen Gefahren, denen Obdachlose begegnen. «In einem Gebäude ist man immer sicherer als auf der Strasse», sagt die Leiterin der Stadtzürcher Notschlafstelle, Eveline Schnepf. Denn auf der Gasse muss man nicht nur damit rechnen, von der Polizei oder der SIP (Sicherheit Intervention Prävention) aufgegriffen zu werden; dort ist auch das Risiko grösser, dass einem das wenige Hab und Gut, das man hat, gestohlen wird.

So kommen mit dem Frühling für manche Obdachlose auch neue Probleme. Wo etwa finden sie jetzt ein Dach über dem Kopf, wenn eigens für den Winter geschaffene, niederschwellige Angebote wie der «Pfuusbus» der Sozialwerke Pfarrer Sieber (SWS) oder die Notschlafstelle «Open Heart» der Heilsarmee wegfallen? Beide privaten Institutionen schlossen diese Woche ihre Türen, bis der nächste Winter kommt. Zwar suche man jeweils noch während der «Pfuusbus»-Saison Anschlusslösungen für die Besucher, erklärt SWS-Sprecher Walter von Arburg – was häufig auch gelinge.

Doch für einen Teil von ihnen bedeute das Saisonende tatsächlich, zurück auf die Gasse zu gehen. Dies habe jedoch wenig mit einem Mangel an Unterkunftsangeboten zu tun. Denn ein Auffangnetz gebe es das ganze Jahr über. Meist, so seine Erfahrung, seien es psychische Probleme, die Menschen davon abhalten, eine geregelte Wohnsituation zu suchen. «Wenn zum Beispiel eine Angststörung vorliegt, die der betroffenen Person das Leben unter anderen so gut wie verunmöglicht, können wir auch nicht viel ausrichten», sagt er.

In der Notschlafstelle der Stadt Zürich bemerkt man den Wegfall der winterlichen Zusatzangebote jeweils. Wenn auch nicht unmittelbar: «Wir registrierten diese Woche drei Personen, die sagten, dass sie bisher im ‹Pfuusbus› waren», erklärt Leiterin Schnepf. Das sind nicht viele, vergleicht man die Zahl mit den insgesamt 52 Plätzen, die an der Rosengartenstrasse zur Verfügung stehen. Über das ganze Jahr betrachtet, ist der Anstieg, der nach der Schliessung der alternativen Angebote beginnt, aber merklich.

Höchstbelegung verzeichnete die städtische Notschlafstelle im vergangenen Jahr in den Monaten Mai, August und November; in diesen Monaten zählte man jeweils 13 Tage, an denen die «Schliifi» zu über 90, teils sogar zu über 100 Prozent ihrer Kapazität belegt war. Dieses Muster – hohe Belegungszahlen in den Nicht-Wintermonaten – stellt Schnepf schon seit einigen Jahren fest. Zwar variiere die tatsächliche Belegung von Nacht zu Nacht. Doch: «Tendenziell nehmen wir von Dezember bis Februar klar weniger Leute auf als in den restlichen Monaten.» Die Gründe dafür sind auch ihr nicht restlos ersichtlich. Eine Rolle spielten sicher die erwähnten Angebote, die auf den Winter beschränkt sind. «Vielfach ist es aber auch so, dass Obdachlose die Festtage bei ihren Familien oder Bekannten verbringen.»

Die Obdachlosen der Stadt Zürich kommen also, wenn sie diese Möglichkeit denn beanspruchen wollen, das ganze Jahr über irgendwo unter, ohne grosse bürokratische Hürden nehmen zu müssen. Doch die Stadtzürcher Notschlafstelle ist eigentlich Stadtzürcher Obdachlosen vorbehalten. Zudem ist sie eine von nur zweien im Kanton, die ganzjährig offen sind; die andere führt in Winterthur die Heilsarmee. Was aber tun Obdachlose aus dem Bezirk Dietikon, wenn der Winter vorbei ist?

Bis 2010 gab es auch in Urdorf eine Notschlafstelle: das «Nachtliecht», das dem «Ur-Dörfli» der Sozialwerke Pfarrer Sieber angegliedert war. Mit dessen Wegzug nach Pfäffikon wurde auch das «Nachtliecht» geschlossen. Eine neue, bezirkseigene Notschlafstelle auf die Beine zu stellen, war danach kein Thema mehr. Auf ein entsprechendes Postulat der Schlieremer Gemeinderätin Gaby Niederer (QV) erklärte der Stadtrat 2010, die Kosten für eine eigene Einrichtung seien zu hoch, der Bedarf im Bezirk zu gering. Obdachlose aus anderen Gemeinden aufzunehmen, ist in den Notschlafstellen in Zürich oder Winterthur via Kostengutsprache zwar möglich. Zumindest in Zürich wird dies laut Eveline Schnepf aber nicht sehr häufig beansprucht. Eine Nacht an der Rosengartenstrasse kostet die Gemeinden immerhin 146 Franken. «Das ist relativ teuer und wird nur in Anspruch genommen, wenn es keine Alternative gibt», so Schnepf. Dennoch klopfen immer wieder auch Limmattaler Obdachlose bei ihr an, die «in ausgewiesenen Notlagen für eine Nacht aufgenommen werden».

Auch Schlieremer Obdachlose sind zuweilen darunter, trotz der hohen Preise. Generell sei man aber bedacht, es wann immer möglich gar nicht so weit kommen zu lassen, dass Notschlafstellen nötig werden, wie Claude Chatelain erklärt. «Unser Auftrag ist es, zu verhindern, dass jemand auf der Gasse schlafen muss», sagt der Abteilungsleiter Soziales. Obdachlosigkeit könne viele Gründe haben: Einerseits unterlassen gewisse Leute den Gang aufs Sozialamt aus Scham, andere schaffen es aus anderen Gründen nicht, sich rechtzeitig dort zu melden. «Häufig spielt auch eine Suchtkrankheit – Alkohol, Drogen, Spiele – oder eine psychische Erkrankung mit.»

Droht jemandem die Obdachlosigkeit oder ist er bereits davon betroffen, versuche man zuerst, entweder eine Notwohnung oder auch einen Platz in einem Notzimmer innerhalb des betreuten Wohnens des Sozialdienstes Limmattal zu vermitteln. Rund ein Drittel der Plätze in Dietikon und Geroldswil werden laut dessen Geschäftsführer Ueli Meier als Notzimmer geführt. «Im Notfall kann es auch dazu kommen, dass wir Leute vorübergehend in einem Hotelzimmer unterbringen», führt Chatelain weiter aus. So eine Unterbringung könne wenige Wochen bis wenige Monaten dauern – so lange halt, bis eine Anschlusslösung gefunden ist.

Ähnlich handhabt es die Stadt Dietikon, wie die Leiterin der Sozialabteilung, Liliane Blurtschi, erklärt. Nur im äussersten Notfall werde auf Plätze in der Zürcher Notschlafstelle oder «in einer günstigen Pension» ausgewichen. Ansonsten setzt auch Dietikon auf die Vermittlung von günstigen Unterkünften und auf die Notzimmer des Sozialdiensts Limmattal. Allen Obdachlosen, so Blurtschi, könne man aber gar nicht ein Dach über dem Kopf organisieren. Es gebe unter ihnen auch diejenigen, die im Winter zwar vielleicht Dienstleistungen wie jene des «Pfuusbusses» beanspruchen, für die eine geregelte Wohnsituation aber nicht infrage kommt – wenn es sich dabei auch «um ein paar wenige Ausnahmen» handle. «Zwingen kann man sie nicht», sagt Blurtschi, «der Mensch ist frei.»

Auch von den jeweils 20 bis 25 Personen, die in Schlieren gemeldet sind, aber über keinen festen Wohnsitz verfügen, sind laut Chatelain sechs bis sieben gar nicht «wohnfähig». Doch selbst die nicht Wohnfähigen, über deren Aufenthaltsort die Stadt keine Kontrolle hat, dürften nicht permanent auf der Strasse leben, selbst wenn sie die städtische Unterstützung ausschlagen, vermutet Chatelain. «Viele haben die Möglichkeit, irgendwo unterzukommen. Obdachlose können sehr kreativ sein.»

Diese Ansicht teilt auch Hélène Vuille. Die Birmensdorfer Autorin, die durch ihren Einsatz für Obdachlose bekannt wurde, sagt: Wer nicht wolle, müsse heute nicht auf der Strasse schlafen. Sie weiss aber auch, dass viele Obdachlose dieses Schicksal bewusst wählen. «Sie haben gelernt, sich auf der Gasse irgendwie über Wasser zu halten. Einige von ihnen können sich gar kein anderes Leben mehr vorstellen – und hätten auch Mühe damit, sich zu integrieren, selbst wenn sie es wollten.» Wichtig sei, so Vuille, dass Angebote vorhanden sind. «Wenn sie nur schon wissen, dass sie nicht draussen schlafen müssen, wenn sie nicht wollen, ist das viel.»